Botschaftsbesetzung im Iran: die Zeiten sind vorbei


Stürmung der US-Botschaft in Teheran am 4. November 1979

Besetzung der US-Botschaft
Der 30. Aban 1358, also der 4. November 1979, ist im Iran ein besonderer Tag. Heute vor dreißig Jahren besetzten radikale Anhänger im Auftrag Chomeinis die US-Botschaft in Teheran. Etwa ein halbes Jahr zuvor waren Millionen von Menschen auf die Straße gegangen und hatten das Schah-Regime gestürzt. Im Februar 1979 traf Ajatollah Chomeini aus Paris in Teheran ein und griff nach der Macht. Er ging umsichtig vor. Zuerst erteilte er Mehdi Basargan den Regierungsauftrag, einem Universitätsprofessor, der zur Schahzeit im Gefängnis gesessen hatte und der davor Mitglied der Jebheye Melli (Nationalen Front) von Dr. Mossadegh war, eines im Iran allseits angesehenen Politikers, der 1953 durch einen vom CIA unterstützten Putsch entmachtet wurde. Mehdi Basargan genoss die Unterstützung der verschiedenen oppositionellen Kräfte, die gegen den Schah gekämpft hatten. Für Ajatollah Chomeini diente die Bildung der ersten Regierung nach der iranischen Revolution unter Basargan freilich nur als Vorbereitung für die spätere totale Machtergreifung. Und hier kommt die US-Botschaft ins Spiel.

Anti-Imperialismus
Ein einigender Slogan für die Gegner des Schahs war der Anti-Imperialismus, der Kampf gegen die Ausbeuter, als deren Sinnbild die US-Regierung und die US-amerikanischen Ölkonzerne dargestellt wurden. Mit dem Sieg der Revolution war zwar der Schah gestürzt, aber der Anti-Imperialismus kochte weiter. Auch die sowjetisch orientierte Linke unterstützte Chomeini, und so war es ein geschickter Schachzug von diesem, die US-Botschaft besetzen zu lassen. Er konnte sich der Zustimmung der Bevölkerung sicher sein, ob Islamisten, ob Kommunisten. Was Chomeini freilich auch voraussah, war die Missbilligung der gemäßigten Kräfte. Politiker wie Mehdi Basargan verurteilten die Botschaftsbesetzung und kritisierten, dass der Iran sich so von der Welt isoliere. Und so ging Basargan und seine Regierung in die Falle. Nun hatte Chomeini einen willkommenen Vorwand, Basargan und seine Anhänger in der Regierung als Agenten der USA zu diffamieren und er ließ einige Minister aus Basargans Regierung sowie die Anhänger Basargans verhaftet.


Geiselnahme im Botschaftsgebäude

Marg bar Amrika, marg bar Esrail, marg bar monafegh
Mit der Besetzung der US-Botschaft am 4. November 1979 war Chomeini außenpolitisch freilich keineswegs so isoliert, wie die Kritiker dies meinten. Die Sowjetunion und deren Verbündete begrüßten diese Aktion, West-Europa, das in den USA öfter einen Konkurrenten als einen Verbündeten sah, hielt sich mit Kritik zurück unter Linken wurde die Besetzung zum Teil befürwortet, und im Iran wurde der 4. November von nun an ein Feiertag, bei dem Chomeini die Massen aufmarschieren ließ. Aus dem ganzen Land wurden die Menschen in Bussen in die Hauptstadt gebracht, wo dann Millionen unter den drei Parolen marschierten:
Tod für Amerika, Tod für Israel, Tod für die Abtrünnigen!

Ein gelungener Werbe-Gag
Mit den über das Fernsehen übertragenen jährlichen Massenaufmärschen wollte Chomeini vor allem der islamischen Welt seine Botschaft übermitteln: Schaut her, wir haben das richtige Modell, wir zeigen euch, wie man die Imperialisten rausschmeißt. Die Massenaufmärsche sollten die Opposition im Inland einschüchtern, der vorgeführt wurde, wie stark das Regime im Iran verankert ist. Dem westlichen Ausland dagegen galt die Mitteilung: Wer sich mir entgegen stellt, muss mit Ähnlichem rechnen. So sollte Westeuropa davon abgehalten werden, den „Export“ der Revolution in die arabische Welt zu behindern.

Wenn Revolutionäre erben
Mit dem Tod Chomeinis hörten die Aufmärsche zum 4. November keineswegs auf, auch die folgenden Machthaber wollten beweisen, dass das Volk hinter ihnen steht und karrten die Menschen weiterhin aus der Provinz in die Hauptstadt, koste es, was es wolle.

Hinter der Fassade bröckelt es
Aber dieses Jahr ist alles anders. Erstmals seit dreißig Jahren sind Menschen zu Millionen auf die Straße gegangen, die nicht unter dem Motto „Tod für Amerika“ antraten, sondern ihre gestohlenen Stimmen nach dem Wahlbetrug zurück forderten. Bei den großen Kundgebungen der letzten Zeit, sogar beim Freitagsgebet, wurden die üblichen Parolen „Tod für Amerika, Tod für Israel“ nicht papageienhaft wiederholt, sondern jetzt schallte es immer wieder: Marg bar Rusiye – Tod für Russland. Die Menschenmengen ließen sich nicht mehr vor den Karren der Machthabenden spannen.

Angst vor dem Volk
In der Woche vor dem 30. Jahrestag wird immer deutlicher, dass die „Grüne Bewegung“ sich nicht von der Regierung vorschreiben lassen will, welche Forderungen sie am 4. November in der Öffentlichkeit stellt. Und pausenlos verkündigen hochrangige Funktionäre des Geheimdienstes, der Revolutionswächter und der Polizei, man lasse sich den 4. November nicht kaputt machen, man werde gegen alle gnadenlos einschreiten, die den Gedenktag gegen den Imperialismus missbrauchen wollen. Sie warnten davor, dass der Westen versuche, wichtige Personen zu ermorden, und gaben an, fünf Personen festgenommen zu haben, die angeblich einen Mordanschlag gegen eine hochrangige Persönlichkeit vorbereitet hätten. Diese Personen stünden im Dienste des Westens, der auf diesem Weg auch im Iran eine „samtene Revolution“ inszenieren wolle.

Die Schweinegrippe – ein Gottesgeschenk für die Mollas
Die Schweinegrippe kam der Regierung gerade gelegen, um sämtliche Schulen in Teheran zu schließen. Denn während die Schüler früher stets willkommen waren, um die Demonstrationen anschwellen zu lassen, hat die Regierung jetzt Angst, dass diese die falschen Parolen rufen werden. Also schließt man die Schulen vorsorglich. Auch die inhaftierten Reformer werden weiter in Haft gehalten, um sie von den befürchteten Protesten fernzuhalten.

Der 4. November wird grün
Unterdessen sieht man an vielen Orten, namentlich an den Universitäten, die Parole prangen: 30. Aban – vierter November. In grünen Lettern. Es ist ein Aufruf an alle, sich am 4. November zu zeigen und zu protestieren. Im ganzen Land haben die Studentenorganisationen begonnen, diese Aufforderung unter der Bevölkerung zu verbreiten. Der Oppositionskandidat Karrubi hat hierauf erklärt, er werde am 4. November ebenfalls zur US-Botschaft marschieren, aber er werde aus Protest schweigen. Sein Schweigen bedeutet, dass er nicht die klassischen Parolen rufen will wie etwa: Tod für Amerika, Tod für Israel! Was das für ihn bedeutet, kann man sich ausmalen. Schon bei anderen Demonstrationen der letzten Zeit wurde er von Anhängern Ahmadineschads überfallen und verletzt. Auch Mussawi kündigte seine Teilnahme an, aber nicht so detailliert mit Angabe von Zeit und Ort wie Karrubi. Alle reformorientierten Parteien und Bewegungen haben ebenfalls ihre Teilnahme am 4. November angekündigt. Auch die Ajatollahs, die die Politik von Ajatollah Chamenei ablehnen, haben ihre Anhänger aufgefordert, an den Kundgebungen teilzunehmen. Auch die iranischen Exilgruppen im Ausland unterstützen diese Protestaktionen der „Grünen Bewegung“.

Der Vulkan brodelt
Die letzte Woche vor dem 4. November im Iran lässt eine besondere Atmosphäre im Land spürbar werden. Nicht nur, dass überall Parolen gegen das Regime, sogar gegen den religiösen Führer Chamenei auftauchen. Inzwischen wird Safar Harandi, bislang Ahmadineschads Minister für islamische Aufklärung, überall ausgebuht, wenn er vor den Studenten auftritt, und mit den Worten begrüßt: Tod der Diktatur! Auch die Parlamentsabgeordneten, die Ahmadineschads Linie vertreten, mussten ähnliches erleben. Das folgende Video zeigt einen Auftritt von Safar Harandi, bei dem er ausgebuht wird.

Fragen, die man nicht stellen darf
Ajatollah Chamenei pflegte die Tradition „Didar ba noxbegan“ – Treffen mit der Elite. Gemeint ist die wissenschaftliche Elite des Landes, die im Salon einer Moschee in der Nähe von Ajatollah Chameneis Haus von ihm zum Empfang geladen wurde. So auch letzte Woche, als an die 400 Vertreter der geistigen Elite dort zusammen kamen. Nachdem einige Wissenschaftler vor der Menge gesprochen hatten, fragte Ajatollah Chamenei: „Möchte noch jemand etwas sagen?“ Darauf meldete sich ein Anwesender: „Ich wollte etwas sagen, aber man hat mich nicht auf die Liste der Wortmeldungen gesetzt.“ Chamenei bat ihn an die Rednertribüne. Und dann begann er: „Die Vorredner haben nur nach Klischee gesprochen.“ Über die Hälfte der Anwesenden klatschten heftig Beifall. Der Redner kritisierte die Lügen in den staatlichen Medien und stellte die Frage, wieso die Gesellschaft sich in den dreißig Jahren immer mehr vom Islam entfremdet habe. Er fragte: „Wieso werden die Menschen gefoltert, geschlagen? Sogar ich wurde geschlagen, als ich an einer Demonstration teilnahm.“ Seine letzte Frage lautete: „Wieso darf niemand Sie kritisieren? Warum erscheint in den Medien keine Kritik an Ihnen?“

Seitdem hat niemand mehr den mutigen Fragesteller gesehen.

Am Sonntag, den 1. November, fand in Teheran eine Fachtagung von Technokraten statt, zu der wichtige Personen eingeladen waren, so auch ein Sohn von Rafsandschani, ein Ingenieur, der für die Metro in Teheran verantwortlich ist. Als er zu Wort gelassen wurde, kam er direkt auf die politische Lage zu sprechen und sagte direkt heraus: „Ahmadineschad lügt, seine Politik ist verlogen. Er begeht Verrat an der islamischen Revolution.“
Da die Tagung von Ahmadineschads Leuten organisiert wurde, stellte man dem Mikrophon den Ton ab. Darauf rief Mehdi Rafsandschanis: „Wieso stellt ihr den Ton ab?“ Der Moderater versuchte ihn zu beschwichtigen und meinte, er sei vom Thema abgewichen, das sei eine Fachtagung. Darauf Mehdi Rafsandschani: „Überall werden ich und meine Familie öffentlich beschuldilgt, Diebe zu sein. Bevor ich hier als Fachmann reden kann, möchte ich erst einmal klarstellen, dass ich kein Dieb bin? Wenn ich ein Dieb bin, wieso haben Sie mich überhaupt eingeladen?“
Diese Szene wurde auf folgendem Film aufgenommen, der an dieser Stelle abbricht.

Die Schlange vor dem Angriff
Bekannt ist, dass die Gegenseite sich auf den 4. November vorbereitet hat. Die Pasdaran und andere bewaffnete Einheiten sind an allen wichtigen Orten in Teheran und anderen Städten stationiert und bereit, zuzuschlagen.

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