30 Jahre nach der Revolution haben sich die Parolen um 180 Grad gedreht

Liebe Leserinnen und Leser!

Sicher habt Ihr in den letzten Tagen die Medien aufmerksam verfolgt und habt die Nachrichten rund um den bemerkenswerten 4. November, den 30. Jahrestag der Besetzung der US-Botschaft in Teheran, gelesen. Weil der 4. November 2009 ein historischer Tag für den Iran ist, bitten wir Euch, uns auf eine kleine Reise in die Vergangenheit, beginnend etwa 1 Woche vor diesem Datum, zu begleiten.

Wir schreiben den 28. Oktober 2009. Seit dem frühen Morgen können wir die Menschen beobachten, wie sie sich an Zeitungskiosken mit den neuesten Nachrichten versorgen. Die Zeitungen sind voller Schlagzeilen zu dem, was Ayatollah Chomeini gestern in Bezug auf den 4. November gesagt hat. Singemäß sagte er, dass das ein sehr wichtiger Tag sei, auf den man stolz sein müsse, nicht nur sie selbst (also die iranischen Machthaber) sondern die ganze islamische Welt. Vom frühen Nachmittag bis in den Abend hinein wiederholen das Radio und das Fernsehen diese Meldung. Mohammed Ali Jafari, der Oberbefehlshaber der Revolutionswächterorganisation, lässt abends verlautbaren, dass alle diejenigen, die am 4. November ausser den üblichen Parolen etwas rufen, mit einer harten Reaktion rechnen müssen. Übliche Parolen sind „Marg bar Amerika“ (Tod den USA) und „Marg bar Israel“ (Tod für Israel). Die Grüne Bewegung ruft in ihren Weblogs und Websites ebenfalls dazu auf an diesem Tag teilzunehmen. Sie mobilisieren u.a. auch zur US Botschaft um dort „eigene Wünsche zu äußern“.

Am nächsten Tag schreiben die Zeitungen über Äußerungen von Ahmadi Moghaddam, dem Leiter der Polizei, der erklärt hat, dass diejenigen, die andere als die üblichen Parolen rufen, Anhänger der USA oder der westlichen Länder seien und diesen heiligen Tag kaputt machen wollten. Seine Äußerungen werden ebenso wie die von Chamenei oder Jafari alle zwei Stunden im Rundfunk wiederholt.

Am 30. Oktober gibt der Leiter der Basiji, Mohammad Reza Naqdi, in einem Interview öffentlich Anweisungen, dass am 4. November die Basiji auf den Strassen aufmerksam verfolgen sollen, wer welche Parole ruft und wenn einzelne Personen die falschen Parolen rufen, diese sofort aus der Demonstration herausgezogen und „isoliert“ werden müssen (das bedeutet Schläge und Festnahmen). Allein in Teheran kämen über eine Millionen Schülerinnen und Schüler als Basiji zur Kundgebung vor der US Botschaft, damit müsse jeder rechnen.

In den folgenden drei Tagen, dem 31. Oktober, dem 1. und 2. November, haben viele Politiker und Anhänger von Ahmadinejad auf Veranstaltungen und in den Medien Ähnliches wiederholt. Auch die Grüne Bewegung ruft mit allen Mitteln, in den Universitäten, den Schulen, in grüner Farbe auf Hauswänden, usw. dazu auf, am 4.11. teilzunehmen mit „Sizdahe Aban – khahim bud“ (4. November, wir werden da sein) und anderen Parolen wie „Marg bar Khamene‘i“ (Tod dem Chamene‘i), etc.

Der 3. November wird von den Machthabern dazu genutzt, ihre Kräfte rund um die US-Botschaft zu stationieren: an strategischen Punkten, in Fußballstadien und großen Gebäuden positionieren sich Pasdaran-Einheiten, Polizeikräfte, Bassidschi, Geheimdienste und Männer in Zivil. Aber auch die Grüne Bewegung bereitet sich vor: an den Universitäten finden zahlreiche Sitzungen statt, in denen über das Vorgehen am nächsten Tag diskutiert wird. Es werden hier schon die Parolen entworfen, die am nächsten Tag zu hören sein werden. Bereits am Nachmittag finden an verschiedenen Universitäten im Land erste Demonstrationen statt, bei denen ganz radikale Parolen gerufen werden. Karubi hat inzwischen ebenfalls deutlich gemacht, dass er teilnehmen wird, allerdings nur in Form einer schweigenden Demonstration. Gegen 10:30 Uhr will er am Platz Hafte Tir losmarschieren in Richtung der US-Botschaft. Auch Mousavi hat seine Teilnahme angekündigt.

Es ist der Morgen des 4. Novembers. Die Menschen kommen auf ihrem Weg zur Schule oder zu ihrem Arbeitsplatz an großen Ansammlungen von Polizeikräften, Pasdaran-Einheiten, Bassidschi, Männern in Zivil mitsamt ihren Absperrungen und Fahrzeugen vorbei. Auf den großen Plätzen wie Meidane Azadi, Meidane Engelab, Meidane Hafte Tir, Meidane Ferdoussi, Meidane Vanak, Meidane Vali Asr, den Strassen, die diese Plätze verbinden sowie in der näheren Umgebung der US-Botschaft zeigen sich nun die bewaffneten Kräfte zu Tausenden und Abertausenden. Allein in Teheran wird ihre Zahl auf mehr als 30.000 geschätzt. Wir können beobachten, wie die Anhänger des Regimes in Bussen aus allen vier Himmelsrichtungen herbei transportiert werden, teilweise aus großer Entfernung. Alles ist gut organisiert und jede Person begibt sich zu dem Ort, den man ihr angewiesen hat.

Gegen 9 Uhr kommen die Menschen Teherans auf die Strasse, die jungen Frauen und Jugendlichen zuerst, später aber Menschen aller Altersstufen. Sie bewegen sich in großer Zahl von ganz Teheran in Richtung des Platzes Meidane Hafte Tir, von dem bekannt ist, dass Karubi hier losmarschieren will. Doch angesichts des Großaufgebots an bewaffneten Kräften rufen sie zunächst keine Parolen. Gleichzeitig sammeln sich bis ca. 10 Uhr an der Universität Teheran Tausende Studentinnen und Studenten von verschiedenen Hochschulen in Teheran. Sie demonstrieren innerhalb des Campus und skandieren Parolen wie „Marg bar Diktator“ (Tod der Diktatur), „Marg bar Khamene‘i“ (Tod dem Chamene‘i), und dann zum ersten Mal: „Marg bar asle velayat-e faqih“ (Nieder mit der Herrschaft der Rechtsgelehrten), „Obama, Obama, ya ba una, ya ba ma“, (Obama, Obama, entweder mit ihnen [d.h. der Regierung] oder mit uns [der Bevölkerung]) sowie „Baradare rofte-gar, Ahmadi ra ba khod bebar“ (Bruder Müllarbeiter, räum Ahmadinejad weg).


Video: Obama, Obama, entweder mit ihnen [d.h. der Regierung] oder mit uns [der Bevölkerung]


Bild: Eingangstor der Universität Teheran


Bild: Seitlicher Zaun der Universität Teheran

Als die Studeninnen und Studenten gegen 11 Uhr versuchen, das Gelände der Universität zu verlassen und die Demonstration auf die Strasse zu tragen, stossen sie auf starke Polizeikräfte, die dies mit Gewalt verhindern. Sie prügeln mit Schlagstöcken, setzen Pfefferspray ein und schiessen Tränengas. Mit besonderen Farbgeschossen werden diejenigen markiert, die später festgenommen werden sollen. Nur einzelnen StudentInnen gelingt es, nach draußen zu gelangen und sich in das Geschehen ausserhalb der Universität einzumischen .


Video: Platz Hafte Tir

Die Anhänger der Grünen Bewegung, die versucht haben, sich der US – Botschaft zu nähern, werden irgendwo gestoppt und kommen nicht weiter. In den Strassen Teherans sind viele, anfangs kleine, dann aber immer größer werdende Menschenmengen unterwegs. Gegen 11 Uhr, sobald sie auf eine ausreichende Größe angewachsen sind, also z.B. mehrere hundert oder gar Tausende Personen umfassen, erschallen lautstark die Parolen, die eine kleinere Menge angesichts starker bewaffneter Kräfte der Regierung noch nicht rufen konnte. Auch ein Novum: ein riesiges Abbild von Chamenei wird von einer Wand heruntergerissen und anschliessend als Fußabtreter benutzt.

Gegen 10:30 Uhr werden wir Zeuge vom Auftritt Karubis auf dem Platz Hafte Tir. Zu dem Zeitpunkt ist der Platz voller Sicherheitskräfte. Als die Anhänger der Grünen Bewegung ihre Parolen rufen, eskaliert die Situation. Die Demonstranten werden angegriffen, und Tränengaskartuschen fliegen Richtung Karubi. Sie treffen einen seiner Bodyguards, der so schwer verletzt wird, dass er ins Krankenhaus transportiert werden muss. Den übrigen Bodyguards gelingt es, Karubi in ein Auto zu verfrachten und von dem Ort wegzubringen. Karubi selbst wurde leicht verletzt.

Mussavi muss sich derweil in einem von Sicherheitskräften abgesperrten Kulturgebäude aufhalten, das er den ganzen Tag über nicht verlassen darf.

Die Zahl der Anhänger der Machthaber, die sich auf dem Gelände der ehemaligen US-Botschaft bzw. auf der Strasse davor aufhalten lässt sich relativ genau auf 50.000 Menschen beziffern. Relativ einfaltslos rufen sie die üblichen Parolen des Regimes und halten die Transparente in die Luft, die dort seit 30 Jahren gezeigt werden. Auch das Verbrennen einer US-Fahne wurde nicht vergessen. Während Hadad Adel, ehemaliger Vorsitzender des Islamischen Parlaments und Vertrauter von Chamene‘i, seine Rede hält, kann man aus der Ferne die Parolen der Grünen Bewegung vernehmen. Jedes „Marg bar Amrika“ wird durch ein „Marg bar Russiye“ erwidert, jedes „Marg bar Israel“ durch ein „Marg bar Diktator“. Da die Menschen vor den Absperrungen kleine Radios dabei haben, in denen die offizielle Übertragung der Veranstaltung live zu hören ist, können sie stets zum richtigen Zeitpunkt mit ihren Rufen einsetzen. Hervorgehoben werden soll hier, dass nicht nur in Teheran, sondern in Großstädten wie Tabris, Isfahan, Schiras, Maschhad und in mindestens 20 Universitäten des ganzen Landes zeitgleich viele Anhänger der Grünen Bewegung demonstrieren und ähnliche Parolen rufen.

Die offizielle Veranstaltung geht gegen 12 Uhr zu Ende und wird aufgelöst. Die Demonstrationen der Regierungsgegner dauern aber noch bis etwa 15 Uhr an. In diese Zeit fallen die härtesten Übergriffe der bewaffneten Kräfte: Mit unerhörter Brutalität gehen sie gegen die friedlichen Demonstranten vor, verletzen sie und machen Festnahmen. In Isfahan wurde ein Student getötet.

Am 5. November und in den folgenden Tagen können wir vor den Revolutionsgerichten, dem Ewin-Gefängnis und den Polizeistationen die Familienangehörigen der Inhaftierten sehen, die immer wieder fragen, wo ihre Tochter, ihr Sohn, die Frau oder der Mann geblieben sind bzw. wieder entlassen wird.

Ab jetzt findet jeden Tag auf dem Campus einer anderen Universität eine Demonstration statt – das Ziel ist, die Bewegung lebendig zu halten, bis sich in Kürze wieder eine neue Gelegenheit ergibt, massenhaft auf die Strasse zu kommen.

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