Ajatollah Chamenei: der Mann mit dem Brenneisen

Am Freitag, den 11. September 2009, hielt der Revolutionsführer Ajatollah Chamenei eine Rede als Freitagsprediger in Teheran. Er nutzte die Gelegenheit, die Bevölkerung und speziell die Jugend davor zu warnen, den Qods-Tag dafür zu missbrauchen, Parolen zu rufen, die der Würde des Tages nicht angemessen sind.
Der Qods-Tag ist der Tag, an dem traditionell Jerusalem für die islamische Welt eingefordert wird und Jahr für Jahr staatlich organisierte Demonstrationen gegen Israel stattfinden.
Ajatollah Chamenei sprach diesmal deutliche Drohungen aus:
Awwal molatefat – ba‘d dagh.
Erst mit höflichen Worten – dann mit dem Brenneisen.
Awwal sabr ta hadde momken – ba‘d tanbih.
Erst Geduld so weit möglich – dann Strafe (gemeint sind Körperstrafen bis zum Tod).
Awwal estedlal – ba‘d kur kardane cheshme fetne.
Erst Argumente – dann der Quelle des Aufruhrs die Augen ausstechen (d.h. im Keim vernichten).
Dieser Drohung schickte er noch die Bemerkung hinterher: „Die Wahlen waren in Ordnung. Wenn die Protestierenden auf die Straßen gehen und Parolen rufen wollen, sind sie selber schuld, wenn ihr Blut vergossen wird.“
Ein paar Tage später schickten die Pasdaran dieser Drohung ein Flugblatt hinterher, in dem es hieß, dass der Qods-Tag ein Heiliger Tag sei und dass jeder, der auf die Straße gehe und andere Parolen außer den zugelassenen rufe, mit energischen Maßnahmen rechnen müsse.
Sowohl die Drohungen Ajatollah Chameneis wie auch die auf dem Flugblatt der Pasdaran wurden am Vortag des Qods-Tags im Radio und im Fernsehen ständig wiederholt.

Der Jerusalem-Tag
Am Qods-Tag, also am Freitag, den 18.09.2009, versammelten sich rund 80.000 von der Regierung zusammengetrommelte Anhänger auf dem Gelände fürs Freitagsgebet in Teheran. Sie wurden von 40.000 bewaffneten Kräften – Pasdaran, Bassidschi und Polizei – umschlossen, um jegliche unerwünschte Parolenrufer von diesem Platz fernzuhalten.
Im Gegenzug strömten aus den Straßen Teherans rund zweihunderttausend Menschen auf diesen Platz zu. Und sie riefen Parolen!
Ey rahbaran, ey rahbaran, in akharin payam ast, jonbeshe sabze Iran amadeye qiyam ast.
He, ihr Führer, das ist unsere letzte Nachricht, die grüne Bewegung im Iran ist bereit zum Aufstand.
Trotz der massiven Drohungen hatten sich die Menschen nicht einschüchtern lassen. Und so hielten sich die bewaffneten Kräfte bis 14 Uhr, dem Ende der amtlichen Feierlichkeiten, zurück, denn mit einer Million Menschen wollte es keiner aufnehmen. Erst als die Menge begann, sich aufzulösen, trauten sich die „Ordnungshüter“, einzelne Gruppen oder Personen anzugreifen.
Laut jüngsten Meldungen sollen an diesem Tag rund 300 Menschen verhaftet worden sein.

Gesprächsbereitschaft?
In den Nachwehen dieser Demonstration soll Ajatollah Chamenei seine geistlichen Kritiker eingeladen haben, am 20. September zu den Feiern am Ende des Fastenmonats Ramadan aufs Geländer der Universität Teheran zu kommen. Rafsandschani, Nateq Nuri und Chomeinis Enkel erschienen tatsächlich und trugen ihre Kritik vor. So mag es Ajatollah Chamenei vielleicht gelingen, einen Spalt in die Reihen seiner Gegner zu treiben, denn Mussawi und Karrubi erschienen natürlich nicht.
Vielleicht hofft er auch, die Mitglieder des Expertenrats umzustimmen, die dieser Tage zusammenkommen und wohl auch darüber diskutieren werden, ob Chamenei der richtige Mann auf dem Posten des Revolutionsführers ist. Und ein weiterer Hintergedanke mag auch sein, bessere Voraussetzungen für die Reise Ahmadineschads zum UN-Sitz nach New York zu schaffen, wo ihn die Opposition im Exil erwartet.

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