Die Nacht zerbricht im Iran – aber wann?

Guten Tag! Vielen Dank, dass Sie mir ein Interview über den Iran geben.

Guten Tag, auch ich bedanke mich für Ihre Mühe und dafür, dass Sie meine Informationen den deutschen Lesern zugänglich machen.

Frage: Wann sind Sie das letzte Mal in den Iran gegangen?

Antwort: Ich wohne in Deutschland und reise jedes Jahr drei- bis viermal in den Iran. Das letzte Mal war ich dort von Anfang Juni bis Anfang August.

Frage: Haben Sie in der Zeit vor den Wahlen etwas Besonderes erlebt?

Antwort: Nach der Landung meines Flugzeugs in Teheran haben meine Schwester und ihre Familie mich abgeholt und zu sich nach Hause mitgenommen. Nur die Tochter meine Schwester, eine Studentin, war schick gekleidet und hatte Makeup aufgelegt. Sie sah so aus, als wenn sie in den letzten Tagen beim Friseur gewesen wäre. Ich fragte sie lachend, ob sie sich für mich so schön gemacht hätte. Sie antwortete: Nein, Tante. Ich fragte weiter: Möchtest du an einer Hochzeit teilnehmen? – Nein, Tante. Ich lachte wieder und fragte, was sie vorhat. Mit Freude meinte sie, dass sie am selben Abend an einer Demonstration teilnehmen wolle. Ich war sehr erstaunt und konnte es kaum glauben. Sie ergänzte: „Liebe Tante, du musst selbst an einer Demonstration teilnehmen und sehen, wie andere Mädchen sich noch schicker als ich machen. Außerdem sind dort junge Männer und Frauen gemischt, gehen Hand in Hand, singen Lieder und rufen Parolen für Karrubi oder Mussawi. Jeder hat ein grünes Band am Handgelenk oder ein grünes Tuch um den Hals.“ Ich fragte meine Schwester ob das wahr sei, was ihre Tochter behauptet. Beide Eltern bestätigten ihre Aussagen. Der Mann fügte hinzu, dass nicht nur in Teheran sondern im ganzen Iran die Jugendlichen auf der Strasse seien und sagen, was sie denken, z.B. über Freiheit, die Änderung der Verfassung, usw. Dieses Gesicht der iranischen Gesellschaft können alle Medien wahrnehmen und darüber berichten, aber es gäbe noch ein anderes Gesicht. Auf meine Nachfrage erklärte er, dass zwar die Kandidaten Genehmigungen für ihre Wahlkampfbüros besäßen, dass aber in vielen kleinen Städten und Dörfern oder sogar in Teheran diese Büros noch nicht mal eröffnet werden konnten. Er selber sei Leiter des Teheraner Wahlkampfbüros von Mussawi und sei direkt vor seinem Büro von Anhängern Ahmadinejads mit einem Messer verletzt worden. Ich fragte ihn, wie das geschehen konnte. Er meinte, dass das ganze Innenministerium und der Geheimdienst auf Seiten Ahmadinejads sei und unbedingt wolle, dass er Staatspräsident werde. Sie hätten ihre Kräfte zusammengenommen und Männer in Zivil, mit langen Hemden unter denen sie Messer und andere Waffen versteckten, vor die Wahlkampfbüros geschickt, wo sie die Mitarbeiter drangsalierten, verfolgten und bei ihren Tätigkeiten, wie z.B. dem Plakatieren, massiv behinderten oder sogar brutal schlagen. Ich fragte, warum denn die Jugendlichen, die auf der Strasse demonstrieren und Parolen rufen, keine Probleme bekämen. Seine Einschätzung war, dass das zum einen auf die ausländischen Medien zielt, die berichten sollen, wie frei die Wahlen im Iran sind und zusätzlich sollten die Jugendlichen, die aufgrund ihrer Unerfahrenheit ähnlich denken, ihre Familien mobilisieren und für eine hohe Wahlbeteiligung sorgen.

Frage: Waren Sie selbst auf einer Demonstration vor den Wahlen?

Antwort: Die Wahlen waren freitagabends. Am Mittwoch davor war ich zusammen mit meiner Nichte und anderen Bekannten auf einer
Demonstration auf dem Valie-Assr-Platz. Es war wie ein friedliches Meer voller Farben und verschiedener Aussagen und Diskussionen. Ab und zu haben Anhänger von Ahmadinejad versucht, die Diskussionen zu stören, worauf jedoch gelassen reagiert wurde.

Frage: Wie war es am Wahltag? Haben Sie selbst etwas mitbekommen?

Antwort: Meine Verwandten und ich waren zusammen 15 Personen. Wir besaßen fünf Autos und hatten die Aufgaben untereinander verteilt.
Jeweils drei Leute fuhren in einem Auto. Zwei Autos sollten in Teheran herumfahren und beobachten, wie die Wahlen laufen. Das dritte Auto fuhr nach Karadsch, eine Stadt etwa 35 km westlich von Teheran gelegen. Das vierte Auto führ nach Schahrei, 15 km östlich von Teheran. Und das letzte Auto fuhr schließlich nach Varamin, 40 km östlich von Teheran. Ich selbst war den ganzen Tag in Teheran unterwegs und haben überall lange Schlangen vor den Wahllokalen gesehen, mit lauter Menschen, die grüne Bänder und Tücher trugen. Ca. 80 Prozent der Menschen waren an der einen oder der anderen Stelle grün gekleidet. Gegen 9 Uhr abends versammelten wir uns wieder bei meiner Schwester. Die Berichte der Übrigen klangen genau so. Alle waren voller Zuversicht, dass Mussawi gewinnen würde. Etwa gegen halb zehn Uhr hat der Mann meiner Schwester bei dem Teheraner Wahlkampfbüro von Mussawi angerufen. Voller Freude rief er, dass sie gewonnen hätten. Ich fragte ihn ob er wirklich sicher sei könne und er sagte ja, weil Larijani, der Leiter des Parlaments, persönlich Mussawi telefonisch gratuliert habe.

Frage: Dann muss also ein Wahlbetrug vorliegen?

Antwort: Der iranische Geheimdienst, das Innenministerium, der Wächterrat und Chamenei haben lange vor den Wahlen Ahmadinejad ausgewählt und alles organisiert.

Frage: Haben Sie selber die Reaktionen der Bevölkerung erlebt?

Antwort: Am Freitag, den 12. Juni waren die Wahlen. Samstagvormittags ging es los mit Unruhen im ganzen Land. Als Gegenmaßnahme gegen die Unruhen hat die Regierung in der Nacht von Sonntag auf Montag mit Spezialeinheiten und Männern in Zivil alle Studentenwohnheime im Iran angegriffen. Es kam nicht nur zu Verletzten und Festnahmen sondern auch zu Toten. Die Studentin, die im Teheraner Studentenwohnheim umkam, war einen Kommilitonin meiner Nichte. Am Montag, den 15. Juni, fand in Teheran eine Demonstration zwischen dem Platz Imam Hossein und dem Platz der Freiheit statt. Das ist eine Strecke von 16 km. Die Medien haben nur von dem Abschnitt zwischen dem Revolutionsplatz und dem Freiheitsplatz berichtet, aber ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass die Demonstration viel weiter reichte. Es waren mindestens 2 Mio. Menschen. Mussawi und Karrubi waren ebenfalls vor Ort. Die ganze Woche über kam es zu Demonstrationen und abends erschallte auf den Dächern der Ruf „Allahu Akbar“ und „Tod der Diktatur“. Niemand wollte zur Arbeit gehen. Es war ein großes Chaos. Es war so wie in der Anfangszeit der Revolution. Man sagte, dass die Demonstranten bald die staatlichen Rundfunkstationen übernehmen und die Wahrheit verbreiten würden. Bis zum Freitag war überall nur Wut und Unruhe zu sehen.

Frage: Waren keine Polizisten und Basiji auf der Strasse, die die Menschen schlugen und festnahmen?

Antwort: Festnahmen und Schläge waren nicht so brutal wie am folgenden Samstag.

Frage: Was geschah am Samstag?

Antwort: Beim Freitagsgebet am 19. Juni war Chamenei persönlich als Imam auf der Kanzel. In seiner Rede hat er direkt Ahmadinejad unterstützt und betont, dass das Schicksal des Irans nicht von der Strasse bestimmt werden dürfe. Das war ein grünes Licht für die Revolutionswächterorganisation, die Spezialeinheiten, die Männer in Zivil und die Basiji. Am Samstag, den 20. Juni, kamen überall die Menschen und ganz besonders die Jugendlichen auf die Strasse und unser Land wurde zur Hölle. Die Demonstranten sind sehr brutal mit allen Mitteln geschlagen, auf der Strasse getötet, verletzt und festgenommen worden. Die Krankenhäuser waren überfüllt mit Verletzten und Augenzeugen berichteten, wie die Toten in Minibussen zu Kühlhäusern abtransportiert wurden. Trotz der Brutalität ging der Kampf die nächsten Tage weiter. Bekannte Vertreter der Reformisten sind festgenommen und verfolgt worden. Jeden Tag kam es zu neuen Festnahmen, Toten und Verletzten. Die Eltern, die ihre Kinder vermissten, sammelten sich jeden Tag vor dem Ewin-Gefängnis und den Polizeistationen und verlangten Auskunft. Auch sie wurden brutal geschlagen, ohne eine Auskunft zu erhalten.

Frage: Was haben Sie selbst erlebt?

Antwort: Ich selbst habe nicht jeden Tag an den Demonstrationen teilgenommen. Ich habe ein Heft voll geschrieben, mit den Parolen, die gerufen wurden und ich habe einen Film gedreht. Ein Beispiel, von dem, was ich selbst gesehen habe: In Nordost-Teheran gibt es einen großen Platz namens Haft Hoz, der normalerweise jeden Tag voller fliegender Händler ist, darunter einfache Menschen, Arbeitslose und auch Akademiker, die ihre Waren anbieten. Als ich am Donnerstag, den 25. Juni, dort abends vorbeikam, war der Platz wie leergefegt und es hieß, alle seien beim Demonstrieren. Als ich kurz vor meiner Rückreise nach Deutschland ein weiteres mal dort vorbei kam, sagten mir Bekannte, dass eine Person tot sei, andere Personen verhaftet seien und über weitere Personen keine Informationen zu erhalten waren.

Frage: Wie hoch schätzen Sie die Zahl der Anhänger der Menschen im Iran für die Regierung?

Antwort: Ca. 10 Prozent.

Frage: Wer sind diese 10 Prozent?

Antwort: Organisierte Männer in Zivil, Basiji, Revolutionswächter, Geheimdienste und ein Teil der Polizei sowie ein Teil der Bewohner der Slums.

Frage: Wie werden sie finanziert?

Antwort: Letztes Jahr hatte Ahmadinejad mehr als 80 Mrd. Dollar als Öleinkommen und die Finanzierung seiner Anhänger war kein Problem. In den ersten fünf Monaten des iranischen Jahres gab es zwar nur Einnahmen in Höhe von 17 Mrd. Dollar. Es gibt aber keine Pläne für längerfristige Investitionen in der Landwirtschaft, dem industriellen Sektor oder dem Dienstleistungssektor, so dass auch dieses Jahr die Finanzierung seiner Anhänger möglich ist. Einen Nachbarn meiner Schwester, den ich persönlich kenne, habe ich eine Woche nicht gesehen. Als ich ihn dann eines Morgens wieder sah und fragte, wie es ihm gehe und ob er im Urlaub gewesen sei, antwortete, er sei seit ein paar Monaten arbeitslos. Neulich habe er einen neuen Job gefunden, aber er wüsste nicht ob er ihn jeden Tag ausüben könne. Gott sei Dank habe er in sechs Tagen 1,8 Mio. Toman verdient. Auf meine Frage nach der Art dieses neuen Jobs, gab er zur Antwort: „Mein Job ist zwischen dem Platz Valie-Assr und dem Platz Vanak. Meine Aufgabe ist es, Demonstranten zu schlagen.“ Ich fragte ihn, ob er jemanden getötet habe und er sagte: „Manche meiner Kollegen sind sehr brutal und haben getötet, aber ich nicht. Ich versuche Festnahmen zu machen und Demonstranten dem Polizeitransporter zu übergeben.“

Frage: Hat die unzufriedene Bevölkerung einen Anführer oder eine Organisation?

Antwort: Leider ist das ein großes Problem für die iranische Bevölkerung. Der Bevölkerung steht eine Regierung mit einer geschlossenen Ideologie, mit Waffen, Geld und organisierten Personen gegenüber.

Frage: Dann meinen Sie gibt es keine Hoffnung?

Antwort: Nein, ich habe nicht über Hoffnung gesprochen. 70 Prozent der iranischen Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Die Regierung hat keinen Rückhalt in dieser Bevölkerungsgruppe. Diese Jugendlichen sind gut informiert, durch das Internet und die Medien. Wenn wir vertikal denken, gibt es keinen Anführer; wenn wir aber horizontal denken, dann ist jeder Jugendliche nach den Wahlen selbst ein Anführer geworden. Taktik und Strategie sind Gegenstand von hitzigen Diskussionen bei diesen Jugendlichen.

Frage: Ich habe gedacht, die Reformisten wie Mussawi und Karrubi sind die Anführer dieser Bewegung, was meinen Sie?

Antwort: Die meisten wichtigen Personen sind jetzt im Gefängnis. Mussawi und Karrubi sind selber in der Vergangenheit schuldig geworden an der gegenwärtigen Situation. Beide möchten dieses System bewahren. Doch die Jugendlichen haben die Nase von diesem System voll. Die Gesetze dieses Systems sind für die Jugendlichen wie eine Kette, die sie sprengen wollen. Es dauert vielleicht noch aber man kann ein Meer nie genau einschätzen, womöglich kommt bald ein Tsunami.

Außer den traurigen Erlebnissen habe ich auch hochinteressante Dinge erlebt: In einer kleinen Gasse in Südost-Teheran stieß ich einmal auf eine Minidemonstration bestehend aus 11 bis 12 Kindern, die allesamt unter 7 Jahre alt waren und ein Transparent vor sich her trugen. Ihre Parole lautete „Ahmadi, Ahmadi, gib uns unsere Stimme zurück!“. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte und fragte sie, wie sie ihre Stimmer zurückfordern könnten, wo sie doch keine 7 Jahre alt und somit auch nicht wählen gegangen waren. Sie gaben zur Antwort, dass ihre Eltern wählen gegangen waren und sie nun die Stimmen ihrer Eltern zurückverlangten.

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