Iran: Krieg unter den Turbanen

Während Ajatollah Rafsandschani nach außen weiterhin den Eindruck wahrt, für niemand Partei zu ergreifen, senden seine Tochter wie auch die Söhne anderer Ajatollahs deutliche Signale aus.

Es geht nicht mehr nur um die Fälschung der Wahlergebnisse, jetzt rütteln die Kinder der Ajatollahs am Thron von Ajatollah Chamenei. Ahmadineschad, der angeblich wiedergewählte Präsident, ist Nebensache geworden, die Wurfspieße sind jetzt aufs Zentrum gerichtet. Im Zentrum stehen Chamenei und sein Pakt mit den bewaffneten Organen (Bassidschi, Pasdaran).


Dr. Mehdi Khaz‘-Ali

Ajatollah Chamenei: Der nackte Kaiser

Dr. Mehdi Khaz‘-Ali (Khazali, Chas-Ali) gab am 9. Juni 2009 dem amerikanischen Sender Voice of America in Dubai ein einstündiges Interview. Als Begründung sagte er, wenn er den iranischen Medien ein Interview gebe, könne er nicht sicher sein, dass sie seine Worte überhaupt abdrucken würden.

In seinem Interview schilderte er, wie Ajatollah Chamenei mit der Unterstützung von Haschemi Rafsandschani auf den Posten des religiösen Führers gelangte. Die Leute, die jetzt das persönliche Umfeld von Ajatollah Chamenei bildeten, hätten riesige Reichtümer angehäuft und versuchten durch Schmeichelei und scheinbare Unterwürfigkeit sicher zu stellen, dass Chamenei sie nicht von ihren Geschäften abhalte. So soll der einflussreiche Ajatollah Mesbahe Jasdi selbst geäußert haben, dass er jedesmal, wenn er Ajatollah Chamenei besuche, ihm sogar die Füße küsse.

Im selben Interview sprach Dr. Mehdi Chas-Ali auch von den Serienmorden an bekannten politischen und kulturellen Persönlichkeiten Ende der 1990-er Jahre, und das in einer Detailgenauigkeit, dass jedem deutlich wird, wer diese Morde wie organisiert hat.

Bezüglich des iranischen Präsidenten Ahmadineschad sagte er, dieser habe 1988 zusammen mit Schariatmadari, dem heutigen Herausgeber der in Teheran erscheinenden Regimezeitung Keyhan, Dr. Sami ermordet, den ersten iranischen Gesundheitsminister unter der Regierung Basargan (erste Revolutionsregierung von 1979). Ahmadineschad und Schariatmadari seien damals verhaftet, aber nach zwei Tagen schon wieder freigelassen worden.

Dr. Mehdi Chas-Ali (Khaz‘-Ali) ist Sohn von Ajatollah Abolqasem Khaz‘-Ali, einem Mitglied des Expertenrats. Sein Vater ist also einer der Personen, die den geistlichen Führer (derzeit Ajatollah Chamenei) und auch dessen Nachfolger wählen.

Nach diesem Interview distanzierte sich der Ajatollah öffentlich von seinem Sohn und meinte, er habe ihn ermahnt, aber der Sohn habe nicht auf ihn gehört. Der Sohn erwiderte mit einem offenen Brief, dass sein Vater offensichtlich nicht mitbekomme, was im Iran wirklich los sei, und dass er Gott bitte, ihn auf den richtigen Weg zu leiten.

Am 27. Juni 2009 erhielt Dr. Mehdi Chas-Ali ein Schreiben des Sondergerichts der Geistlichkeit der Region Teheran, er solle am nächsten Tag dort vorstellig werden. Dr. Mehdi Chas-Ali erwiderte hierauf öffentlich, er sei Arzt und kein Geistlicher, das Sondergericht der Geistlichkeit sei somit nicht für ihn zuständig. Trotzdem ging er am Sonntag zum angegebenen Ort, wurde verhaftet und ist seither verschwunden. In seiner Wohnung fand eine Hausdurchsuchung statt.


Fa‘ese Rafsandschani

„Reformer“ Chatami als Wegbereiter von Chameneis Diktatur

Fa‘ese Rafsandschani, die Tochter von Ajatollah Rafsandschani, sprach am Sonntag, den 28. Juni 2009, in der Ghoba-Moschee anlässlich der Trauer-Feier zum 7. Tir 1360 (28.06.1981) vor mehreren Tausend Menschen.

Sie fand harte Worte zum Ablauf der Wahlen und gegen den Religionsführer Ajatollah Chamenei. So erklärte sie in aller Öffentlichkeit, dass die Wahlbeobachter nicht wie vorher zugesichert ihre Ausweiskarten als Beobachter erhalten hätten. Am Tag der Wahlen sei das SMS-System blockiert worden, das dazu eingesetzt werden sollte, die Wahlbeobachter zu koordinieren. So kam es, dass die Wahlbeobachter, die einen Beobachter-Ausweis erhalten hatten, trotzdem nicht aktiv werden konnten, weil man ihnen den Einsatzort nicht mitteilen konnte. Nach amtlichen Angaben seien 40 Millionen Stimmen abgegeben worden. Aber wieso seien dann 57 Millionen Stimmzettel gedruckt worden? (Die Zahl der Wahlberechtigten im Iran betrug für diese Wahlen 46 Millionen).

Fa‘ese Rafsandschani unterstrich auch, dass es jetzt nichts nütze, die Stimmen nachzuzählen, denn die Wahlfälscher hätten sich gut organisiert und die Urnen – in Abwesenheit von Beobachtern – selbst mit Stimmen gefüllt. Daher könne jetzt niemand mehr die Fälschung beweisen.

Sie meinte, die Verteidiger des Herrn (gemeint ist Ajatollah Chamenei) seien die Hisbollahis und die Pasdaran. Chameneis Absicht sei es, die Interessen der Bassidschis zu verteidigen. Wenn er das nicht täte, würden die ihn fallen lassen. Auch sei am ganzen Wahlsystem etwas faul. Einmal hätte sie die meisten Stimmen von ganz Teheran bekommen, ein anderes Mal nicht eine einzige Stimme.

Der Hauptschuldige für diese Diktatur sei nach ihrer Meinung Chatami (Ahmadineschads Vorgänger). Als am 18. Tir (im Juli 1999) die Studentenbewegung niedergeschlagen wurde, habe Chatami zwar die Täter und Hintergründe offengelegt, dann aber Chamenei das Feld überlassen. Ajatollah Chamenei habe gemerkt, wenn er sich jetzt nicht spute, werde er alles verlieren. Das sei der Anfang von der Diktatur gewesen.


Ali Mottahari

Und wieder hat keiner den Schießbefehl erteilt

Ajatollah Mottahari war einer der theoretischen Begründer der Islamischen Republik, der zur Schahzeit lehrte und nach Chomeinis Machtergreifung mit diesem zusammenarbeitete. Ajatollah Mottahari hatte dann allerdings Meinungsverschiedenheiten mit Ajatollah Chomeini, worauf er von einer Gruppe namens Forghan ermordet wurde.

Ali Mottahari, Abgeordneter von Teheran im iranischen Parlament und Sohn von Ajatollah Mottahari, war am Sonntag, den 28. Juni 2009, in der Ghoba-Moschee in Schariati-Straße in Teheran anwesend, wo die Hinterbliebenen eines Terroranschlags von 7. Tir 1360 (28.06.1981) eine Trauerfeier abhielten. Zu dieser Feier waren mehrere Tausend Menschen gekommen. Als sie Ali Mottahari erkannten, der selbst zu den Prinzipialisten gehört und für Ahmadineschad gestimmt hatte, fragten ihn die Anwesenden, wieso es verboten sei, Allahu Akbar zu rufen, wieso die Polizisten draußen auf sie einprügelten und auf sie schössen. Mottahari sagte, sie hätten keinen Schießbefehl erteilt, die hätten nicht das Recht, das zu tun. Darauf baten ihn die Anwesenden, rauszugehen und den bewaffneten Organen genau dieses zu sagen, nämlich dass sie keinen Schießbefehl erteilt hätten. Als er auf die Straße trat, erhoben die „Sicherheitsorgane“ die Waffen und gaben Warnschüsse ab. Mottahari bekam es mit der Angst zu tun und seine Leibwächter brachten ihn an einen anderen Ort.

Hadi Ghaffari: Bühnenreife Abrechnung mit Chamenei

Auf einer Versammlung vom Freitag oder Samstag (26./27. Juni 2009), an der der unterlegene Präsidentschaftskandidat Karubi anwesend war, sprach auch der Geistliche Hadi Ghaffari, Sohn des Ajatollah Ghaffari, der zur Schahzeit hingerichtet wurde.

Hadi Ghaffari selbst war zur Schahzeit im Gefängnis gesessen und war nach seiner Freilassung einer von denen, die die Menschen in den Moscheen organisierten, um sie auf die Demonstrationen gegen den Schah zu bringen.

Nach der Revolution wurde er Verwalter einer Moschee (Masdschede Ajatollah Ghaffari), gründete einige Wirtschafsunternehmen, darunter eine große Geflügelfarm in Karadsch, und gehört somit zum Kreis derjenigen, die in der Folge der Revolution zu Reichtum gelangten.

Auf der jüngsten Versammlung übte er scharfe Kritik an Ajatollah Chamenei: Er, Hadi Ghaffari, sei selbst ein überzeugter Anhänger der Herrschaft des Rechtsgelehrten (Velajate Faghih), und (der vorige Religionsführer) Ajatollah Chomeini habe Chamenei schon früher getadelt, weil er nicht begriffen habe, was die Rolle eines Religionsführers zu sein habe. Hadi sagte: „Ich habe damals begriffen, was Chomeini mit der Herrschaft des Rechtsgelehrten gemeint hat, aber du (=Ajatollah Chamenei) hast es nicht kapiert.“ Dann warf er Ajatollah Chamenei vor, das Ansehen der Geistlichkeit in der Bevölkerung verspielt zu haben. Es mache auch keinen Sinn, wenn Chamenei den Präsidenten (Ahmadineschad) zu ihm schicke, um mit ihm zu diskutieren, wenn, dann wolle er mit Ajatollah Chamenei direkt reden. Es gebe ein schönes persisches Sprichwort: Har ke tanha rawad ghasi, bar migardad rasi. Wer allein zum Richter geht, kehrt zufrieden zurück. Das bedeutet, wenn der Richter nur eine Seite hört, weil die Gegenseite fehlt, kann es auch kein faires Urteil geben. Er sei bereit, mit Ajatollah Chamenei vor dem Fernsehpublikum zu diskutieren, er habe genauso viel gelernt wie Ajatollah Chamenei. Und da ja das staatliche Radio und Fernsehen in seiner Hand sei, kämen dort auch nur einseitige Nachrichten. So hätte das staatliche Fernsehen jüngst einen Studenten interviewt, der Ajatollah Chamenei in höchsten Tönen pries. Nur sei der Student gar keiner gewesen, sondern ein Mitarbeiter des Fernsehens, dem man befohlen habe, diese Rolle zu spielen. Jetzt glaube keiner mehr dem staatlichen Fernsehen, und dem Ajatollah genauso wenig. Er, Hadi Ghaffari, sei bereit, mit ihm offen zu diskutieren, auch wenn man ihn dafür einsperre. Sein Leib sei das Gefängnis gewöhnt…

Hadi Ghaffari schilderte, wenn er jetzt mit seiner Kleidung als Geistlicher auf die Straße gehe, mache sich die Bevölkerung (die ihn persönlich nicht kennt) über ihn lustig, aber wenn er dann die Hand zum Siegeszeichen erhebe (Symbol von Mussawis Anhängern), entschuldigten sich die Leute bei ihm. So weit habe Ajatollah Chamenei das Ansehen der Geistlichkeit ruiniert.

Die Abrechnung mit Chamenei ist hörenswert:
http://haghmosalamma.blogspot.com/2009/06/blog-post_4535.html

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