Iran: Sizdah-be-dar – Volksfest im Grünen


Zwei Frauen tragen ein grünes Kopftuch – die Grüne Bewegung lässt grüßen

Iran: Sizdah-be-dar – Volksfest im Grünen
Nachdem das iranische Regime die Feiern in der Nacht zum letzten Mittwoch des iranischen Jahres, also am Tschahor-Schanbeje Suri, als unislamischen Aberglauben disqualifiziert hatte und mit großem Einsatz bewaffneter Kräfte vergeblich versuchte, die Straßenfeiern und die Straßenfeuer zu unterbinden, hat es sich zum iranischen Neujahrsfest – dem Nourus-Fest – zurück gehalten. Lediglich am letzten Tag, dem 13. Neujahrstag, als Sizdah-be-dar („am 13. draußen“) bekannt, an dem möglichst alle Familien ins Grüne gehen und dort Picknick machen, konnte es sich das Regime nicht verkneifen, sich einzumischen. So bezeichneten sie den Tag nicht mit dem traditionellen Ausdruck – „Am 13. vor der Tür“ – sondern mit einer eigenen Erfindung: „Ruz-e mardom dar tabi‘at“ – Tag des Volks in der Natur.


Diese Zeitung „Khabar“ spricht vom größten Picknick der Welt, und unter dem Vorwand der grünen Natur wählt sie für den Text die grüne Farbe – wohl eine versteckte Unterstützung der Grünen Bewegung

Auch ist es an diesem Tag üblich, die frisch gekeimten Samen von Weizen, Gerste oder Linsen, die man in allen Familien etwa zwei Wochen vor dem Neujahrsfest ansetzt, um so den beginnenden Frühling zu feiern, im Grünen auszusetzen. So sieht man am 13. viele Autos, die auf ihrem Dach geradezu einen Grasteppich transportieren.

Natürlich passiert es, dass dabei auch das eine oder andere Büschel auf die Straße fällt, und wenn das genügend machen, dann hat die Stadtreinigung am nächsten Tag einiges zu tun. Mit dieser Begründung hat der Polizeichef von Teheran den Bürgern verboten, das Grünzeug auf dem Autodach zu befördern. Wer es dennoch tue, müsse eine saftige Geldstrafe zahlen. Aber als dann Zehntausende von Autos in Teheran mit der Dachbegrünung rumfuhren, gab die Polizei auf. Sie hätte sonst nur einen Totalzusammenbruch des Verkehrs bewirkt.


Und so hat ein junger Mann aus Schahre-Kurd sein Auto begrünt…
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Und zur Sicherheit sorgte die Regierung dafür, dass im Umfeld des letzten Neujahrstages keine Fotos und keine Nachrichten ins Ausland dringen konnten: Weder über Facebook noch über Handy, noch über andere Internetseiten. So kommt es, dass auch noch drei Tage später fast keine privaten Fotos von den Festen am 13. Tag im Internet zu finden sind, so dass die Regierung mit ihren Agenturen (Mehr, ISNA, Fars) ein Monopol über die Bild-Berichterstattung hatte.


Eine weitere Tradition zum 13. Neujahrstag ist das Verknoten zweier grüner Halme – dabei wünscht man sich etwas.
Der Wunsch dieser Mädchen: Im nächsten Jahr sind die Mollas draußen!

Was taten die Herrschenden sonst?
Statt das Neujahrsfest, das insgesamt 13 Tage dauert, zu verbieten, nutzten sie es für ihre Propaganda. Der erste, der zum Beginn des neuen iranischen Jahres (20. März 2010) mit einer Rede an die Öffentlichkeit trat, war Ajatollah Chamenei. Er sagte, das vergangene Jahr sei das Jahr des Siegs über die Feinde. Das neue Jahr dagegen sei ein Jahr der doppelten Arbeit und des Aufstiegs zu einem höheren technologischen Niveau.
Der nächste Redner war Präsident Ahmadineschad. Er sprach von einem erfolgreichen Jahr – gemeint ist sein erfolgreicher Wahlbetrug, der Staat habe es geschafft, die ausländischen Feinde abzuwehren, so dass sie ihr Ziel nicht erreicht hätten. Er bezeichnete den Iran als Vorbild für die islamische Welt.
Rafsandschani, ehemaliger iranischer Präsident und jetziger Vorsitzender des Expertenrats, begrüßte den Plan, im neuen Jahr die staatlichen Subventionen aufzuheben, das sollte allerdings vernünftig durchgeführt werden, damit die Bevölkerung nicht unzufrieden werde. Dieser Plan sei ein großer chirurgischer Eingriff, den die iranische Gesellschaft über sich ergehen lassen müsse, er hoffe, dass die islamische Republik erfolgreich daraus hervorgehe.

Sprung in den Abgrund?
Der Plan, die Subventionen zu streichen, ist schon alt und reicht in die Zeit der Präsidentschaft von Rafsandschani zurück. Aber weder Rafsandschani noch nach ihm Chatami wagten es, ihn umzusetzen. Ahmadineschad freilich war nach dem Rückgang der Erdölpreise gezwungen, den Plan aufzugreifen, weil die staatlichen Erdöleinnahmen drastisch zurückgingen. Er nutzte darauf den Plan in abgewandelter Form, um Wählerstimmen einzuheimsen. Er schlug vor, dass von über 70 Millionen Iranern 50 Millionen eine monatlich auszuzahlende, unabhängig von ihrem Lohn persönliche Hilfe erhalten sollten, die er „Yarane“ taufte – Freundesgeld. Das heißt, das 50 Millionen Menschen monatlich über ein bestimmtes Guthaben bei der Bank verfügen sollten, um damit noch die Waren bezahlen zu können, deren Preise in einem freien Markt massiv steigen würden. Die Rechnung, die Ahmadineschads Pasdaran-Herrschaft dabei aufstellte war die, dass 20 Millionen Iraner reich genug seien und keine staatliche Unterstützung benötigten. Beim Nachrechnen stellte man aber schnell fest, dass so eine Hilfe den Staat jährlich mindestens 40 Milliarden US-Dollar kosten würde, bei Gesamterdöleinnahmen von 60 Milliarden Dollar. Also begann man runter zu rechnen. Es sollten nur noch 30 Millionen Hilfeempfänger sein, jetzt ist man bei nur noch 7 Millionen Empfängern angelangt. Die sollen mit der Hilfe nicht nur bei Laune gehalten werden, sondern auch erpressbar sein. Denn wer nicht spurt, wer nicht am Freitag zum Beten in die Moschee geht oder sonst nicht tut, was die Herrschenden wollen, der kriegt auch kein Geld. Das ist die eine Seite. Die andere, noch größere Frage ist: Was tun mit den restlichen 60 Millionen, die nichts erhalten sollen?


Unzählige arme Haushalte versorgen sich illegal mit Strom – die Behörden sind ausserstande das zu kontrollieren. Ob diese Menschen etwas von den Subventionen sehen werden, ist fraglich.

Deswegen wurde bei den Debatten im Parlament jetzt der Vorschlag laut, man solle den Plan erst einmal nur in einer Region durchführen, wo man eventuelle Proteste gut niederschlagen könne oder sich problemlos wieder auf die alte Position zurückziehen kann.

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