Die Himmelfahrt des Generals Nur-Ali Shushtari


Der hochgewachsene Mann in der Mitte in grüner Uniform ist General Nur-Ali Shushtari

Am Sonntag, den 18. Oktober 2009, fand in Pischin (gehört verwaltungsmäßig zur Grenzstadt Sarbaz) der iranischen Provinz Sistan-Balutschistan eine Sitzung von Pasdaran, Bassidschi und Stammesführern der Provinz Sistan-Balutschistan statt, die dem Thema des Zusammenlebens von Sunniten mit Schiiten gewidmet war. Seitens der Pasdaran waren General Nur-Ali Shushtari, Vize-Kommandant der Bodentruppen der Revolutionsgarden, und vier weitere Pasdar-Generäle aus den Ostprovinzen vertreten, weiterhin waren Bassidschi-Vertreter anwesend und viele Stammesführer der Region.
Vor dem Ort der Sitzung war eine Ausstellung organisiert, auf der Fotos von den Heldentaten der Pasdaran im Kampf gegen den „Feind“ zu sehen waren, sprich Militäroperationen mit Panzern und Kanonen, die sich gegen „ausländische Feinde“ richteten, womit unter anderem die Jond-ollah (Soldaten Gottes) gemeint sind.
In diesen Kreis konnte angeblich ein Selbstmordtäter eindringen, und in der Folge der Explosion verstarben General Nur-Ali Shushtari und die vier anderen Pasdar-Generäle – insgesamt wurden sechzig Todesopfer gezählt.

Die iranische Regierung schrieb das Attentat den Jond-ollah (Soldaten Gottes) zu, die angeblich von Großbritannien und den USA unterstützt werden. Die Organisation der Jond-ollah hat auch selbst die Verantwortung für das Attentat übernommen.

Der Schein kann trügen
Ein klarer Fall, könnte man meinen. Dem ist nicht so. Es kam in der Vergangenheit schon öfter vor, dass Exponenten des iranischen Regimes von Gegnern innerhalb der Regierungskreise umgebracht wurden, während man die Verantwortung den Volksmudschahedin zuschrieb, die ja eine bewaffnete Organisation ist. Die Volksmudschahedin ließen sich auf dieses Spiel ein, um damit zu protzen, wie viel Einfluss sie besitzen und zu was sie fähig sind.
Später sind die Volksmudschahedin wohl etwas schlauer geworden. Als ein Flugzeug etwa zwanzig Pasdar-Führern und weiteren Personen abstürzte, übernahmen die Volksmudschahedin die Verantwortung für einmal nicht. Es steht zwar fest, dass das Flugzeug infolge einer Explosion abstürzte, aber bis heute hat sich noch kein Täter dafür gefunden…
Im iranischen Kurdistan wurden nach den gefälschten Präsidentenwahlen 2009 mehrere Imame und sogar ein Vertreter des Expertenrats ermordet. Als keine kurdische Gruppe in die Falle tappte und die Verantwortung übernahm, schritt das Regime auf den Plan und behauptete, die Morde seien von salafitischen Wahhabiten ausgeführt worden. Schnell nahm sie eine Reihe von Leute fest, die angeblich die Täter gewesen seien.
Aus diesem Grund ist auch die Übernahme der Verantwortung durch die Jond-ollah für sich kein Beweis, dass das Attentat tatsächlich von diesen verübt wurde. Die Zweifel werden dadurch bestärkt, dass die Sitzung der Pasdaran in Pischin natürlich strikten Sicherheitsmaßnahmen unterlagt. Dann müssten die Jond-ollah sogar unter den Pasdaran einflussreiche Anhänger haben, um ihre Leute da einzuschleusen. Viel näher liegt der Verdacht, dass es sich um eine Abrechnung innerhalb der Pasdaran handeln könnte.

General Nur-Ali Shushtari, möglicher Nachfolger für Aziz Ja‘fari?
Nur-Ali Shushtari kannte Chamenei, den jetzigen Revolutionsführer und geistiges Oberhaupt des Irans, schon in der Zeit vor der Revolution. Diese Freundschaft wurde nach dem Tod Ajatollah Chomeinis und der Amtsübernahme Chameneis nicht nur finanziell großzügig gefördert, Nur-Ali Shushtari fiel auch die Karriere-Leiter im Flug nach oben. Nachdem sich Aziz Ja‘fari, der jetzige Oberkommandant der Pasdaran, in der Öffentlichkeit durch seine provokativen Äußerungen gegen die Demonstraten allseitig verhasst gemacht hatte, lag es nahe, dass Chamenei sich dieser kompromittierenden Figur entledigen wollte, indem er Nur-Ali Shushtari auf die Übernahme des Oberkommandos der Pasdaran vorbereitete. So war Nur-Ali Shushtari auch der Befehlshaber des Pasdaran-Quartiers „Sepah-e Qods“ in Zahedan. Die Sepah-e Qods sind eine Spezialeinheit, die u.a. für die Bekämpfung der Opposition im Ausland eingesetzt wird und die auch Selbstmordattentäter ausbildet, die im Ausland aktiv werden.
Mit dem Mord an Nur-Ali Shushtari sind eventuelle Nachfolgespekulationen hinfällig geworden.

Das Kartell von Nur-Ali Shushtari
Im Osten des Irans kontrollierte der Pasdaran-General nicht nur die Grenzen, sondern auch ein wichtiges Wirtschaftskartell mit dem Namen Sherkat-e Ahyaye Sanaye‘e Khorasan (Firma für den industriellen Wiederaufbau von Chorassan). Unter diesem Kartell waren eine Reihe von Firmen aus den verschiedensten Wirtschaftszweigen vereint:
ein Unternehmen aus dem Energiesektor (Sherkate Towlide Niru Gostaran), eine Firma, die zahlreiche Betriebe aus dem Schreinereigewerbe umfasste (Sherkate Sanaye‘e Nassajiye Khorasan), ein Unternehmen zur Ausbeutung von Kupfervorkommen (Sherkate Mojtame‘e Ma‘adene Mess Taknar), eine Zementfirma (Sherkate Mojtame‘e Simane Gharbe Asya), eine Stahlfirma (Sherkate Mojtame‘e Fulade Torbate Heydariye), ein Wohnungsbau-Unternehmen (Sherkate Maskan ‚Adl Gostar Tus), eine Tourismusfirma für Pilgerfahrten (Sherkate Gardeshgariye Pardis Shandiz), eine islamische Bank (Mo‘asseseye Sanduqe Pass-Andaz Qarz al-Hassane Ahya Tus) und weitere, nicht genannte Firmen. Auch große Handelshäuser in Maschhad kontrollierte Nur-Ali Shushtari als Generalmanager und als einer der Teilhaber.
Wie man sieht – Feinde hatte der Mann sicher genug, so dass die Drahtzieher des Mordanschlags und die Hintergründe wahrscheinlich nicht aufgeklärt werden, so lange dieses Regime an der Macht ist.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email