Iran: Was passiert mit den Gefangenen?

Nach den Massenverhaftungen gegen die Wahlfälschung im Iran sind die Gefängnisse überfüllt. Manche Gefangene wurden zwischenzeitlich wieder freigelassen, und es ist wichtig zu hören, was sie berichten. Denn die iranische Innenpolitik spielt sich jetzt – neben den Intrigen der Ajatollahs – vor allem in den Gefängnissen ab. Hier wollen Ajatollah Chamenei und Ahmadineschads Kumpanen ihre Macht demonstrieren, und was hier geschieht, wirkt sich auf das Umfeld der Protestierenden aus. Was für eine Atmosphäre herrscht in den Zellen, sind die Menschen gebrochen, schaffen sie es, trotz der Folter zusammen zu halten? Wir wollen unsere Augen vor den Schreckensmeldungen nicht verschließen und unser Mitgefühl gilt allen, die jetzt in Haft sind, wie auch ihren Angehörigen. Aber wir wollen zugleich auch sehen, wie die Staatsmacht sich äußert und wie die Bevölkerung darauf reagiert.

Staatliche Sonderkommission gegen die Gefangenen gegründet: Es droht Unheil

Laut Meldungen, die aus dem Ewin-Gefängnis (Teheran) eintreffen, wurden mehrere Tausend jugendliche Demonstranten in der letzten Zeit verhaftet und im Ewin-Gefängnis eingesperrt.

Sondereinheiten am Werk

Die Verhaftungen wurden unter anderem von einer Sondergarde der Pasdaran ausgeführt, die speziell für solche Zwecke ausgebildet ist. Die Namen der meisten Verhafteten sind derzeit unbekannt, auch die Angehörigen wissen meist nicht, wer wo in Haft ist.
Täglich versammeln sich zahlreiche Angehörige vor den Gefängnistoren von Ewin und des Revolutionsgerichts, um zu erfahren, wo ihre Kinder oder Eltern oder Partner in Haft sind. Viele verhaftete Frauen sind verheiratet und haben kleine Kinder, so dass ihre Ehemänner mit den Kindern vor dem Gefängnis erscheinen, um etwas über die Lage ihrer Frau zu erfahren.
Es gibt zwar erste Namenslisten von etwa 30 Gefangenen, aber das ist nur ein Bruchteil der Inhaftierten.

Generalstaatsanwalt Ajatollah Dori Najaf-Abadi
Derzeit braut sich Unheil über ihren Köpfen zusammen. Die Justiz hat eine Sonderkommission gebildet, die festlegen soll, was mit den Verhafteten passieren wird. In dieser Kommission sitzen Ajatollah Dori Najaf-Abadi (Nadschaf-Abadi), der Generalstaatsanwalt des Irans, der ehemalige Innenminister und jetzige Leiter der landesweiten Ermittlungsbehörde Mostafa Purmohammadi und Hodschatoleslam Ra‘isi.

Chef der obersten Ermittlungsbehörde Purmohammadi
Purmohammadi war einer der drei Personen, die von Ajatollah Chomeini als Mitglieder der obersten Todeskommission ernannt wurden, um über Leben und Tod der politischen Gefangenen im Jahr 1988 zu entscheiden. Damals wurden Tausende von Gefangenen hingerichtet.

Ajatollah Ahmad Chatami (nicht verwandt mit dem Ex-Präsidenten Chatami) hat jüngst auf einer Freitagspredigt in Teheran die Demonstranten als „Mohareb“ bezeichnet, als Menschen, die Krieg gegen Gott führen. Die Strafe hierfür ist die Todesstrafe.
Inzwischen wurden schon einige Gefangene im staatlichen Fernsehen vorgeführt, wo sie erklärten, sie seien von England irregeführt worden. Es ist eine berüchtigte Praxis des islamischen Regimes, die Gefangenen so lange zu foltern, bis sie bereit sind, vor dem Fernsehen derartige „Interviews“ abzugeben.

Hodschatoleslam Ra‘isi

Im Keller des iranischen Innenministeriums
Laut einer Meldung der studentischen Nachrichtenagentur Amir-Kabir wurden einige der Studenten, die am 14./15. Juni 2009 beim nächtlichen Angriff auf die Studentenwohnheime verhaftet wurden, zwischenzeitlich freigelassen. Sie berichten, wie es ihnen in Haft ergangen ist. Blutend und verletzt, wie sie waren, wurden sie in Lieferwagen eingesperrt, gedemütigt und während der Fahrt mit Knüppeln geschlagen. Manche von ihnen wurden noch in der selben Nacht ins vierte Kellergeschoss des iranischen Innenministeriums gebracht.

Eingang des iranischen Innenministeriums
Dort wurden sie ständig geschlagen, obwohl noch kein Verhör begonnen hatte. Zwölf Stunden lang erhielten sie nicht einmal Wasser zu trinken. Die Wärter fragten die durstigen Gefangenen, wer trinken wolle, und ließen Wasser auf den Boden tropfen. Wer näher kam und sich bückte, um die Tropfen mit dem Mund aufzufangen, wurde mit Stiefeln getreten. Nach längeren Folterungen und Misshandlungen wurden den Gefangenen Nudeln zum Essen gegeben, aber nicht auf einem Teller, sondern in die Hand. Wer etwas fallen ließ, wurde brutal geschlagen.
Mehrere Tage mussten sie die zerrissene, blutige Kleidung anbehalten, mit der sie verhaftet wurden, danach erhielten sie neue Gefängniskleidung.

Keine Luft im Ewin-Gefängnis
In den Einzelzellen des Gefängnis-Trakts 209 im Ewin-Gefängnis sind 6 Gefangene pro Zelle untergebracht. Die politischen Gefangenen, die vorher im Trakt 8 waren, wurden in Trakt 7 verlegt. Trakt 7 ist jetzt mit 700 politischen Gefangenen belegt, obwohl die Zellen für 150 Gefangene vorgesehen sind. In den Einzelzellen der Trakte 240 und 241 sind die Einzelzellen jeweils mit drei Gefangenen belegt. Der Keller des Trakts 7, der zuvor als Quarantäne-Station diente, ist ebenfalls mit Gefangenen belegt. Dort ist es so stickig, dass die Gefangenen Mühe haben, genügend Luft zum Atmen zu bekommen. Einige der Gefangene sind unter 17 Jahre alt. Sie werden dort von den Wärtern (des Kellers im Trakt 7) mit Vergewaltigung bedroht.
Trotz dieser schrecklichen Umstände trauten sich die Gefangenen, gemeinsam Parolen zu rufen.

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