Wahlen im Iran: ein neuer Wind

Diejenigen, die die Zeit der Revolution im Iran (Februar 1979) und die ersten sechs Monate nach dem Sturz des Schahs selbst erlebt haben, kennen die Atmosphäre noch. Überall auf den Straßen, an den Kreuzungen, an den Eingängen der Schulen und Unis, standen Menschen in Gruppen zusammen und diskutierten darüber, wie es weiter gehen solle, was für ein System das richtige sei – ein islamisches, ein demokratisches usw. Nach sechs Monaten traute sich keiner mehr, öffentlich eine abweichende Meinung zu äußern, denn das bedeutete, im Gefängnis zu verschwinden.
Jetzt, da der Wächterrat vier Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen ausgewählt hat, kommt es seit 30 Jahren zum ersten Mal wieder zu so einer Erscheinung, vorerst freilich auf die Studentinnen und Studenten beschränkt. Die Anhänger von Ahmadineschad, Mir-Hossein Mussawi und Karubi diskutieren heftig miteinander, welcher Kandidat die bessere Politik vertrete.

Und wie damals die Anhänger von Ajatollah Chomeini ihre Gegner mit Fäusten bearbeiteten, wenn sie auf die Argumente keine Antwort hatten, gehen heute die Anhänger von Ahmadineschad auf ihre Gesprächspartner los, wenn ihnen die Argumente ausgehen.

Polytechnische Hochschule Amir-Kabir
Diese Hochschule in Teheran hat schon seit einiger Zeit einen Ruf, ein „Widerstandsnest“ zu sein. Als Präsident Ahmadineschad vor zwei Jahren dort auftrat, um eine Rede zu halten, wurde er ausgebuht und die Studenten riefen ihm entgegen, Iran werde kein zweites Chile und verbrannten Ahmadineschads Foto, während sie „Tod dem Diktator“ schrien.
Mitte Mai sollte der Präsidentschaftskandidat Karubi – der als sogenannter „Reformer“ auftritt – an dieser Hochschule auftreten. Karubi tritt im Wahlkampf unter anderem mit dem Versprechen auf, dass die Hochschulen Freiheit bräuchten und unter ihm kein Student ins Gefängnis käme.
Zuerst wurde Karubi vom Hochschulrektor mitgeteilt, dass leider kein Raum vorbereitet sei, die Veranstaltung müsse am 9. Chordad stattfinden. Eine Woche später, am 8. Chordad, wurde ihm erneut abgesagt und er wurde aufgefordert, später zu kommen. Dagegen protestierten die Studenten, die ihm sagten, wenn er wirklich für die Freiheit der Studenten sei, solle er zum angesagten Termin (30. Mai 2009) auch kommen. Zwei Stunden vor der geplanten Rede hatten sich zahlreiche Studenten vor der Uni versammelt, auch solche, die auf der Schwarzen Liste standen und keinen Zutritt zur Uni hatten. Die Polizei und der Kontrolldienst der Uni versuchten, die Studenten zum Weggehen zu bewegen, sie sollten noch vier Tage warten. Aber die Studenten ließen sich nicht vertreiben. Schließlich tauchte Karubi auf. Die Studenten marschierten unter seiner Führung aufs Tor der Uni zu und forderten, dass das Tor geöffnet werden solle. Karubi versuchte, sie zu beschwichtigen, das Problem müsse man mit Dialog lösen, nicht mit Gewalt, und begann, mit verschiedenen Verantwortlichen zu verhandeln. Ohne Erfolg. Darauf hielten sich die Studenten nicht mehr zurück und drückten das Tor ein, um Karubi zu dem Saal zu bringen, wo er seine Rede halten sollte. Nun griffen die Sicherheitskräfte ein. Direkt auf die Studenten einprügeln wollten sie in dieser Lage nicht, so schnappten sie sich Karubi und brachten ihn in einen Raum der chemischen Fakultät, den sie hinter sich abschlossen. Dann versuchten die Vertreter der Staatsorgane, die Studenten zu überzeugen, sich aufzulösen, der Kandidat fühle sich nicht wohl und sie sollten ihn nicht weiter stressen. Die Studenten nahmen ihnen das nicht ab, öffneten die Tür gewaltsam, in dem sich Karubi im „Gewahrsam“ befand, und holten ihn raus. Da der Saal, wo die Rede hätte stattfinden sollen, abgeschlossen war, brachten die Studenten den Redner zur Moschee der Universität. Als er dort reden wollte, forderten die Studenten, er solle auf die Kanzel gehen, damit man ihn besser höre. Darauf wurde von den Staatsorganen der Strom abgedreht, damit man den Redner nicht hören konnte. Die Studenten organisierten darauf eine eigene Stromversorgung und statteten den Redner mit einem Mikrophon aus.
Karubi versprach den Studenten, was sie gerne hören wollten. Zum Beispiel, dass die Unis frei sein müssten, dass die inhaftierten Studenten freigelassen werden müssten und dass es auch keine Schwarze Listen von Studenten geben dürfe, die vom Studium ausgeschlossen bleiben.
Nachdem er ausgeredet hatte und gegangen war, traf Said Rasawi ein, ein Student der hundert Tage im Gefängnis verbracht hatte und gerade eben freigelassen worden war. Die Studenten nutzten die Kanzel als freie Tribüne, ließen ihn von dort sprechen und trugen noch eine Stunde lang ihre Forderungen vor.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email