Iran in Flammen – Tschahar-Schanbeje Suri

In der Nacht vom 16. auf den 17. März 2010 begann im Iran der letzte Mittwoch des alten Jahres, bald steht das Neujahrsfest Nourus bevor.
Die Regierung betrachtete dieses Volksfest als Herausforderung und wollte beweisen, dass sie die Macht fest in den Händen hält.
So gab der Kommandant der Sicherheitskräfte Ahmadi-Moqaddam im Vorfeld bekannt, dass alle, die in der Nacht zum Mittwoch Parolen rufen oder die Bevölkerung „belästigen“, mit harten Maßnahmen zu rechnen hätten. Einer seiner Stellvertreter erklärte, dass die Bevölkerung das Fest – wenn schon – dann bei sich zu Hause feiern könne. Außerdem ordneten die Sicherheitskräfte an, dass die Geschäfte in den Städten ab 15 Uhr schließen müssen. Das Benutzen von Motorrädern wurde für den Dienstag ab 14 Uhr verboten. Gegen ausländische und oppositionelle Fernseh- und Radiosender wurden Störsender eingesetzt. Wichtige Gebiete wurden durch eine Spezialgarde geschützt.
Außerdem wurde wenige Tage vor den Tschahar-Schanbeje-Suri-Feiern das Todesurteil gegen sechs „Unruhestifter“, die anlässlich des Aschura-Fests verhaftet worden waren, bekannt gegeben.
Ajatollah Chamene‘i erließ eine Fatwa, dass dieses Fest unislamisch sei und deshalb nicht gefeiert werden dürfe.
Außerdem setzte das staatliche iranische Fernsehen für Nacht von Dienstag auf Mittwoch diverse Hollywood-Filme ins Programm, die sonst in aller Regelmäßigkeit von den Mollas in ihren Predigten als unislamisch verurteilt wurden und teilweise sogar verboten waren. Damit sollte die Bevölkerung vor dem Fernseher gefesselt werden.
In religiösen Städten wie Maschhad und Qom wurden sogar Trauer-Gruppen auf die Straße geschickt, die normalerweise nur während der Trauermonate Moharram und Ramesan auftreten.
An Vorbereitungen fehlte es also nicht. Wie sieht das Resultat aus?

Noch als es hell wurde, gingen die Jugendlichen auf die Straße und begannen zu feiern, nach Einbruch der Dunkelheit schlossen sich ihnen auch die übrige Bevölkerung an und ganze Familien mit ihren Kindern gingen auf die Straße.

Sie machten Feuer auf der Straße und sprangen darüber. Wenn an bestimmten Stellen zu viel Polizei konzentriert war, informierten sich die Leute telefonisch und gingen in Straßen und Gassen, wo der Staat nicht so stark vertreten war.

Diesmal waren die Menschen in so vielen Städten auf der Straße, dass die Sicherheitskräfte keine Verstärkung anfordern konnten, weil ihre Kräfte andernorts gebunden waren. Sogar in Städten, in denen sich die Bevölkerung bislang nicht auf die Straße getraut hatten, kamen alle zum Feiern raus.

In den kurdischen Gebieten waren die Feiern so massiv besucht wie noch nie in den letzten 30 Jahren. In den Filmen, die über youtube verbreitet werden, sieht man, dass die Jugendlichen das Fest vor allem zum Feiern und Tanzen nutzten, wobei im Schutz der Nacht auch Parolen gegen das Regime gerufen wurden und selbst in Rascht Plakate mit den Fotos von Chamenei und Ahmadineschad in Flammen aufgingen.

In einem Film sieht man sogar, wie Lehrerinnen ihren Schülern beibringen, sicher über die Feuer zu springen, die im Schulhof angezündet wurden. Für die beteiligten Lehrerinnen bedeutet das mindestens die Entlassung!

Während der 31. Jahrestag der Revolution im Februar 2010 ein halber Propaganda-Erfolg für die Regierung war, weil sich die Staatsmacht auf bestimmte, zentrale Plätze beschränkte, haben die Feiern zum Tschahar-Schanbeje Suri einmal mehr bewiesen, dass die Stärke der Bewegung in ihrer breiten Verankerung in der Bevölkerung liegt. So gab es keinen zentralen Ort, an dem der Staat zuschlagen konnte. Wenn sich die bewaffneten Organe in die Gassen vorwagten, geschah es öfter, dass sie eingekesselt wurden und von den Menschen auf der Straße und in den umliegenden Häusern vertrieben wurden.
Hinzu kommt, dass diese vorislamische Tradition in der Bevölkerung fest verankert ist und sich deshalb nicht einfach mit einer Fatwa – einem religiösen Urteil – auslöschen lässt. Da Ajatollah Chamenei mit seiner Fatwa sein religiöses Gewicht als Mardscha‘e Taqlid (Quelle der Nachahmung) in die Waage legte, bedeutet die rege Beteiligung der Bevölkerung an diesem Fest einen massiven Gesichtsverlust für ihn. Das heißt, auch als religiöser Führer findet er kaum noch Nachahmer.

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