Die mutigen Frauen von Teheran

Aktivistinnen schildern in einem Augenzeugenbericht die Zustände im Iran


Das Bild zeigt Demonstrantinnen in Teheran, jedoch nicht in der geschilderten Situation

Einige Stunden nach der Amtseinführung von Ahmadinejad

Auf der Valie-Assr-Strasse. Eine Spezialtruppe zur Aufstandsbekämpfung, Polizei und die berüchtigten Schläger in Zivil sind einsatzbereit. Auf der Strasse versammeln sich ungewöhnlich viele Menschen.

Eine Frau zieht ihr Kind an der Hand und versucht, den Valie-Assr-Platz in Eile zu überqueren. Sie schaut auf die dunklen Polizeifahrzeuge, die voll besetzt sind und schnell um den Platz fahren. Die Mutter sagt hastig: „Weiter oben ist wohl eine Demonstration, die fahren dort hin.“

Die Menge kommt von Vanak und drängt nach Süden. Es ist so ein Gedränge, dass diejenigen, die mit dem Auto unterwegs sind, den Fußgängern ermunternd zurufen und eine Hupkonzert anfangen. Alle machen das V-Zeichen. Die Menge wird immer dichter und bekommt den Charakter einer Demonstration. Das Personal der dortigen Krankenhäuser und großen Geschäftsgebäude schaut zustimmend zu und lächelt. Plötzlich tauchen die roten Motorräder der „Männer in Zivil“ auf. Auf jedem Motorrad sitzen zwei. Sie tragen Helme und sind mit Schlagstock und Colt bewaffnet. Sie fahren in die Menge und fangen ohne Vorwarnung an, auf die Versammelten einzuschlagen. Das Protestgeschrei – vor allem der Frauen – erfüllt die Luft.

Die Menge flieht in alle Himmelrichtungen. Wegen des ständigen Tränengaseinsatzes husten alle und haben brennende Augen. Die Menschen flüchten sich in die Gebäude, und die Beamten nehmen die Verfolgung auf und werfen auch dort Tränengas. Einige der Beamten versuchen, den hupenden Autos im Stau die Autozeichen abzumontieren. Einige mutige Jugendliche stürzen sich auf diese Beamten und verfolgen sie, diese bekommen Angst und werden verjagt.

Die Menge sammelt sich 50 Meter weiter erneut und ruft Parolen. Die Beamten sind ratlos, in welche Richtung sie sich nun wenden sollen. Die Bevölkerung ist nicht bereit, den Platz zu räumen. Einige sind verletzt, aber der Marsch nach Süden geht weiter.

Weiter oben, in der Nähe des Saii-Parks, verfolgt eine andere Polizeitruppe einen Jungen und schlägt ihn brutal. Sein T-Shirt ist bereits zerrissen. Sein nackter Oberkörper ist schon voller blauer Flecken. Die Menge schreit: „Schlag ihn nicht!“ und einige Frauen werfen sich dazwischen. Eine im mittleren Alter umklammert die Schulter des Jungen und versucht, ihn wegzuziehen, aber ein kräftiger Beamter nimmt die Frau und wirft sie in das Wasser der Gosse. Sie schreit und wehrt sich heftig. Andere Frauen fangen auch zu schreien an. Darauf sagen andere Leute: „Wir müssen der Mutter beistehen und dürfen nicht zulassen, dass die Beamten ihren Sohn mitschleppen.

In der Zwischenzeit haben die Beamten den halbnacktem Jungen in den Norden des Platzes geschleppt und seine Hände mit Kabelbinder auf den Rücken gefesselt und auf der Beifahrersitz eines Motorrads gesetzt. Ein Beamter setzt sich hastig auf den Fahrersitz, um loszufahren. Aber einige der Leute umringen das Motorrad und einige den Kommandanten der Truppe. Die Beamten halten und warten auf ihn. Eine Gruppe von Frauen, die das Geschehen beobachtet haben, kommt hinzu und begleitet die Mutter zu dem Kommandanten. Man sieht das erschrockene Gesicht des Jungen und seinen verzweifelten Blick. Es ist eine emotionsgeladene Szene. Eine Frau schreit: „Wir müssen ihn jetzt befreien, sonst kann man seine verstümmelte Leiche in der Leichenhalle suchen.“

Die älteren Männer und Frauen schreien: „Lasst ihn frei! Was hat er getan? Er ist nur auf der Strasse!“

Die Mutter kniet nieder und umklammert das Bein des Kommandanten mit aller Kraft und weint und schreit: „Ich lasse Dich nicht los, lass ihn frei!“

Viele sind so bewegt, dass sie weinen. Irgendwie ist der Junge frei gekommen, Frauen und Mütter holen ihn weg.

Die Menge klatscht Beifall!

Nun helfen die Frauen der Mutter aufzustehen.

Alle sind verschwitzt und erschöpft nach diesem halbstündigen Kampf. Sie reden mit der Mutter über ihre Tapferkeit. Und die Frau murmelt schließlich: „Aber ich bin nicht seine Mutter, ich kenne ihn gar nicht.“

Erschienen ist dieser Augenzeugenbericht auf der Internet-Seite www.forequality.info. Sie wird betrieben von einer Gruppe Frauenrechtlerinnen namens barabari. Schon seit drei Jahren sind die Frauen, darunter Juristinnen, Journalistinnen und Schriftstellerinnen, aktiv, seit den Demonstrationen setzen sie sich für einen Systemwechsel ein.

Übersetzerin: Solale Schirasi, Dozentin an der Universität Konstanz.

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