Montaseris Totengedenken: Wenn die Massen kommen, müssen die Herrscher gehen

Am frühen Sonntag Morgen, den 20.12.2009, ist Ayatollah Montazeri in der heiligen Stadt in seinem Haus gestorben.

Sein Sohn, Ahmad Montazeri, hat die Nachricht schnell bekannt gegeben. Weil die Regierung damit rechnen musste, dass viele Menschen an der Beerdigung teilnehmen wollten, und auch von weit her (z.B. von Teheran) anreisen würden , riegelte sie die Zufahrtsstraßen nach Qom schon am gleichen Morgen ab. Die Menschen wurden zurückgeschickt und einige, die dem Regime bekannt waren, wurden festgenommen. Die Regierung kalkulierte damit, das Qom eine religiöse und konservative Stadt ist, in der wenige Menschen zu Demonstrationen auf die Straße kommen würden. So schien es ihr ein Leichtes zu sein, die Situation unter Kontrolle zu behalten. Die Absperrungen wurden von der Polizei, den Geheimdiensten, den Pasdaran und den Basiji vorgenommen. Bereits in der Nacht ab etwa 1 Uhr begaben sich die Menschen zu Montazeris Haus. Eine Stunde später waren schon zehntausende Menschen in Qom unterwegs. Um drei Uhr schien es, als sei die ganze Stadt auf den Beinen und viele von ihnen waren auf dem Weg zum Haus von Montazeri. Angesichts dieser Menschenmassen, die für die Regierung völlig überraschend kamen, sah sie sich gezwungen, große Mengen an Sicherheitskräften aus der Umgebung herbei zu transportieren und in der Stadt Qom zusammen zu ziehen. Qom ist eine Stadt mit ca. 1 Mio Einwohnern. Wenige Stunden nach der Bekanntgabe des Todes von Montazeri versammelten sich nicht tausende sondern hundertausende Menschen vor seinem Haus und den umliegenden Straßen.


Im Haus von Montazeri

Die Begräbnisprozession begann um 9 Uhr mit der Überführung der Leiche von Montazeri von seinem Haus zum Schrein von Fāteme-ye Ma’sūme, der Schwester des 8. Imam. Mittendrin befand sich der vom Sohn des Ayatolahs organisierte Wagen, der den Sarg transportieren sollte. Just in dem Augenblick, als es losgehen sollte, erschien plötzlich ein Lautsprecherwagen mit Anhängern der Regierung, die den Leichnam übernehmen und so die gesamte Prozession vereinnahmen wollten. Die Trauergäste reagierten aber sofort und drastisch, so dass dieser Plan nicht aufging und der Wagen der Regierung sich wieder zurückziehen musste. Um 9:30 Uhr befanden sich mehr als 500.000 Menschen vor Ort, einige Nachrichtenagenturen sprechen von 1 Mio. Menschen.


Prozession mit dem Leichnam Montazeris auf dem Weg

Nachdem Anfangs noch die bei solchen Begräbnissen üblichen Rufe wie „Allah-hu-akbar“ (Gott ist groß) oder „Lah-elaha -elallah“ (Es gibt keinen Gott neben Allah) dominierten, wurden sie wenig später politisiert. Wurde vorne z.B. gerufen „Montazeri azadiat mobarak“ (Montazeri deiner Freiheit gratulieren wir [will sagen: du bist von diesem unmenschlichen Regime befreit]) erscholl in der Mitte „In mah mah-e khun-e, seyed ‚ali sarnegun-e“ (Dieser Monat ist der Monat des Bluts [des Märtyrers Imam Hussein], Seyed Ali [= Chamene‘i]) wird gestürzt und am Ende der Prozession „Edalat sho‘areshun, Kahrizak eftekhareshun“ (Gerechtigkeit sind ihre Worte, Kahrisak ihre großen Taten [im Kahrisak wurden Gefangene gefoltert, vergewaltigt und ermordet]). Das sind nur die wichtigsten Parolen, aber die Menge rief noch viele andere Parolen u.a.für Mussawi und Karoubi.

Als um 10 Uhr der Sarg beim Ma‘sume – Schrein eintraf, ertönte aus den Lautsprechern der Moschee die Beileidsrede von Khamenei. Wiederum reagierten die Menschen sehr ablehnend mit Buhrufen und Parolen gegen die Regierung wie „Tod dem Diktator!“ und „Wir wollen kein Beileid voller Hass!“.


Platz vor dem Ma’sume Schrein in Qom

Gegen 12 Uhr war dieser erste Teil der Begräbnisfeierlichkeiten beendet und der Sohn von Montazeri gab am Lautsprecher durch, dass der zweite Teil am selben Tag gegen 8 Uhr in der Aazam-Moschee stattfinden werde, die direkt neben dem Ma‘sume Schrein gelegen ist. Eigentlich hätten die Menschen zwischenzeitlich nach Hause gehen können, doch sie blieben noch stundenlang auf den Straßen gingen in Richtung des Hauses von Montazeri und demonstrierten dabei mit vielfältigen Parolen. Zwischenzeitlich war es dem Regime gelungen, mit etwa eintausend Regierungsanhängern, Mullah-Studenten, Hisbollahs und Basijis das Haus von Montazeri zu umstellen, mit dem Ziel in das Haus einzudringen. Es kam zu Zusammenstößen, bei denen die Fäuste flogen und von den Regierungsanhängern wurden Steine geworfen. Die Regierungsanhänger erkannten, dass sie ihr Ziel nicht erreichen konnten und provozierten statt dessen die Menge, indem sie Bilder von Montazeri zerrissen. Die Menschen riefen : „Uni ke taqallob karde ‚aksha-ra pare karde“ (Der, der [die Wahlen] gefälscht hat, hat auch die Bilder [von Chomeini] zerrissen [s.a. hier].

Am Ende zogen sich die Regierungsanhänger zurück und begaben sich zur Aazam-Moschee, in der der zweite Teil der Trauerfeierlichkeiten angekündigt war. Noch vor 8 Uhr hatten sie den Innenraum der Moschee vollständig in Besitz genommen. Es drohte wieder ein Zusammenstoß mit den eigentlichen Trauergästen, weswegen der Sohn von Montazeri die Veranstaltung absagte. Er gab bekannt, wie sich die Situation darstellte und dass man nicht wolle, dass Menschen bei Zusammenstößen geschlagen, verletzt, festgenommen oder gar getötet werden und dass man deshalb verzichte.
Viele Iranerinnen und Iraner, denen es nicht möglich war, an der zentralen Zeremonie in Qom teilzunehmen, veranstalteten im ganzen Land an verschiedenen Orten private Zeremonien, besonders in der Najaf-Abad, der Stadt in der Nähe von Isfahan, in der Montazeri geboren wurde. Alle Geschäfte hatten an diesem Tag geschlossen und in vielen Moscheen wurden Trauerfeiern abgehalten, fast so wie bei einem offiziellen Staatstrauertag.

Auch die Studentinnen und Studenten schlossen sich im ganzen Iran sofort den Trauerfeiern an und organisierten vor der einen oder der anderen Fakultät Versammlungen. Die Parolen, die hier zu hören waren, waren ebenfalls sehr politisiert. Die Vorlesungen mussten derweil ausfallen.

Es ist nun dreißig Jahre her, dass Iranerinnen und Iraner im Kampf gegen den Schah die traditionellen Trauerfeierlichkeiten am ersten, dritten, siebten, vierzigsten und dem Jahrestag für Versammlungen benutzten, die aufgrund der religiösen und kulturellen Gegebenheiten kaum zu verbieten waren. Heute, ebenso wie damals, werden die Trauerfeierlichkeiten von Regimegegnern als politische Ausdrucksformen eingesetzt.


„In mah mah-e khun-e, seyed ‚ali sarnegun-e“ (Dieser Monat ist der Monat des Bluts [des Märtyrers Imam Hussein],
Seyed Ali [= Chamene‘i] wird gestürzt. Video einer Demonstration am 20.12.2009 in Teheran


„Montazeriye mazlum, rahad edame darad“ (Montazeri, wir werden deinen Weg weitergehen) Video der Demonstration in Najaf Abad, der Geburtsstadt von Ayatollah Montazeri


Begräbnisfeierlichkeiten in Qom am 20.12.2009


Video einer Demonstration an der Universität für Wissenschaft und Ingenieurswesen in Teheran

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