Brot und Politik im Iran

Es heißt, wenn die Iraner kein Brot haben, gehen sie auf die Straße und es kommt zur Revolution.

Unter dem Schah durfte kein Premierminister mit dem Brotpreis spielen. Das bedeutet, dass dieser immer subventioniert werden musste. Im Vergleich zu anderen Waren hatten die Preissteigerungen in diesem Sektor immer geringere Ausmaße. Schon auf geringe Preissteigerungen reagierte die Bevölkerung nämlich sehr empfindlich und die Erhöhungen mussten schnell wieder zurückgenommen werden.

Auch nach der islamischen Revolution wusste die Regierung aufgrund dieser Erfahrung aus der Schahzeit, dass mit dem Brotpreis nicht experimentiert werden durfte. Alle Staatspräsidenten vor Ahmadinejad hielten sich mehr oder weniger daran. Trotzdem stieg der Preis für ein Sangak (ein auf kleinen Steinen gebackenes Fladenbrot) nach und nach von 2 Tuman (1978) unter dem Schah auf 20 Tuman (2005) zum Amtsantritt von Ahmadinejad .


Bild: Sangak

Als Ahmadinejad an die Macht kam, stieg der Preis für Sangak ebenso wie für viele andere Waren sehr schnell. Er erhöhte sich im ersten Jahr seiner Amtszeit von ca. 20 auf 50 Tuman, im dritten Jahr auf 100 Tuman und dieses Jahr (Januar 2009) auf 200 Tuman.


Bild: Nane Barbari

Nach wie vor wird das Brot subventioniert. Jede Bäckerei erhält nach einem Schlüssel ein Kontingent an preiswertem Mehl und darf das Brot nur zu einem bestimmten Preis verkaufen. Es gibt Obergrenzen für die Brotmenge, die pro Person gekauft werden kann – wie im Krieg. Ist das Brot ausverkauft, schliessen die Bäckereien oft das Geschäft. Wer allerdings trotzdem Brot backen und verkaufen wollte, konnte sich das Mehl auf dem freien Markt zu normalen Preisen beschaffen und entsprechend teurer verkaufen – ein Schlupfloch, das kaum kontrolliert werden konnte.

Trotz der staatlichen Kontrolle ist auf dem Brotmarkt inzwischen eine Preisentwicklung zu beobachten, die der offiziellen Politik widerspricht: In Gholhak, einem reichen Viertel von Nordteheran, muss für ein Sangank 800 Tuman, in Shahrakghods 1500 Tuman, in einem Viertel südlich von Gholhak 600 Tuman, in Zentralteheran 400 Tuman und im äußersten Süden von Teheran 200 Tuman bezahlt werden.

Einem Beobachter dieser Entwicklung wurde auf Anfrage der hohe Brotpreis von 800 Tuman in Gholhak mit der angeblich so besonderen Brotqualität und dem hohen Sesamanteil begründet. In Shahrakghods hieß es, dass die Bäckerei keine Subvention des Staates erhielte und deswegen das Brot teuer verkauft werden müsse. Je weiter der Beobachter nach Süden kam, desto länger musste er in der Schlange warten, desto kleiner wurden die Brote und desto geringer war ihre Qualität. Ganz im Süden schmeckte das Brot wie Stroh. Er berichtete zudem von folgender Anekdote: ein Bäcker einer Bäckerei im Süden rauchte beim Zubereiten des Brotes und ließ Asche auf den Teig fallen. Als unser Freund ihn daraufhin kritisierte, bekam er die barsche Antwort, dass er jederzeit sein Brot auch woanders kaufen könne.

Die vom Staat subventionierten Bäckereien haben Vorschriften, die das Gewicht, die Qualität und die Art der Herstellung z.B. hinsichtlich der Gesundheit, der Räumlichkeiten, etc. genau gesetzlich regeln. Würde alles mit rechten Dingen zugehen, könnte eine behördliche Untersuchung oder ein Anzeige bei der Stadtverwaltung zur Schließung einer diese Vorschriften mißachtenden Bäckerei führen. Die Bäckereien haben jedoch keine Angst, weil sie durch Bestechungen solche Probleme schnell lösen können.

Fakt ist, dass die illegalen Preiserhöhungen oder Qualitätsverringerungen der Bäckereien nur möglich sind, weil der Staat ein Interesse an dieser Entwicklung hat. Aus Angst vor einer offenen Rebellion der Bevölkerung führt er nicht selbst Marktpreise ein, lässt aber zu, dass Parallelbanbieter zu hohen Preisen auftauchen, was er früher nicht tolerierte. So soll sich die Bevölkerung allmählich an höhere Preise gewöhnen.

Um die Eingewöhnung zu erleichtern, hatte Ahmadinejad den Wählern Direktzahlungen statt Subventionen versprochen. Der Markt sollte seine Preise fordern, aber dafür sollte das Geld, das bisher durch Subventionen verschluckt wurde, direkt an die Bevölkerung ausgezahlt werden. Das wäre im Jahr immerhin ein Betrag von 32 Milliarden Dollar gewesen, verteilt auf 60 Millionen Menschen (das wäre die Zahl der Berechtigten), also etwa 500 Dollar pro Kopf und Jahr. Mit diesem Versprechen hatte Ahmadinejad in der Bevölkerung große Hoffnungen geweckt. Damals betrugen die jährlichen Erdöleinnahmen noch 80 Milliarden Dollar, durch den Preisverfall des Erdöls sind diese Einnahmen allerdings mehr als halbiert worden. Sprich, Ahmadinejad fehlt das Geld, um sein Versprechen zu verwirklichen.
Wenn er an der schleichenden Liberalisierung der Preise festhalten will, wie es derzeit schon auf dem Benzinmarkt geschieht, muss er mit massiven Protesten aus der Bevölkerung rechnen.
Auch dafür hat er vorgesorgt: Die Manöver in Teheran, bei denen 30.000 und beim zweiten Mal sogar 150.000 Bewaffnete zum Einsatz kamen, sollten der Bevölkerung signalisieren, dass der Staat im Ernstfall bereit ist.
Auch die jüngsten Hinrichtungswellen im Iran dienen wohl vor allem dem Zweck, die Bevölkerung einzuschüchtern.

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