Chamene‘is vergiftetes Beileid zu Ajatollah Montaseris Tod


Ajatollah Montaseri

In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag (20.12.2009) ist der bekannte iranische Ajatollah Montaseri gestorben.
Ajatollah Montaseri gehörte vor der iranischen Revolution von 1979 zu den beständigen Kritikern des Schah-Regimes. Er wurde immer wieder in verschiedene Städte verbannt und aufgrund seiner Gegnerschaft auch ins Gefängnis gesperrt. Als die Revolution siegte und der Schah fliehen musste, kam er aus dem Gefängnis frei. Er war ein einflussreicher Geistlicher und angesehener Gelehrter. Er war von Ajatollah Chomeini, der damals die Macht ergriff, überzeugt, und teilte in vielem dessen Ansichten. So wurde er in der religiösen Bevölkerung weit herum als Stellvertreter und potentieller Nachfolger von Ajatollah Chomeini gesehen. Auch Chomeini hatte ein Interesse, ihn in dieser Position zu zeigen, um die zahlreichen Anhänger von Ajatollah Montaseri auf seine Seite zu ziehen. Allerdings kühlte das Verhältnis allmählich ab, denn Ajatollah Chomeinis blutigen Säuberungen fiel auch der Sohn Montaseris zum Opfer. Ajatollah Montaseri hielt den Mund, aber sein Glauben an Chomeinis Rechtschaffenheit bröckelte ab. Dann kam das Jahr 1988. Das war das Jahr, in dem Chomeini sich gezwungen sah, einen Waffenstillstand mit dem Irak Saddam Husseins zu schließen. Damals erließ Chomeini ein religiöses Dekret (Fatwa), mit dem er Anweisung zu einem Massaker in den iranischen Gefängnissen erteilte. Darauf wurden mindestens 5000 Menschen in den Gefängnissen ermordet, deren „Schuld“ darin bestand, sich zu weigern, die Islamische Republik zu akzeptieren. Die Leichen wurden weit außerhalb im Osten Teherans in Chawaran verscharrt: Bulldozer hoben das Erdreich aus und die Leichen wurden lastwagenweise in die Gruben gekippt.
Ajatollah Montaseri, der viele Anhänger hatte und von diesen zahlreiche Bitten und Proteste wegen dieses Massakers zu hören bekam, traute sich in dieser finsteren Zeit, einen Brief an Ajatollah Chomenei persönlich zu schreiben. Darin erklärte er, dass die Fatwa Chomeinis, die die Basis für das Massaker bildete, unislamisch sei, und dass die zweiminütigen Standgerichte, in denen die Opfer zum Tode verurteilt wurden, ebenfalls unislamisch seien.
Das war harter Tobak für einen Führer, dem gegenüber keiner sich etwas zu sagen traute und auf dessen Wort Millionen Menschen auf den Straßen erschienen. Die Antwort war entsprechend: Entweder Ajatollah Montaseri verzichtet auf das Amt des Stellvertreters von Ajatollah Chomeini oder er überlebt es genauso wenig wie Ajatollah Taleqani oder Ajatollah Schariatmadari, die unter mysteriösen Umständen das Zeitliche segneten.
Ajatollah Montaseri trat zurück. Dann war jahrelang nichts mehr von ihm zu hören. Bis im Jahr 1997. Damals kritisierte er öffentlich in einer Rede den neuen Führer Ajatollah Chamene‘i, er habe überhaupt kein Recht, religiöse Gutachten und Fatwas zu verfassen, da er gar nicht die erforderliche Ausbildung besitze und somit nicht dafür qualifiziert sei. Da hatte er einen wunden Punkt dieses angemaßten Ajatollahs getroffen, denn die notwendigen Studien fehlten ihm tatsächlich. Die Rache folgte auf den Fuß. Ajatollah Montaseri wurde zu fünf Jahren Hausarrest verurteilt, was nicht nur hieß, dass er sein Haus nicht verlassen durfte, auch nicht, um in Qom zu unterrichten. Er durfte auch keine Besucher mehr empfangen und seine Familie war massiven Schikanen durch die Bewacher ausgesetzt, wurden festgenommen und misshandelt.
Danach trat er wieder an die Öffentlichkeit und hielt nicht mit seiner Kritik zurück. Zu den jüngsten Wahlen sagte er, dass jeder wisse, dass sie gefälscht worden seien. Es sei nicht in Ordnung, Wahlen zu fälschen, nur um die Macht zu behalten. Damit werde der Islam gefährdet. Auch die Inhaftierung der Protestierenden und die Vergewaltigung der Gefangenen durch das Regime kritisierte er heftig. Zu den Machthabern gewandt sagte er: „Ihr behauptet, Muslime zu sein. Wenn ihr Muslime wäret, warum verprügelt ihr das Volk, warum schlagt ihr die Frauen, warum vergewaltigt ihr die Gefangenen? Warum bleibt ihr mit Gewalt (an der Macht), wenn die Leute euch nicht wollen?“
Kurz – Montaseri war ein Mensch, der von seinem Glauben überzeugt war und deshalb auf die Macht verzichtete. Die hätte er problemlos übernehmen können, wenn er zu Chomeinis Gefängnismassaker geschwiegen hätte.
Getroffene Hunde bellen, sagt man, und so verwundert es nicht, was für eine Art von „Beileid“ Ajatollah Chamene‘i jetzt zum Tod seines Kritikers ausgesprochen hat.

Beileidsschreiben des iranischen Führers Ajatollah Chamene‘i:
„Wir sind in Kenntnis gesetzt worden, dass der große Rechtsgelehrte Ajatollah Hadsch Scheich Hossein-Ali Montaseri – Gott sei seiner Seele gnädig – vom Haus des Vergänglichen Abschied genommen hat und in den Palast des Bleibenden umgezogen ist. Er war ein ausgewiesener Rechtsgelehrter und ein herausragender Lehrer, von dessen Wissen zahlreiche Schüler profitieren konnten. Er hat eine lange Zeit seines Lebens im Dienste der Bewegung des verstorbenen Imams (= Ajatollah Chomeini) verbracht und keine Mühen gescheut. Auf diesem Weg hat er viele Entbehrungen ertragen.
In der letzten Phase des gesegneten Lebens des verstorbenen Imams (= Ajatollah Chomeini) war eine schwere und große Prüfung (im Sinne einer göttlichen Prüfung!) zu bestehen (gemeint ist das Gefängnismassaker, das man nach Auffassung Chamene‘is hätte befürworten müssen), und ich bitte Gott den Allmächtigen, seine Vergebung und Gnade zu gewähren und das, was er (= Ajatollah Montaseri) auf dieser Welt erlitten hat, als Sühne dafür anzunehmen. Ich sage anlässlich seines Hinscheidens allen Hinterbliebenen, namentlich der werten Ehefrau und den geehrten Kindern des Verstorbenen mein Beileid und erbitte Gottes Gnade und Vergebung für ihn.
Sayed Ali Chamene‘i“


Eine Menschenmenge nimmt Abschied von Ajatollah Montaseri

500.000 Trauernde in Qom versammelt
Zur Totenprozession, die am Montag Morgen um 9 Uhr in Qom stattfand, versammelten sich mehrere Hunderttausend Menschen, um ihm das letzte Geleit zu geben, obwohl die Straßen nach Qom schon am Vortag gesperrt wurden. Die Beerdigung wurde zu einer politischen Kundgebung gegen das Regime.
Wenn Chamene‘i eine Ansprache hält, kommen mit viel Anstrengung 5000 Bassidschi und Pasdaran zusammen.

Hinweis: Chamene‘i war während des Gefängnismassakers unter Chomeini Präsident der Republik und gehört auch zu den gerichtlich genannten Drahtziehern des Mordes an iranischen Kurdenführern in Berlin 1992.

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