Der 16. Azar (7.Dezember 2009) hat gezeigt, dass das Mullahregime in einer Sackgasse ist

Rafsanjani, Vorsitzender des Expertenrates und des Schlichtungsrates im Iran, hat vor wenigen Tagen in Mashad zugegeben, dass sich der Riss im Lager der Machthaber immer weiter vertieft. Währenddessen bewiesen die StudentInnen am 16. Azar, dass die Bevölkerung immer fester zusammensteht.

In den letzten Tagen wurden in den Universitätsstädten die Kräfte der Basiji, Pasdaran, Polizei und der Männer in Zivil sowie der Ansar Hizbollah zusammengezogen. Viele von den Basiji oder der Hisbollah organisierten und bezahlten Männer wurden aus den umliegenden Städten und Dörfern herbeitransportiert. Sie wurden in der Innenstadt, auf wichtigen Verkehrsadern sowie in der Umgebung der Universitäten stationiert.

Seit etwa zwei Wochen, besonders aber in der Nacht vor dem 16. Azar wurden bekannte AktivistInnen unter den StudentInnen zu Hause oder in den Studentenwohnheimen aufgesucht und präventiv festgenommen bzw. unter Hausarrest gestellt.

Das Internet war durch die Regierung auf sehr niedrige Übertragungsraten herunter gebremst worden. Zusätzlich waren aufgrund von Filtern manche Seiten überhaupt nicht mehr zugänglich. Ähnlich sah es mit dem Mobilfunk aus: es war kaum möglich, zu telefonieren oder SMS zu schicken. Das Islamische Kultusministerium hat sämtlichen ausländischen und inländischen Journalisten ein dreitägiges Arbeitsverbot ausgesprochen.

Mit Beginn der Nacht vom Sonntag auf den Montag traten die bewaffneten Einheiten an die Öffentlichkeit. Sie besetzten die großen Plätze und Strassen und riegelten vor allem die Umgebung direkt vor den Universitäten ab. Die Sicherheitskräfte hielten sich darüberhinaus in voll besetzten Fahrzeugen für etwaige Einsätze bereit. Passanten war es nicht erlaubt, an bestimmten Orten stehen zu bleiben – sie wurden sogleich angesprochen und zum Weitergehen aufgefordert. Auf diese Art wurde ein de-facto Ausnahmezustand verhängt, der offiziell nicht bekannt gemacht worden war.

Allein in der Umgebung der Universität Teheran sind 1000 Sicherheitskräfte aus den Reihen der Revolutionswächter stationiert worden. Ein Teil von diesen war ganz in Schwarz gekleidet und vermummt. Für die davor liegende Fußgängerzone war der Zutritt verboten.

Der Zaun, der die Universität umgibt, wurde mit Transparenten und Stoffen, auf denen Pro-Regierungsparolen zu lesen waren, verhängt. Dies hatte den doppelten Effekt, sowohl die Proteste innerhalb des Campus von außen unsichtbar zu machen und gleichzeitig den StudentInnen die Sicht auf die Situation vor der Universität zu versperren.


Bild: Mit Transparenten verhängter Zaun der Universität Teheran

An der Universität Sharif in Teheran waren mehr als 150 Spezialkräfte direkt am Haupteingang postiert. Auch im Eingangsbereich der anderen Universitäten befanden sich Sicherheitskräfte. Vom frühen Morgen an wurden sämtliche Personen, die hindurch wollten, von den Sicherheitskräften kontrolliert und einer Leibesvisitation unterzogen. Nicht kontrolliert wurden jedoch die Basiji-Studenten und weitere Personen in Zivil, die sich mit einer gelben Karte auswiesen.


Video: Gesänge und Parolen bei der Demonstration an der Universität Teheran

Um 10:30 Uhr begann die Demonstration der Studierenden an der Universität Sharif, mit mehr als 1000 TeilnehmerInnen. Sie bewegten sich zum Haupteingang der Universität, mit dem Ziel, auf die Strasse zu kommen. Dies schafften sie jedoch nicht. Darum demonstrierten sie innerhalb des Universitätsgeländes weiter, sangen Lieder und riefen Parolen. Die wichtigste Parole war „Tod dem Diktator“.


Bild: Studentendemonstration an der Universität Sharif

Vergleichbares ereignete sich bei der Demonstration der Universität Amir Kabir, die um 11 Uhr startete und ebenfalls ohne Erfolg versuchte, sich die Strasse zu nehmen.


Video: Universität Amir Kabir am 7.12.2009

Zeitgleich hatten sich ca. 5000 StudentInnen in der Universität Teheran versammelt. Sie hielten erst eine Kundgebung vor der ingenieurswissenschaftlichen Fakultät ab, wo 1953 die drei Studenten Mehdi Shariat Razavi, Ahmad Ghandchi und Mostafa Bozorgnia getötet worden waren (wir haben berichtet). Im Anschluß daran formierte sich eine Demonstration auf dem Universitätsgelände, begleitet von lauten Parolen und Gesängen (Ein bekanntes Lied heisst „Yare dabestani“ – Ein Freund, mit dem wir in der Schule zusammen waren“).


Bild: Konfrontation zwischen Anhängern der Grünen Bewegung (Links) und Basijis bzw. Anhängern der Regierung (Rechts)


Bild: Von Basijis provozierte Schlägerei auf dem Universitätsgelände

Ungefähr 400 Basiji-Studenten und Regierungsanhänger hatten sich in der Zwischenzeit vor der Moschee der Universität versammelt und zogen dann in Richtung der Demonstration der StudentInnen um sie anzugreifen. Es kam zu einer Schlägerei mit Verletzten auf beiden Seiten, bis die Angreifer sich nach einiger Zeit zurückziehen mussten und in der Folge ihre Parolen wieder vor der Moschee zum Besten gaben. Während des Angriffs erschollen die Parolen“Tod dem Diktator“"Basiji, habt ihr Geld bekommen dafür dass ihr uns angreift?“ und „Basiji, haut ab, haut ab!“.


In diesem Video winken die StudentInnen den Basiji mit Geldscheinen zu


Bild: Universität Tehran

Bild: Universität Teheran

Bild: Universität Teheran


Bild: University of Science & Technology, Teheran

Die polytechnische Universität, die etwa einen Kilometer von der Universität Teheran entfernt liegt, hatte am frühen Vormittag etwa 1500 Teilnehmer auf ihrer Demonstration, die im Laufe der Zeit mehr wurden. Auch dort gab es ähnliche Angriffe seitens der Basiji bzw. der Männer in Zivil und es gab ebenfalls mehrere Verletzte.


Bild: Polytechnische Universität Teheran am 16. Azar

Weitere Demonstrationen gab es an den Universitäten der Städte Shiraz, Kerman, Kermanshah, Isfahan, Karaj, Mashad, Hamedan und vielen anderen Städten.


Video von Demonstrationen der StudentInnen in Mashad am 7.12.2009


Video mit radikalen Parolen gegen Basiji


Video von der Kerman Universität (7.12.2009)

Insbesondere in Hamedan kam es zu einer brutalen Reaktion der Sicherheitskräfte, die nicht nur die Demonstration auflösten sondern darüber hinaus StudentInnen aus dem zweiten Stock eines Universitätsgebäudes warfen. Eine junge Frau wurde dabei so schwer verletzt, dass sie in ein Krankenhaus transportiert werden musste. Von der Universität Shahre-kord wurde nach den Demonstrationen ein Student interviewt, der sagte, dass überall politische Plakate hingen, dass sie viel Unterstützung aus der Bevölkerung erfahren hatten und dass es noch niemals an dieser Universität so starke Proteste gegeben hätte.


Video der Demonstration an der Universität Teheran am 7. Dezmber 2009

Ein besondere Situation ergab sich, als Studenten und Studentinnen aus einem zentralen Ausbildungsgebäude in der Khiaban Azadi (Freiheitsstrasse) direkt auf die Strasse strömten und sich zu einem Protestzug formierten. Vorneweg liefen die Frauen und riefen radikale Parolen wie „Marg bar Dictator“ und „Marg bar Chamenei“. Zufällige Passanten schlossen sich an. Selbst als Pasdaran und Basiji auf Motorrädern auftauchten, stellten die jungen Frauen sich ihnen als erstes entgegen, bewarfen sie mit Steinen und rissen andere Demonstranten mit ihrem Mut mit. Ein Basiji wurde von seinem Motorrad heruntergerissen und mit Fäusten attackiert. Nachdem er davongelaufen war, wurde sein Motorrad in Brand gesetzt. Immer mehr Sicherheitskräfte tauchten auf und setzten Schlagstöcke, Pfefferspray und Tränengas ein. Die DemonstrantInnen wehrten sich noch auf ihrem Rückzug mit Steinen und riefen Parolen wie „Marg bar Chamenei“. Zeugen sagten aus, dass es ein regelrechter Nahkampf gewesen sei. Zwei Studentinnen wurden durch Schüsse verletzt.


Strassenszene in Teheran am 16. Azar


Bild: Teheraner Strasse im Tränengasnebel und kein Durchkommen für Polizeifahrzeuge (16. Azar) 7. Dezember 2009

Gegen 12 Uhr entwickelten sich Demonstationen ausserhalb der Universitäten mit ganz normalen Bürgern. Am Valie Azr – Platz, dem Vanak-Platz, dem Ferdosi-Platz sowie dem Revolutionsplatz und den sie umgebenden Strassen demonstrierten die Menschen und wurden sofort sehr heftig von den Sicherheitskräften angegriffen. Bis etwa 14 Uhr konnte man Strassenkämpfe zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften beobachten. Letztere setzten wiederum Tränengas, Pfefferspray und Schlagstöcke ein.


Bilder: Strassenkämpfe in Teheran am 16. Azar (7. Dezember) 2009

Die Frau von Mussawi, Sahra Rahnaward, hielt sich am späten Vormittag vor der Fakultät für Kunst auf, als sie von sie verfolgenden weiblichen Basiji umstellt wurde und sich rechtfertigen musste. Später, als sie schon wieder im Auto saß, wurde sie mit Pfefferspray angegriffen, so dass sie kaum noch Luft bekam und nichts mehr sehen konnte. Mussawi selber wurde auf dem Parkplatz vor einer Kultureinrichtung von 30 bis 40 Männer in Zivil und auf Motorrädern bedroht, die ihn vorübergehend daran hinderten, wegzufahren.

Laut dem Polizeichef von Teheran, Asiszola Rajabzade, sind bei den gestrigen Unruhen 204 Personen festgenommen worden, darunter 39 Frauen. Er verlor kein Wort zu den Verletzten oder über irgendwelche Schlägereien. Ledglich 2000 Menschen hätten ein einer „illegalen“ Demonstration teilgenommen.


Video, das zeigt, wie am 7.12.2009 Bilder von Chamenei und Chomeini verbrannt werden


Video aus einem Mädchengymnasium: „Eine gute Lehrerin ist eine, die uns unterstützt“, „Tod dem Diktator“

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email