Iran: 30 Jahre nach der Islamischen Revolution


Die Iraner revoltieren im Februar 1979

Allein in den letzten zwei Wochen des Januar 2009 wurden 48 Iraner hingerichtet.
Im Januar und Februar des Jahres 1979 explodierte die Wut gegen das alte System der Schah-Regierung in der iranischen Gesellschaft. Alle Iranerinnen und Iraner schrien nach Demokratie und waren bereit, ihr Leben dafür zu geben. Sie forderten eine iranische demokratische Republik oder eine islamische demokratische Republik. Doch Chomeini kam an die Macht und proklamierte eine „Islamische Republik – kein Wort mehr und kein Wort weniger.“ Er und seine Anhänger wollten den Iran zu einem islamischen Paradies machen. Darüber, ob der Iran nach 30 Jahren einem Paradies gleichkommt, soll uns das folgende Interview mit einem iranischen Anwalt Aufschluss geben.

Frage: Ist die iranische Gesellschaft in den 30 Jahren Islamische Republik eine religiöse Gesellschaft geworden?

Antwort:
Vor kurzem habe ich folgendes erlebt: Ich wollte einen meiner Mandanten in einer fremden Stadt, fernab vom Zentrum besuchen. Im Hof einer Moschee traf ich vier Polizisten, mehrere Jugendliche und ein Mädchen. Der Polizeioffizier hat sowohl das Mädchen als auch die Jugendlichen beschimpft und ihnen mit der Festnahme gedroht. Weil ich den Polizeioffizier kannte, fragte ich ihn, was vorgefallen war. Er gab zur Antwort, dass dieses Mädchen mehrfach dabei erwischt worden war, wie sie mal mit diesen mal mit anderen Jugendlichen in einem Raum der Moschee sexuelle Beziehungen hatte. Ich sagte, das ich das nicht glauben könne, und fragte, warum sie denn nicht festgenommen würde. Er antwortete, dass dies keinen Sinn mache. Die Mutter des Mädchens prostituiere sich irgendwo in Teheran, und die Jugendlichen würden nicht zur Schule gehen und hätten auch keine richtige Arbeit.

Frage: Können Sie noch von weiteren, ähnlichen Vorkommnissen berichten?

Antwort:
Letzten Monat begleitete ich einen meiner Mandanten, als er einem Kunden ein zum Verkauf stehendes Grundstück zeigte. In der Mitte des Grundstücks befand sich ein Gemäuer ohne Bedachung. Wir unterhielten uns, während wir uns dem Gemäuer näherten, als plötzlich acht Jugendliche und junge Männer davon rannten. Auf der Flucht liessen sie Spritzen und andere Utensilien zurück, die man für den Drogenkonsum benötigt.

Frage: Wie werden Drogen im Iran bekämpft?

Antwort:
Ich habe mitbekommen, wie eine auf Drogenüberwachung spezialisierte Polizeieinheit einen Lastwagen zum Transport von Rauschgift beschlagnahmt und deren Insassen festgenommen hat. Das Unglaubliche war jedoch, dass der Chef der Polizeistation die beschlagnahmten Drogen irgendwo verkauft hat, einen großen Teil für sich behielt, einen Teil an seine Kollegen und einen kleinen Teil an die festgenommenen ursprünglichen Besitzer verteilte. Nach kurzer Zeit kamen die drei festgenommenen Personen wieder frei. Einer von ihnen, ein angesehener Unternehmer, zeigte daraufhin den Polizeichef an, und alles kam ans Tageslicht.

Frage: Was kann man gegen solche Zustände unternehmen?

Antwort:

Bestechung und Korruption gibt es im ganzen Iran. Ohne Bestechung kann man nichts erreichen. Ein Beispiel: Es gibt Fälle, in denen Kopien der Besitznachweise von Hauseigentümern durch Behördenmitarbeiter kopiert werden, diese Fälschungen als Originale beim Verkauf des Hauses eingesetzt werden und die eigentlichen Inhaber sich anschliessend mit den Käufern vor Gericht um das Hauseigentum streiten müssen.

Frage: Was können Sie uns über den iranischen Industriesektor berichten?

Antwort:

Viele Betriebe sind heute nur zu 40 % ihrer Kapazität ausgelastet. Es kommt häufig vor, dass Beschäftigte von Industriunternehmen auf die Strasse gehen und ihren teilweise Monate lang ausstehenden Lohn fordern müssen. Sie organisieren Sitzstreiks vor den Fabriken, und wenn das nichts bewirkt, ziehen sie vor ein Parlament, um dort ihre Rechte einzufordern. In den Zeitungen wird regelmässig immer wieder über solche Aktionen berichtet. Die Importpolitik hat den iranischen Industriesektor ruiniert.

Frage: Wie sieht es in der Landwirtschaft aus?

Antwort:
Die iranischen Bauern hatten dieses Jahr eine gute Kartoffelernte, die es ihnen erlaubte, Überschüsse zu exportieren. Nun war das Problem, dass die Regierung für den Export einen überteuerten Tarif verlangte, den die Bauern nicht bezahlen konnten. Es lohnte sich einfach nicht zu exportieren. Die Bauern zogen es daher vor, überschüssige Erträge wieder unterzupflügen. Der Hintergrund dieser Geschichte ist, dass zwischen der iranischen und pakistanischen Regierung ein Handelsabkommen existiert, wonach für jeweils fünf Kilo Reis ein Kilo Kartoffeln importiert werden muss. Diese Regelung überschwemmte den iranischen Markt mit billigen Kartoffeln und billigem Reis aus Pakistan.

Zusammengefasst kann man sagen: Sowohl die Regierung als auch die iranische Bevölkerung geht ihren eigenen Weg – in verschiedene Richtungen. Gesetze haben keine Bedeutung.

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