Der 16. Azar (7. Dezember) im Iran – von 1953 bis 2009


Bild: Ein Panzer auf dem Weg zum Haus von Mohammad Mossadegh, 19. August 1953

Nach dem Staatsstreich von Mohammad Reza Schah wurden tausende Menschen hingerichtet und zahllose weitere in die Gefängnisse geworfen. Viele Menschen mussten ins Ausland fliehen. Die Studentenbewegung war die erste Form des öffentlichen Protestes gegen den Militärputsch. Sie wurde vorwiegend von linken Gruppen aber auch von Anhängern von Mossadegh, dem gestürzten Premierminister, unterstützt. Die Großayatollahs und Chomeini verhielten sich ablehnend gegenüber dieser sozialen Bewegung.


Bild: Soldaten umstellen das Parlamentsgebäude in Teheran, 19. August 1953

Innerhalb von 3 Monaten und nach mutigen Kämpfen wurde die Studentenbewegung zerschlagen. Besonders in Erinnerung geblieben ist die Tötung dreier Studenten der ingenieurswissenschaftlichen Fakultät der Universität Teheran: Mehdi Shariat Razavi, Ahmad Ghandchi und Mostafa Bozorgnia. Sie wurden am 7. Dezember 1953 (16. Azar) während einer Demonstration anlässlich des Besuchs des US-amerikanischen Vizepräsidenten Nixon getötet.


Bild: Mehdi Shariat Razavi, Ahmad Ghandchi, Mostafa Bozorgnia

Die Bewegung verlagerte sich in den Untergrund. In kleinen, nicht öffentlichen Zirkeln lebte der Widerstand fort u.a. auch das Gedenken an diesen Tag. Es wurden jedes Jahr zum 16. Azar Flugblätter verteilt. Eine dieser im Untergrund agierenden linken Gruppen nannte sich „Prozess“ und setzte sich zum großen Teil aus Studentinnen und Studenten der volkswirtschaftlichen, der ingenieurswissenschaftlichen und der medizinischen Fakultät der Universität Teheran zusammen.


Bild: „16. Azar, Tag der StudentInnen, für Freiheit gegen Diktatur“

Nicht zuletzt die Verbindung, die diese Gruppe zu Lehrern aufbauen konnte, ermöglichte es ihnen, auch über studentische Kreise hinaus Wirkung zu entfalten. Es gelang so z.B. mit den Jahren in vielen Städten im ganzen Iran ein Netz von im Untergrund organisierten Lehrern aufzubauen, was eine wichtige Grundlage für den letztlich erfolgreichen Lehrerstreik des Jahres 1961 war. Dieser Streik betraf die Studenten sehr direkt, weil viele von ihnen Lehrer waren und gleichzeitig studierten. So verwundert es nicht, dass die Studenten bei diesem Streik eine wesentliche Rolle spielten. Die Verbindung der Studentenbewegung mit den streikenden LehrerInnen war einer der wichtigsten Gründe für den erfolgreichen Ausgang des Streiks. Der Schah musste nachgeben, bildete sein Kabinett um und beugte sich Forderungen der LehrerInnen.


Bild: „16. Azar, wir stehen zusammen bis zum Ende“

Die Gruppe „Prozess“ gab eine illegale Untergrund-Zeitschrift namens Payam-e Daneshju (Botschaft des Studenten) heraus, die im ganzen Iran verteilt wurde und in der Nachrichten standen, die sonst nirgends zu lesen waren. Auch dies trug dazu bei, dass bis kurz vor der iranischen Revolution im Jahr 1979 (zur Erinnerung: am 11. Februar 1979 brach die Monarchie zusammen) an allen iranischen Universitäten eine besondere, hochpolitisierte Stimmung entstand. Am 7. Dezember 1978 etablierte sich der 16. Azar zum ersten mal an allen Universitäten zu einem landesweiten Gedenktag, an dem politische Veranstaltungen und Demonstrationen stattfanden. Nicht nur StudentInnen sondern auch Professoren, Eltern und einfache Leute nahmen teil. Bemerkenswert war, dass die Anhänger von Chomeini sich nicht beteiligten.


Bild: „Marg bar Dictator“

Am 7. Dezember 1980 hätte Chomeini es am liebsten gesehen, dass der Gedenktag nicht abgehalten wird, doch war das neue Regime noch nicht so gefestigt, diesen Wunsch auch durchzusetzen. In den folgenden Jahren versuchte die Regierung den Gedenktag 16. Azar, wenn sie ihn schon nicht abschaffen konnte, so doch zumindest zu islamisieren und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Die offiziellen Redner auf den Gedenkveranstaltungen erwähnten die drei ermordeten Studenten eher am Rande und strichen vor allem den „heldenhaften Kampf“ der Studenten gehen den Schah und den US-Imperialismus heraus.


Bild: „Es lebe die Grüne Bewegung“

Ein gänzlich anderes Bild zeigt sich uns heute, drei Tage vor dem 7. Dezember (16. Azar) 2009. An 200 Hochschulen in 50 Städten des Irans organisieren sich Studentinnen und Studenten, um diesen Gedanktag nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Sie sind sehr aktiv, drucken Flugblätter und Plakate, planen Demonstrationen und Kundgebungen an den Universitäten. Sie sind dabei nicht allein, sondern erfahren eine starke symbolische Unterstützung und Solidarität aus der übrigen Bevölkerung, ganz besonders von der Grünen Bewegung, die auf Weblogs und anderen Webseiten verkündet, dass sie daran teilnehmen werden.


Bild: Politische Erklärung zum 16. Azar. An diesem Tag wollen sie gegen eine Regierung protestieren, die aus einem Coup d‘État entstanden ist.

Ausdruck davon ist auch die aktuelle Gründung von studentischen Gruppierungen unter dem Namen „Grüne Studentenbewegung“ an vielen Universitäten des Landes. Jeder Student und jede Studentin wird in diesen Tagen ständig daran erinnert, dass man sich bereithalten soll, dass man da sein wird am 16. Azar.


Bild: „16. Azar, die Vorlesungen werden boykottiert“

Doch die Gegenseite, die Polizei und die Sicherheitskräfte sind nicht untätig. Sie bereiten sich mit ihren bewaffneten Kräften auf diesen Tag vor und drohen schon heute alle denen, die diesen Tag für Proteste „mißbrauchen“ wollen. Es wird strikt untersagt, dass die Demonstrationen den Campus der Universitäten verlassen. Die Kundgebungen und Veranstaltungen an den Universitäten sollen ausdrücklich für die Regierung sein. Ein Vertreter der Revolutionswächter Organisation hat heute morgen, den 4.12.2009, angekündigt, dass sie am 16. Azar den StudentInnen Blumen als Geschenk übergeben werden.


Bild: „Staatspräsident Faschist – das Polytechnikum hat keinen Platz für dich!“

Es muss abgewartet werden, wie sich diese explosive Situation entwickelt.

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