Kampf zwischen Wissenschaft und Religion im Iran

Die Studentenbewegung nimmt im Iran eine Rolle ein, die in anderen Ländern Parteien und Bürgerinitiativen ausüben. Die StudentInnen sind die einzigen, die Zugang zu Wissen haben und politische Forderungen an die Öffentlichkeit tragen können.

Ungefähr sechs Monate vor der Islamischen Revolution war die Universität Teheran das Zentrum des Widerstands gegen die Schah-Regierung. Die Intellektuellen, die Professorinnen und Professoren sowie die Studentinnen und Studenten haben sich an der Universität organisiert und ein Widerstandskommittee aufgebaut. Auf dem Höhepunkt der Revolution waren sämtliche politischen Gruppierungen, egal ob links oder religiös, an der Universität Teheran präsent, hatten eigene Räumlichkeiten der Universität besetzt und dort ihre Aktionsbüros eingerichtet. Jeden Tag veröffentlichten sie eigene Zeitungen und Flugblätter, die ihre Wünsche, welches Modell ihrer Meinung nach im Iran zum tragen kommen sollte, wiedergaben.

Schon wenige Tage nach dem Sturz des Schahs griffen die Widerstandsgruppierungen die Kasernen an, um das Militär zu entwaffnen und aufzulösen. Obwohl dabei vor jeder Kaserne ein Mullah als Vertreter Chomeinis stand, um eben dies zu verhindern, wurde viele Kasernen angegriffen. Revolutionäre und normale Leute gingen in den Kasernen teilweise nach Belieben ein und aus und konnte sich von Kleinwaffen bis zu Panzerfäusten alles Mögliche aneignen. Die Technologie-Fakultät war ein Zentrum des linken bewaffneten Widerstandes. Direkt vor dem Eingang dieser Fakultät stand mehrere Tage lang ein von StudentInnen eroberter Panzer als Zeichen der Revolution.

Chomeini und seine Anhänger waren gegen diese Atmosphäre. Sie wollten das Militär in ihrer Hand haben. Sie wollten alle bewaffneten Gruppierungen entwaffnen, um ihr islamisches Modell aufzubauen. Doch die Universitäten im ganzen Land waren Orte des Widerstands auch gegen Chomeinis Meinung. Der Konflikt zwischen den Universitäten und Chomeini flackerte immer wieder auf. Sobald Chomeini sicher im Sattel sitzen konnte, schloss er die Universitäten.

Es dauerte 2 Jahre, in denen viele Studentinnen und Studenten sowie Lehrkräfte festgenommen und hingerichtet wurden. Als die Universitäten wieder geöffnet wurden, wurden nur die Studentinnen und Studenten zum Studium zugelassen, die an Chomeini und die Islamische Revolution glaubten.

Das nächste Projekt war der Aufbau von Moscheen, die in jeder Universität errichtet werden sollten. Während des iranisch-irakischen Krieges wurden alle Studenten für drei Monate zum Kriegsdienst, die Studentinnen zu Arbeitseinsätzen hinter der Front verpflichtet.

Trotz der genauen Auswahl der Personen, die zum Studium zugelassen wurden, regte sich langsam erneuter Widerstand. Er behinderte die Regierung bei ihrem Plan, die Universitäten zügig zu islamisieren. Ein wenig erfolgreiches Projekt unter vielen durchaus erfolgreichen war das Errichten von Gräbern unbekannter Märtyrer auf dem Gelände der Universitäten. Die Grabmale sollten Orte des Gebets sein und zugleich vorführen, wie man sich für den Islam opfert.

Bevor Ahmadinejad Staatspräsident wurde, schaffte es die Regierung lediglich an einer Handvoll Universitäten, solche Gräber auf Universitätsgelände durchzusetzen. Selbst unter Ahmadinejad, unter dem die StudentInnen in großer Zahl unterdrückt, festgenommen und gefoltert wurden, gab es noch Widerstand gegen diesen Plan.

Seit letzter Woche wollte die Regierung fünf unbekannte Märtyrer in der Universität Amir Kabir (Teheran) beisetzen. Die StudentInnen sammelten 3000 Unterschriften dagegen. Gestern, Sonntag, den 22.02.2009, fand an dieser Universität eine Demonstration statt, an der 600 Studenten und Studentinnen teilnahmen.


„Steht auf, Freunde“

Es wurden viele Plakate hochgehalten und Parolen gerufen wie „Ewin [Anm.: das berüchtigte Teheraner Gefängnis] wurde zur Universität und die Universität wurde zum Friedhof!“, „Die Diktatur unserer Zeit: Märtyrer sind eine Ausrede!“, „Gefangene StudentInnen müssen frei gelassen werden!“, „Ist das hier eine Universität oder eine Kaserne?“, „Basijis, haut ab“, „Brot, Frieden und Freiheit“ oder „Sturz der Diktatur, es lebe die Freiheit“.

Videomitschnitt der studentischen Demonstration in Amir Kabir:

In der Nacht zum Montag mobilisierte die iranische Regierung sämtliche Kräfte und riegelte das gesamte Universitätsgelände mit Polizei, Revolutionswächtern, Hisbollah, Basiji und Geheimdiensten ab. Ab 10:30 Uhr konnte kein Student mehr hineingehen. In der Universität selbst nahmen ungefähr 1500 StudentInnen an einer Demonstration teil. In der ersten Reihe waren StudentInnen, die ihre Gesichter vermummt hatten. Die Sicherheitskräfte drangen in die Universität ein und griffen die StudentInnen an. Die Angreifer waren mit Stöcken, Pfefferspray, Messern und Pistolen bewaffnet. Viele Studentinnen und Studenten wurden verletzt.

Begräbniszeremonie auf dem Universitätsgelände von Amir Kabir:

Nach Auflösung der Demonstration wurden die fünf unbekannten Märtyrer in einer Zeremonie begraben, unter Beisein eines Mullahs und begleitet von einer Gruppe sich selbst mit Ketten geißelnder Gläubiger ( مراسم زنجیرزنی ).


Sich selbst mit Ketten geißelnde Schüler im Iran

Begräbnisse dieser Art fanden gestern auch in der Stadt Kashan (3 unbekannte Märtyrer), sowie heute morgen an der Universität Bahonar in Kerman statt. In Kerman nahm der Stellvertreter des Wissenschaftsministers teil und äußerte u.a., dass Wissenschaft und Dschihad nicht getrennt sein dürften.

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