Iran: Unheimliche Zivilisten

In den letzten Wochen waren sie in den Medien allgegenwärtig. Kräftige Männer in ziviler Kleidung, die ungeniert auf friedliche Demonstranten einprügelten, schlafende Studenten in deren Wohnheim überfielen, Menschen mit dem Messer attackierten und auch Schusswaffen einsetzten, ohne dass sie die Polizei oder andere sogenannte Sicherheitsorgane fürchten mussten.


Wer sind diese Männer? Woher beziehen sie ihre Vollmachten? Wer hat sie organisiert?

Diese Fragen sind Gegenstand eines Interviews, das der persisch-sprachige US-Sender Radio Farda am 30. Juni 2009 mit „Amir Farschad Ibrahimi“ führte, einem ehemaligen Mitglied der „Ansare Hesbollah“, später politischer Sekretär der „Vereinigung von Studenten und Akademikern der Hesbollah“. „Amir Farschad Ibrahimi“, wie er im Interview genannt wird, lebt derzeit in Deutschland.

Ansare Hesbollah – die Freunde der Gottespartei

A. F. Ibrahimi berichtet, dass die Organisation „Ansare Hesbollah“ 1993 im Iran gegründet wurde. 1996 spaltete sich die Organisation in zwei Gruppen: Die eine behielt den Namen „Ansare Hesbollah“ bei, die andere nannte sich „Vereinigung von Studenten und Akademikern der Hesbollah“, der sich A. F. Ibrahimi anschloss. Zu den führenden Köpfen dieser Gruppe gehörten unter anderem Hossein Allah-Karam, Mas‘ud Dehnamaki, Faraj Moradian und Hajji Bakhshi.

Trotz der Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Organisationen waren sie sich in der Praxis einig, wenn es darum ging, Straßendemonstrationen mit illegalen Mitteln niederzuschlagen. Daher wurden sie in der Öffentlichkeit auch nicht unterschieden, sondern unter dem Namen Ansare Hesbollah bekannt, die in den 1990-er Jahren für ihren Terror gegen Demonstranten berüchtigt wurden.
Direkter Draht zum religiösen Führer
Wie A.F. Ibrahimi berichtete, pflegten die Ansare Hesbollah direkten Kontakt mit der Kanzlei des religiösen Führers (Ajatollah Chamenei). Auch wenn sie sich nicht direkt mit dem Ajatollah trafen, hatten sie doch jederzeit Zugang zu den entscheidenden Leuten in seiner Kanzlei.
Aus diesem Grund trauten sich die uniformierten Sicherheitskräfte nicht, sich diesen Männern in den Weg zu stellen, wenn sie in Zivil auf friedliche Menschen losschlugen. Die Macht dieser „Zivilen“ ging so weit, dass selbst jugendliche Mitglieder der Ansare Hesbollah die Vorgesetzten der Polizeieinheiten abkanzelten, wenn sie ihre Beamten zurückhielten und nicht gleich auf die Demonstranten losgingen.
A.F. Ibrahimi berichtet, dass sie teilweise Treffen mit Herrn Jannati (Dschannati), dem Vorsitzenden des Wächterrats, und mit dem einflussreichen Ajatollah Mesbah Jasdi, dem Mitglied des Expertenrats, hatten, von denen sie auch Anweisungen erhielten, was zu tun sei.

Spezialkräfte zur Beschützung der Herrschaft des Rechtsgelehrten
Als Mohammad Chatami im Mai 1997 iranischer Staatspräsident wurde, waren die uniformierten Ordnungskräfte recht passiv, wie A.F. Ibrahimi meint. Auf Anordnung von Ajatollah Chamenei wurde damals eine Organisation „Niruhaye vizheye pasdare velayat“ (Spezialkräfte zur Beschützung der Herrschaft des Rechtsgelehrten) gegründet, in die die Ansare Hesbollah wie auch die Organisation von A.F. Ibrahimi eingegliedert wurden. Diese Spezialkräfte waren ein organischer Bestandteil der iranischen Sicherheitskräfte. Und diese Spezialkräfte kamen auch am 9. Juli 1999 (18. Tir 1378) zum Einsatz, als die Studentenwohnheime überfallen und Studenten aus dem Fenster geworfen wurden, um die Studentenbewegung zum Schweigen zu bringen.

Auf die Frage, wie die Mitglieder dieser zivil gekleideten Spezialkräfte zu ihren Waffen kamen, erklärt A.F. Ibrahimi, dass die meisten Mitglieder zugleich Mitglied der Pasdaran (Revolutionswächter) oder der Bassidschi (Milizen) seien und aufgrund dieser Tätigkeit ohnehin eine Waffe besaßen. Wurden sie von uniformierten Polizisten zur Rede gestellt, wenn sie ihre Waffen einsetzten, zogen sie einfach ihren Dienstausweis als Pasdar oder Bassidschi, womit keine weiteren Fragen mehr gestellt wurden.
Für die Tätigkeit in den „zivilen“ Spezialkräften erhielten die Mitglieder keinen festen Lohn, allerdings gab es sehr wohl Vergünstigungen. Die eine Variante war die, dass von Firmen, die diesen Mitgliedern gehörten, keine Steuern eingezogen wurden, eine andere, dass man ihnen sagte, jemand habe eine Geldsumme dafür gespendet, dass sie eine Koranlesung abhalten, das Geld wurde dann in der Gruppe aufgeteilt. Aufgrund ihrer fundamentalistischen Einstellungen war es nicht nötig, ihnen direkt zu befehlen, die Anhänger von Chatami anzugreifen. Es genügte, wenn man ihnen sagte, das seien Feinde des Islam, die den Glauben an der Wurzel austrocknen ließen. Sie wurden dann darauf hingewiesen, dass sie ihre religiöse Pflicht zu erfüllen hätten.

Die zivil gekleideten Spezialkräfte unterstehen direkt dem Oberbefehlshaber der bewaffneten Kräfte, also Ajatollah Chamenei, und keinem der fünf Waffengattungen der Pasdaran. Sie sind auch jetzt gegen die Demonstranten im Einsatz und häufig an der grauen Weste zu erkennen, die viele von ihnen tragen. Neben Iranern sind auch Libanesen und Iraker in diesen Spezialkräften organisiert. Zum einen handelt es sich um den im Iran verbliebenen Rest der „Sepahe Badr“ (Badr-Garde), die für den Einsatz im Irak ausgebildet worden war, und um Libanesen, die bei den iranischen Pasdaran eine Ausbildung erhalten und in diesem Rahmen auch gegen Demonstranten eingesetzt werden.

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