Komödie und Tragödie bei den Staatspräsidentenwahlen im Iran


Talar Rudaki (Theater in Teheran)

Alle vier Jahre wird im Iran ein Theaterstück mit dem Namen „Staatspräsidentenwahl“ aufgeführt. Dieses Stück bleibt ungefähr zwei Monate auf der Bühne und besteht aus zwei Teilen: der erste Teil ist eine Komödie, der zweite ist eine Tragödie. Bald wird der erste Teil beendet sein. Die Schauspieler, die zwischen zwölf und sechsundachtzig Jahre alt waren, haben sich beim Innenministerium angemeldet. 433 Männer und 42 Frauen haben mitgespielt. Unter den Angemeldeten waren Analphabeten und Akademiker, Mullahs und normale Leute, radikale Hizbollah und Reformisten, Lumpenproletarier und Angehörige der Mittelschicht.

Direkt neben dem Büro für die Anmeldung zur Wahl hatte die Regierung ein Pressebüro eingerichtet, in dem alle neu Angemeldeten von den Medien sogleich interviewt wurden. Die so produzierten Bilder werden in sämtlichen Zeitungen und Rundfunksendern immer und immer wieder gezeigt und ausführlich diskutiert. Ein paar Beispiele von Personen, die sich den Interviews gestellt hatten: Kurosh Moezeni, ein 12-jähriger Junge, der mit seinem Vater gekommen war, sagte im Interview: „Wenn ich Staatspräsident werde, werde ich mit Obama sprechen und die Hawaii-Inseln kaufen und alle Menschen von Israel müssen dorthin deportiert werden.“ Der älteste Bewerber, Ali Asghar Salehi, sagte: „Wenn ich Staatspräsident werde, werde ich meinen Sohn als Wohnungsminister einsetzen und dafür sorgen, dass jeder Iraner eine eigene Wohnung bekommt. In mein Kabinett werde ich Ahmadinejad und all seine Minister aufnehmen“. Ali Reza Sadri, der behauptet, ein Fachmensch auf dem Gebiet der Literatur und der Wissenschaft zu sein, hat auf alle Fragen mit Gedichten geantwortet. Akbar Alami, ehemaliges Parlamentsmitglied als parteiloser Abgeordneter von Tabriz, hat bis jetzt in kaum einer Stadt in der Umgebung von Tabriz eine Wahlveranstaltung durchführen können – stets waren Räume belegt, wurde renoviert, etc. Alami hat als Prinzipialist scharfe Kritik an der Regierung Ahmadinejad gebübt. In den letzten Tagen wurde das Auto von Karoubi, dem ehemaligen Parlamentarier und Hoffnungsträger für die Reformisten, sowie das seiner Leibwächter von Männern auf Motorrädern angegriffen und die Windschutzscheiben mit Steinen eingeworfen. Die Veranstaltungen von Mir-Hossein Mussawi, der zwischen Prinzipialisten und Reformisten laviert, werden von Vertretern der Hisbollah und von Kritikern seiner Rolle bei den Massakern im Sommer 1988 angegriffen: sie kritisieren, stören und sprühen Pfefferspray, so dass Teilnehmer der Veranstaltung ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen.

Derjenige, der im Moment die meisten Möglichkeiten in der Hand hat, was die Beeinflussung der Medien und die Organisation von Wahlkampfveranstaltungen angeht, ist Ahmadinejad. Er reist von Ort zu Ort und verteilt Wahlgeschenke. Direkt unterstützt wird er von den Befehlshabern der Revolutionswächteroraganisation und der Basiji (Milizen). Indirekte Unterstützung erfährt er seit Beginn des Wahlkampfs vom Religionsführer Chamenei. Doch was die Schauspieler bislang auf der Bühne geboten haben, konnte die Iraner nicht begeistern. Aus diesem Grund sah Chamenei sich gezwungen, selbst einen Part zu übernehmen. Seit einer Woche bereist Chamenei jetzt verschiedene Städte im unruhigen Iranisch -Kurdistan. In diesen Städten wird dann alles geschlossen, die Strassen werden militarisiert und die Angestellten des Öffentlichen Dienstes müssen ihm einen besonderen Empfang bereiten. Um Zuversicht und Selbstsicherheit zu demonstrieren riskierte er sogar einen kleinen Spaziergang im Gebirge.

Während das Stück auf der politischen Bühne aufgeführt wird, finden gleichzeitig im ganzen Land Arbeitskämpfe statt. Die Menschen fordern ihren Lohn, der teilweise seit vielen Monaten aussteht, Lehrer streiken für höhere Löhne, Studenten demonstrieren an verschiedenen Universitäten für ihre Forderungen, werden festgenommen, gefoltert und führen im Gefängnis Hungerstreiks durch. Frauen werden jeden Tag auf der Straße wegen unislamischer Kleidung gejagt, geschlagen und vor das Revolutionsgericht geschickt. Private Geburtstagsfeiern werden von der Polizei angegriffen, weil Männer und Frauen nicht getrennt sind. Journalisten, die mit ausländischen Sendern Interviews hatten oder etwas Kritisches geschrieben haben, werden ebenfalls festgenommen. Die Angehörigen und Freunde der Inhaftierten versammeln sich regelmässig vor den Gefängnissen und fordern die Freilassung der Gefangenen.

Laut Angaben offizieller staatlicher Institutionen steigt die Inflation immer weiter an. Zur Zeit liegt sie offiziell bei 24% (in Wirklichkeit bei ca. 30%). Das Öleinkommen ist gegenüber dem Vorjahr um 60% gesunken. Private oder langfristige, staatliche Investitionen, egal in welchem Bereich, finden kaum noch statt. Die Arbeitslosigkeit liegt nach offiziellen Statistiken bei 18%, tatsächlich aber wohl über 25%. Besonders betroffen sind Iraner im Alter von 18 bis 30 Jahren. Wer auch immer Staatspräsident wird, muss mit einem Haushaltsdefizit von 50% rechnen. Ökonomen behaupten, die wirtschaftliche Krise habe im Iran gerade erst begonnen und das eigentliche Tief stehe erst noch bevor. Mafiastrukturen und Korruption herrschen im ganzen Land. Ein Vertreter der Polizei sagte letzte Woche, dass 5 Mio. Iraner drogenabhängig seien und 17 Mio. Iraner irgendwie mit Drogenhandel in Verbindung stünden. Jeden Tag versuchen die bewaffneten Arme der Regierung sich in die privaten Angelegenheiten der Menschen einzumischen. Um sie unter Kontrolle zu halten, wurden am Montag, den 18. Mai, Spezialeinheiten in vier stark bevölkerten Stadtteilen von Teheran stationiert – analoges gilt für andere Städte.

In Kürze werden wir Zeugen des zweiten Teils des iranischen Polittheaters: der Tragödie.

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