Mord an einem angeblichen Atomphysiker


Physikprofessor Dr. Mas’ud Ali-Mohammadi
Am 12. Januar 2010 starb der iranische Physikprofessor Dr. Mas’ud Ali-Mohammadi laut amtlichen Angaben infolge einer ferngezündeten Bombe. Nach amtlichen iranischen Angaben explodierte die Bombe um 7:05 morgens, als er sein Haus verließ. Schon am selben Tag lief die staatliche Propaganda-Maschine auf Hochtouren, die staatliche Nachrichtenagentur Fars bezeichnete ihn als Atomphysiker, der von zionistischen Agenten umgebracht worden sei. Auch Ahmadineschad schaltete sich ein und erklärte, die Zionisten hätten den Mord verübt, damit der Iran sein Atomprogramm nicht verwirklichen könne.

Was war passiert?
Wenn man die veröffentlichten Photos vom angeblichen Ort des Verbrechens betrachtet, fällt als erstes auf, dass es keineswegs wie ein Wohnhaus aussieht.

Wir sehen die Fensterattrappen, hinter denen gemauerter Ziegelstein zum Vorschein kommt,

wir sehen leere Räume praktisch ohne Möbel,

und weit und breit ist weder etwas von der Familie noch von der Nachbarschaft zu sehen.

Außerdem wurde bekannt, dass zwar die Explosion um 7:05 erfolgt sein soll, die Staatsorgane auch gleich den gesamten Umkreis abriegelten, die Ambulanz wurde aber erst um 7:33 gerufen. Wenn jemand am Verbluten sein sollte, reichlich spät…

Ebenfalls auffällig ist, dass auf den Fotos vom Tatort ein Libanese zu sehen ist, der gemeinsam mit den Bassidschis und den „Zivilbeamten“ eingesetzt wird, wenn es darum geht, Demonstrationen niederzuschlagen. Auf einer Studenten-Webseite wird auch behauptet, dass dieser Mann beteiligt war, wenn Demonstranten verhaftet und in ein Auto gezerrt wurden, worauf die betroffenen Demonstranten „verschwanden“.

Dieser Mann war einer der ersten vor Ort.

Physikprofessor, aber kein Atomphysiker
Es wurde weiter bekannt, dass Prof. Dr. Mas’ud Ali-Mohammadi ein beliebter Physikprofessor war, der Quantenmechanik und Elektromagnetismus unterrichtete, aber keineswegs ein Spezialist für Atomenergie, und dass er ein Anhänger des Präsidentschaftskandidaten Mir-Hossein Mussawi war. Er hatte an der Demonstration drei Tage nach der Wahlfälschung vom Juni 2009 teilgenommen und seinen Studenten im Vorfeld auch mitgeteilt, dass er auf alle Fälle zur Demonstration gehen werde.

Die Regierung nimmt die Trauerfeier in Beschlag
Am meisten Verdacht weckt aber die Tatsache, wie perfekt organisiert die staatlichen Behörden waren, um die Trauerfeier am folgenden Tag für sich in Beschlag zu nehmen. Wie wir an anderer Stelle geschrieben haben, gibt es im Iran ein ganzes Netz von Institutionen, deren Aufgabe es ist, Demonstrationen im Auftrag für den Führer Ajatollah Chamenei durchzuführen und die dafür auch staatliche Mittel zur Verfügung haben, einem Ministerium vergleichbar.

Feindliche Übernahme in Etappen
Nach dem Mord traten zuerst die staatlichen Nachrichtenagenturen auf den Plan. Dann war der Staatsanwalt von Teheran an der Reihe (Abbas Jafari Dolatabadi) , der die „Zionisten“ und „Amerikaner“ des Mordes beschuldigte. Der nächste im Reigen war der Sprecher des Außenministeriums, dann kam Ali Laridschani, der Vorsitzende des iranischen Parlaments. Der nächste im Spiel war Präsident Ahmadineschad. Dann gab der oberste Führer Ajatollah Chamenei eine Erklärung heraus, der wie seine Vorredner die „Zionisten“ beschuldigte. Am Abend wurde im Radio und Fernsehen eine „Erklärung der Familie“ des Ermordeten verlesen, in der zur Teilnahme am Trauerumzug am folgenden Tag aufgerufen wurde. Die Familie wurde bei der Abfassung und Verkündung dieser „Erklärung“ überhaupt nicht gefragt.


einer der bestellten Trauergäste

Am Tag darauf setzte sich die Trauerprozession in Bewegung. An der Spitze des Trauerzugs fuhr ein Fahrzeug mit starken Lautsprechern, die in alle vier Richtungen ausstrahlten. Dieses Fahrzeug wurde von der staatlichen Radio- und Fernsehanstalt „Seda wa Sima“ zur Verfügung gestellt. Dann folgte der Sarg mit dem Toten. Er wurde von Beamten der Sicherheitsorgane getragen, ohne dass den Angehörigen die Möglichkeit gegeben wurde, selbst mit anzupacken. Das stellt eine massive Verletzung der religiösen Sitten im Iran dar.


der selbe Mann als „Student“ vor der britischen Botschaft

Schon bei der Trauerfeier für Ajatollah Montaseri im Dezember 2009 hatten die Behörden in einer ähnlichen feindlichen Übernahme versucht, die Leiche an sich zu reißen, aber gegen eine Million Trauernde konnte sie nichts ausrichten. In diesem Fall stand ihnen nichts im Weg. Der vordere Teil des Umzugs war ganz in der Hand der Behörden, Bassidschis, Sicherheitsorgane, Pasdaran – alle waren in Zivil als angebliche Trauernde zugegen.

Die staatlichen Todeswünscher in Aktion

Die Parolen, die sie riefen: „Marg bar Esrail“, „Marg bar Amrika“ (Tod über Israel, Tod über Amerika). Die auf solchen Umzügen übliche, unpolitische Parole „La elaha illa-llah“ (Es gibt keinen Gott außer Gott) riefen sie überhaupt nicht.


Vorne der Staat, hinten die Trauernden – der Pfeil weist auf den Lautsprecherwagen

Erst dahinter folgte die Familie. Fünfzig Meter weiter schlossen sich allmählich die Studenten des Professors an, die sein Photo in den Händen hielten und dazu „La elaha illa-llah“ riefen. Als die Zahl der Studenten die 2000 überschritt, schlossen sich auch viele Passanten an, die Teilnehmerzahl wurde rasch größer. Auch die Familienangehörigen und die anderen Professoren schlossen sich dem hinteren Teil an. So wurde für Außenstehende immer sichtbarer, dass hier zwei ganz verschiedene Gruppen hinter der Leiche her marschierten und dass der Vorderteil vom Staat orchestriert war.
Da wurde es den Staatsorganen zu bunt. Sie packten die Leiche in den Leichenwagen, die Pasdaran und Co. setzten sich auf ihre Motorräder und ab ging’s zum Friedhof Emamsade Ali-Akbar Tschisar, der Lautsprecherwagen fehlte auch nicht.


Friedhof Emamsadi Ali-Akbar Tschisar

Da zu diesem Friedhof keine Buslinie fährt, konnten viele Trauernde, die kein Auto zur Verfügung hatten, nicht dorthin gelangen. Die Professoren, die es bis vor die Tore des Friedhofs schafften, kamen nicht weiter. Die „Sicherheitsorgane“ hatten alles abgeriegelt und versperrten den Zugang zum Friedhof. Der Lautsprecherwagen war wieder in Aktion und übertönte alles, so dass die draußen Wartenden, die durch die Gitter des Friedhofs hindurch versuchten, den Ablauf zu verfolgen und wenigstens die letzten Worte der Angehörigen zu erheischen, keine Chance hatten, etwas mitzubekommen.

Später, in der Wohnung der Angehörigen, erklären diese auf die Frage eines Anwesenden, dass sie bis jetzt keine einzige Erklärung abgegeben oder unterschrieben hätten – also auch nicht die am Vortag verbreitete, und der Bruder des Ermordeten berichtete, dass man sogar die Computer des Toten abgeholt habe.

Üblicherweise finden nach dem Tod eines Angehörigen auch in den Tagen danach, am dritten Todestag, am siebten Todestag, am vierzigsten etc. weitere Trauerfeiern statt. Man hängt eine schwarze Fahne und ein Foto des Verstorbenen vor der Tür auf, so dass alle Passanten wissen, dass jemand verstorben ist. Nichts davon ist geschehen, es ist nicht einmal bekannt, wo die Familie sich jetzt aufhält.

Alles weist darauf hin, dass es sich um ein weiteres Verbrechen des Regimes handelt, mit dem einerseits die Intelligenz eingeschüchtert, andererseits aber auch gleich propagandistischer Nutzen aus dem Mord gezogen werden soll. Zugleich dürfte der Mord auch ein weiterer Warnschuss an die Adresse von Mir-Hossein Mussawi und Karubi sein, sich auf die Bedingungen des Regimes einzulassen, sonst könnten sie eines Tages ebenso enden. Die jüngsten Reaktionen der beiden lassen den Verdacht aufkommen, dass die Botschaft angekommen ist. Beide scheinen die Kröte der gefälschten Wahlergebnisse jetzt zu schlucken.

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