Iranische Wahlnächte

Die iranischen Präsidentschaftswahlen rücken näher. Im iranischen Fernsehen werden Debatten der vier Kandidaten übertragen: Ahmadineschad und Mir-Hossein Mussawi, ein andermal Ahmadineschad und Karubi. Bei diesen Debatten wird die schmutzige Wäsche in aller Öffentlichkeit gewaschen. Ahmadineschads Gegner halten ihm die versickerten Erdölmilliarden, die Außenpolitik, die Verletzung des iranischen Grundgesetzes, den Aufbau einer Diktatur, die Hinrichtungen und die inhaftierten Studenten vor. Aber der jetzige Präsident ist auch nicht aufs Maul gefallen und kontert mit den Sünden seiner Rivalen, die ja früher auch schon Macht ausgeübt hatten. Die anderen Kandidaten sehen den Ausweg darin, dem Volk Veränderung zu versprechen. So als wollten sie Obamas Slogan „Change“ in der iranischen Version „Taghyir“ wiederholen. Glaubwürdig sind sie bei den Wählerinnen und Wählern, namentlich den Studierenden, nicht, aber es ist eine willkommene Parole, und so sieht man jetzt überall Plakate und Schriftzüge mit der Forderung:

„Taghyir baraye Iran“ – „Veränderung für den Iran“

Und damit ist keine kosmetische Veränderung der islamistischen Diktatur gemeint, sondern eine Abschaffung dieses Systems. Es wird nicht ausgesprochen, aber jeder versteht es.
In dieser Atmosphäre hitziger Debatten und Entlarvungen haben sich die Menschen zumindest für die Zeit vor den Wahlen neue Freiräume erkämpft. Die Jugendlichen aus den südlichen Stadtteilen Teherans, wo die Ärmeren wohnen, binden sich grüne Bänder um, färben sich die Fingernägel grün oder färben ihr Gesicht grün, um sich als Anhänger von Mir-Hossein Mussawi zu erkennen zu geben.

In dieser Aufmachung begeben sie sich in den Norden von Teheran, wo die Reichen wohnen, und erleben das erste Mal so etwas wie eine klassenlose Gesellschaft. Die Menschen kommen dort auf der Straße zusammen, rufen „Ettehad, Ettehad“ (Bündnis, Zusammenhalt), bilden Menschenketten,

tanzen und singen bis spät in die Nacht, Jungen wie Mädchen.

Die Lieder, die sie singen (z.B. Aftabkaran, ein Partisanenlied, das gedichtet wurde, nachdem die Führer der Partisanen durch die Islamisten hingerichtet wurden), hätten sie noch vor vier Monaten unter dem Vorwurf des Kommunismus ins Gefängnis gebracht. Jetzt haben sie Narrenfreiheit.

Die Kinder der Reichen tanzen zusammen mit den Kindern der Armen, keiner schaut auf die Schuhe, ob es eine teure Marke ist, keiner fragt, von welchen Eltern man kommt, keiner fragt fragt, aus welchem Stadtteil man kommt. Es ist ein kurzer Karneval, die Jugendlichen aus dem Süden sind sich bewusst, dass man sie nach den Wahlen – egal wer gewinnt – nicht mehr anschauen wird oder nur von oben nach unten, und viele von ihnen haben auch nicht die Absicht, für einen der vier Kandidaten zu stimmen, aber sie wollen frei sein, singen, tanzen, bis in die Nacht.
Und Nacht wird bald.

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