Ironie oder Wahrheit? Ein Tag beim Amtsgericht

Wir hatten geschrieben, wie Abbas Ali Alizadeh, stellvertretender Leiter der Judikative, in einem Interview sagte, dass einer von acht Iranern eine Akte bei Gericht besitze. Eine Illustration dieser Verhältnisse gibt folgender persönliche Erfahrungsbericht:

„Ich war gerade mit meinen eigenen Schwierigkeiten zu Hause beschäftigt, als ein Freund von mir anrief. Er sagte: Mein Auto ist gestohlen worden. Ich habe ihn gefragt, ob er sein Auto richtig abgeschlossen habe. Er antwortete, dass ich nicht der erste Mensch sei, der ihm diese Frage gestellte habe, und zweitens fragte er mich, ob ich ihn zum Amtsgericht begleiten könne.

Auf den Fluren des Gerichts sah es aus wie beim Jüngsten Gericht. Die Ein- und Ausgänge waren voller Menschen in Handschellen, die in einem fort kamen und gingen. Mein Freund und ich kamen in ein Zimmer, wo mein Freund viele Fragen zu seinem gestohlenen Auto beantworten musste. Irgendwann in der Mitte der Vernehmung wurde ich gefragt, wer ich sei und was ich hier zu tun hätte – ich musste den Raum verlassen. Ich fand einen leeren Stuhl und setzte mich hin.

Zwei Polizisten führten einen jungen Mann – so um die 20 – in Handschellen vorbei. Er war aus dem Gefängnis hergebracht worden. Zwei Männer und eine Frau näherten sich ihm. Ich bin sicher, dass es seine Verwandten waren. Der Junge hatte ein blaues Auge. Aus ihrem Gespräch konnte ich erfahren, dass er etwas ( ein Motorrad) behalten hatte, das ihm aber nicht gehörte. Das sagten seine Verwandten. Er hatte es sich ausgeliehen, um ein wenig anzugeben. Er wusste nicht, dass das Motorrad gestohlen war. Die Polizei hatte kurz davor erfahren, dass das Motorrad gestohlen worden war, und suchte es. Die Mutter des Jungen war direkt neben mir. Ich habe sie angesprochen und gesagt, dass ihr Sohn doch sicher wisse, von wem er das Motorrad erhalten habe, und ohne weiteres sagen könne, wer es sei und wo er sich versteckt halte. Die Mutter antwortete, dass der Junge das nicht sagen solle. Die Familie wisse natürlich, um wen es sich handle und wo er sich aufhalte. Ich hatte das Gefühl als würde mir Spinat aus dem Kopf wachsen, so unglaublich war das. Die Mutter sagte, dass ihr eigener Bruder involviert sei. Er sei mit illegalen Dingen im großen Maßstab beschäftigt. Der Bruder habe den Mann, der nicht genannt werden solle, angewiesen, das Motorrad zu stehlen.

Von der anderen Seite kam eine hoch gewachsene, schöne Frau mit einem hübschen, farbigen Kopftuch – etwa 30 Jahre alt. Ihre rechte Hand war mit Handschellen an eine Polizistin gekettet. Ihnen folgten drei Männer. Sie warteten vor einer Tür. Es stellte sich heraus, dass diese Frau eine Heiratsschwindlerin war, die es geschaffft hatte, gleichzeitig mit drei Männern verheiratet zu sein. Die Männer lebten in verschiedenen Städten und kamen pro Monat nur einmal nach Teheran. Unter drei verschiedenen Namen gelang der Frau die Heirat und die Organisation der drei Beziehungen per Handy. (Anm.: Die nach der Scharia übliche Strafe hierfür ist Steinigung.)

Plötzlich kam lautes Geschrei und Weinen auf dem Flur auf. Ein schön gewachsener junger Mann, zwischen 18 und 19 Jahren alt, wurde in Handschellen gebracht. Die Frau, die schrie und weinte, war auf dem Boden zusammengebrochen. Drei Männer versuchten den jungen Mann zu attackieren, was durch die Polizisten verhindert werden konnte. Die Männer waren der Vater und die Brüder eines dreizehnjährigen Mädchens, das von dem jungen Mann vergewaltigt worden worden war, die Frau war die Mutter des Mädchens. (Anm.: Der junge Mann hat vor Gericht nichts zu befürchten, wenn er einwilligt, das 13- jährige Mädchen zu heiraten.)

Die Islamische Revolution wollte ein islamisches Paradies in dieser Welt gründen. Nach 30 Jahren sieht so das islamische Paradies in Teheran aus.

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