Iran: Kurdische Wanderarbeiter mit Kind und Kegel

Während die Direktoren der staatlichen Medien im Iran sich nicht eben in gewissenhaftem Journalismus hervortun und ihre „Talente“ in ganz anderen Bereichen zu finden sind, die einer gerichtlichen Würdigung wert wären, sollte man nicht übersehen, dass es auch in diesen offiziellen Agenturen Menschen gibt, die sich bemühen, die Wirklichkeit jenseits der Propaganda wiederzuspiegeln.

Ein Beispiel hierfür ist folgender Bericht über kurdische Wanderarbeiter. Leider sind weder die Namen der Reporter/in noch der Person, von der die Fotos stammen, genannt. Urheberrechte zählen im Iran nicht viel…

Der Bericht beginnt mit den Worten eines kurdischen Jungen aus dem Westen des Irans: „Wie immer beginnt der Sommer und es gibt für drei Monate keinen Unterricht und keine Schule. Mein Freund sagt, dass seine Familie dieses Jahr vorhat, den Pilgerort Maschhad zu besuchen, und auf dem Rückweg wollen sie über den Nordiran fahren. Er findet, dass es im Norden sehr schön ist, Wälder, Meer und Flüsse, Bootsfahrten und ganz verschiedene Arten von Essen. Jedenfalls hat er schon so viel von seinen Reisen erzählt, die er jedes Jahr macht, dass ich den Norden schon ein paar Mal im Traum gesehen haben.

Und ich? Darf ich nur davon träumen? Wir, das heißt mein Vater, meine Mutter und Geschwister und ich packen jedes Jahr zu Beginn des Sommers zusammen mit unseren Nachbarn und Verwandten unsere Sachen, so wie es üblich ist, und lassen die frische Luft und das saubere Wasser unseres Dorfs in Kurdistan einige Hundert Kilometer zurück. Wir ziehen wie die Nomaden, was für ein Unterschied zwischen meinen Reisen und den Reisen meiner Schulfreunde!

Genau, wegen unserer Armut, die mein Vater noch von meinem Großvater geerbt hat, und aus anderen Gründen müssen wir die drei Sommermonate über in den Obstplantagen und auf den Äckern schuften, besonders in diesem Jahr… die Obsternte, die Kartoffelernte, die Tomatenernte…

Ob Hamedan, Teheran, Isfahan oder Schiras, egal wo, wir müssen die Aussteuer für die Hochzeit meiner Schwester irgendwie zusammenkriegen. Denn wenn meine Schwester mit leeren Händen zu ihrem Bräutigam geht, ist unser Ruf unter den Nachbarn und in der weiteren Familie ruiniert.

Nun, Gottseidank, dieses Jahr gibt in der Gegend um Hamedan eine Menge Arbeit auf den Kartoffeläckern, so dass wir alle Hände voll zu tun haben. Aber weil ich noch jung bin, bekomme ich nur den halben Lohn wie die anderen Tagelöhner. Ich finde das zwar seltsam, was können die, was ich nicht auch kann? Aber ich bin es zufrieden.

Zumindest bekomme ich dieses Jahr keine gerötete Haut vom „Schwefelpulver“ wie letztes Jahr auf den Tomatenfeldern, und es brennt auch nicht. Mein Körper ist auf das Schwefelpulver empfindlich. Letztes Jahr musste ich jeden Tag mittags im schlammigen Wasserkanal neben dem Feld baden, damit das Brennen etwas erträglicher wurde. Und deshalb bin ich damit zufrieden, wie es jetzt ist.

Manchmal steckt sich mein Vater bei der Arbeit eine Zigarette an und beginnt plötzlich zu singen, und dann hört er so bald nicht mehr auf. Und meine arme Mama muss zusätzlich zur Arbeit auf dem Feld, und das bei dieser Hitze, mit den wenigen Mitteln, die wir haben, für mich und meinen kleinen Bruder und meine Schwester und meinen Vater Brot backen und Essen kochen. Sie tut mir wirklich leid.

Aber wir sind unter uns, und das Leben im Zelt hat auch seine schöne Seiten. Wenn ich mich abends völlig kaputt im Zelt hinlege, vermisse ich unser Haus und meine Freunde schon manchmal.“

Anmerkung: „Schwefelpulver“ ist eine Bezeichnung im Volk für Pestizide, die beim Anbau von Tomaten eingesetzt werden.

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