Iran: Die trauernden Mütter vor dem Ewin-Gefängnis


Der Chawaran-Friedhof, ein politisches Massengrab

Die Mütter der Kinder, die seit der Revolution von 1979 in iranischen Gefängnissen ermordet wurden, trafen sich früher im Friedhof Chawaran in Teheran, um dort Blumen niederzulegen. Dort hatte das islamische Regime die Leichen der Ermordeten anonym verscharrt.


Auf dem Chawarn-Friedhof – den Opfern ein Gesicht geben

Nach der Wahlfälschung anlässlich der iranischen Präsidentenwahl vom Juni 2009 haben sich diese Mütter mit denjenigen zusammengetan, deren Kinder nach den Wahlen verhaftet wurden und jetzt im Gefängnis sind. Nun versammelten sie sich einmal wöchentlich im Tulpen-Park (Park-e Lale) im Norden Teherans, wo sie schweigend zum Gedenken an die Opfer des Regimes um ein großes Wasserbecken marschierten.


Im Park-e Lale: Scharfe Bilder können im Iran gefährlich sein…

Woche für Woche wurden sie dabei von Polizisten und „Zivilisten“ verprügelt, aber sie kamen wieder.


Die trauernden Mütter in Aktion

Schließlich verhaftete das Regime 37 Mütter, deren einziges „Verbrechen“ darin bestand, schweigend im Park-e Lale um das Wasserbecken gegangen zu sein. Eine der 37 Mütter, die freigelassen wurde, nahm darauf an den Versammlungen der Angehörigen vor dem Ewin-Gefängnis teil.
Sie schildert, dass die Angehörigen der Verhafteten nach dem Aschura-Tag (27.12.2009) sich abends alle paar Tage vor dem Ewin-Gefängnis versammelten. Nach dem 10.01.2010 kamen sie jeden Abend zusammen. Auch sie beteiligte sich, um die Freilassung der verbliebenen Mütter sowie der neu inhaftierten Gefangenen zu fordern. Wie sie sagt, hat sie vieles Ermutigendes erlebt, was sie mit den anderen teilen möchte.


Vor dem Ewin-Gefängnis, 29. Dezember 2009

Die wichtigste Veränderung, die vor den Gefängnistoren zu beobachten waren, war die Stimmung unter den Angehörigen. Anfänglich hatten sie keine Hoffnung und waren bedrückt. Wenn jemand freigelassen wurde, trauten sich die draußen Wartenden nicht, ihren Beifall zu äußern, weil sie befürchteten, dass die noch inhaftierten Gefangenen dann darunter leiden müsste. Am 10. Januar nachts wurden alle verbliebenen Mütter (der Gruppe der 37) freigelassen. Diesmal wurden sie mit Beifallsklatschen und Jubelpfiffen empfangen. In den Abenden danach schlossen sich die freigelassenen Mütter den Wartenden an und es wurde üblich, die Freigelassenen jubelnd zu begrüßen. Die Angst war gebrochen. Jeder Gefangene, jede Gefangene, die frei kam, wurden fröhlich gefeiert. Ein entlassener Gefangener hatte sich sein grünes Handtuch über die Schultern gelegt – das Symbol der Opposition, das ihm die Familie gebracht hatte, als er in Haft war – und erhob die Finger zum Siegeszeichen. Heftiger Beifall. Ein anderer junger Mann war im Verlauf der Proteste schon zum vierten Mal verhaftet und freigelassen worden. Das erste, was er seinen wartenden Vater fragte, war: „Wie lange ist es noch bis zum 22. Bahman (also bis zur nächsten Demo)?“ Sein Vater antwortete: „Das nächste Mal besorgst du dir erst eine Besitzurkunde (für ein Haus etc.), die wir hinterlegen können, damit sie dich freilassen, und dann kannst du demonstrieren gehen.“


Protest vor dem Besuchsraum des Ewin-Gefängnisses. (Sinngemäß:
Aus welchem Grund wurden sie getötet?)

Die freigelassenen Gefangenen kamen zudem nicht mit leeren Händen. Sie alle hatten von ihren Gefährten zu berichten und Botschaften für die draußen wartenden Angehörigen, die so aus erster Hand und unzensiert erfuhren, wie es ihren Liebsten ging. Oft waren sie es, die die Angehörigen trösteten und ihnen berichten konnten, dass ihre Kinder wohlauf seien und auch im Gefängnis Widerstand leisteten und sich nicht brechen ließen. Es sei kein Grund, um sie zu trauern. Sie ermutigten die Wartenden, ihre Angst und Trauer zu überwinden.
Eines Abends wurde Hodschat-ol-Eslam Chaladschi entlassen, der an seiner Kleidung als Geistlicher erkennbar war. Als die Menge ihn erblickte, rief sie Lobsprüche auf den Propheten aus. Darauf meinten einige, es sei besser, wenn die Menge ihn mit drei Lobrufen empfange, um den Gefängniswärtern deutlich zu machen, welches Ansehen anständige Geistliche unter der Bevölkerung genießen. Drei Lobrufe sind im Iran sonst nur üblich, wenn von Ajatollah Chomeini die Rede ist. Unter Klatschen, Pfeifen und Lobrufen wurde der Geistliche bis zum Auto seiner Familie begleitet, die ihn abholte.
Am Abend des 22. Bahman (11. Februar 2010), dem 31. Jahrestag der Revolution, an dem das Regime die Hauptstadt mit Polizisten, Pasdaran und Paramilitärs aufgefüllt hatte, um alle Gegendemonstranten einzuschüchtern, genau an diesem Abend erschienen vor den Toren des Teheraner Ewin-Gefängnisses zahlreiche Menschen, um die Freilassung der Gefangenen zu fordern. Die Mutter, von der dieser Bericht stammt, war auch da, und schildert, dass unter anderem eine 15-köpfige Familie zu sehen war, von denen acht aus kleinen Städten angereist waren. Unter diesen acht waren kleine Kinder zu sehen ebenso wie deren Großmutter. Die über 70-jährige Großmutter war dabei, um auf die Kinder aufzupassen, während die anderen an den Demonstrationen der Grünen Bewegung teilnehmen wollten. Nach den Protesten hatte sich diese Familie vor dem Ewin-Gefängnis versammelt, um die anderen zu unterstützen. Das kleinste Kind war erst vier Jahre alt. Dessen Mutter erzählte, dass der Junge es nicht erwarten könne, erwachsen zu werde, jeden Tag vor dem Spiegel stehe und frage, ob er schon einen Schnurrbart habe. Denn dann sei er ein Mann. An diesem Abend sagte er zu seiner Mutter: „Mama, wenn ich auf die andere Seite der Mauer gehe, dann bin ich ein richtiger Mann!“ Die Mutter fragte: „Wieso.“ „Das sagt der Onkel.“ antwortete der Vierjährige.
Für die Beobachterin war das ein klarer Beweis, dass eine so tief in der Bevölkerung verankerte Bewegung an ihrem Sieg nicht zu zweifeln braucht.


Ewin-Gefängnis, Trakt 240 – für ausländische Journalisten. So sieht es nicht aus, wenn die wieder weg sind.

Am Abend des 28. Bahman, also des 17. Februar 2010, als sehr viele Menschen vor den Gefängnistoren warteten, wurden insgesamt 50 Gefangene in kleinen Gruppen freigelassen. Unter ihnen waren 6 junge Studentinnen und Studenten, die mit ihrem „Tatwerkzeug“ unterm Arm auftauchten: Ihrem Computer. Man hatte in ihren Computern Artikel gefunden, die dem Regime missfielen.
Am Abend des 30. Bahman standen die Angehörigen noch um 9 Uhr nachts vor den Toren und warteten. Dann kamen Wächter und wollten sie wegschicken, heute gebe es keine Freilassung. Aber die Wartenden ließen sich nicht entmutigen und beschlossen, noch eine Stunde weiter zu warten. Während sie warteten, tauchten ein junger Mann und eine junge Frau auf, die mehrere Rosensträuße in den Armen trugen. Die junge Frau ging auf einen alten Mann zu und überreichte ihm eine Rose. Eine weitere überreichte sie der teilnehmenden Beobachterin. Nach und nach verteilte sie die Rosen unter den Wartenden, ebenso der junge Mann. Die Beobachterin wartete, bis sie fertig waren, und dankte ihnen dann für diese schöne Geste. Sie fragte: „Ist heute jemand von eurer Familie freigelassen worden, dass ihr jetzt Blumen verteilt?“
Der junge Mann antwortete mit Tränen in den Augen: „Nein. Seit 1988 haben wir keine Hoffnung mehr auf die Freilassung.“
(Gemeint ist das von Ajatollah Chomeini angeordnete Gefangenenmassaker des Jahres 1988).
Er fügte hinzu: „Wir sind gekommen, um euch zu sagen, dass ihr nicht allein seid! Wir fühlen mit euch.“
Die Beobachterin, die erkannte, dass es Hinterbliebene von hingerichteten politischen Gefangenen waren, sagte: „Das waren Menschen wie wir. Uns hätte es genauso treffen können. Denn wir sagen das gleiche wie sie.“

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