Al-Qods-Tag in Teheran und Schiraz

Zwei Wochen im Voraus hatte sich das Regime der Islamischen Republik auf den Al-Qods-Tag vorbereitet. Es wurden in Kasernen, Polizeistationen Sicherheitskräfte und Spezialeinheiten stationiert. In Moscheen sammelten sich Hisbollahi sowie in speziellen Basiji-Einrichtungen die Basiji-Kräfte. Bereits am Mittwoch, den 1.9.2010 besetzten die Sicherheitskräfte zentrale Plätze und Strassen in Teheran. Wichtige Orte waren die Azadi-Strasse, die Enghelab-Strasse, die Vali-Asr-Strasse, der Azadi-Platz, der Enghelab-Platz, der Ferdosi-Platz, der Vali-Asr-Platz, …, insbesondere auch die Umgebung um die Universität Teheran. Die Sicherheitskräfte standen im Abstand von wenigen Metern voneinander. In den Zwischenräume bewegten sich zivil gekleidete Basiji und Hisbollahi. Die Regierung konnte nicht genau einschätzen, in welchem Umfang diesmal mit Protesten zu rechnen war.


Teheran, 2 Tage vor dem Al-Qods-Tag

Tagelang hatte sie die Massenmedien genutzt, um etwaige Regimegegner oder Demonstranten einzuschüchtern. Sie drohte u.a. damit, dass sie in der Lage sei, jedes Handy zu überwachen und z.B. den Aufenthaltsort des Handybesitzers zu lokalisieren auch wenn das Handy ausgeschaltet ist. Festnetzanschlüsse würden angeblich ebenfalls überwacht: es sei möglich jedes Telefonat, egal ob ins Inland oder ins Ausland, zu überwachen; selbst wenn jemand den Telefonapparat nur putzen würde, würde das bemerkt.


2 Tage vor dem Al-Qods-Tag

Vor allem das Internet würde überwacht und war tatsächlich in den vergangenen Tagen wieder stark in seiner Übertragungsleistung gedrosselt. Sowohl Internet als auch Mobilfunkkommunikation hatten bei den Demonstrationen des letzten Jahres als wichtiges Mobilisierungs- und Nachrichtenmedium fungiert. Dieses Jahr waren seitens der Grünen Bewegung keine Aktionen anlässlich des Al-Qods-Tages organisiert worden, aber selbst wenn das der Plan gewesen wäre, wäre das nur unter großen Schwierigkeiten möglich gewesen.


Teheran, 2 Tage vor dem Al-Qods-Tag

Die Wohnung des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Karroubi, der noch immer die Regierung für die gefälschten Wahlen kritisiert, wurde seit Dienstag vergangener Woche von Hisbollah und Basiji-Gruppen belagert. Es wurden Parolen gerufen und sogar Steine geworfen. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag verschärften sich die Angriffe. Bewaffnete Hisbollahi und Basji versuchten in das Haus einzudringen und schossen scharf. Die Leibwächter von Karroubi schossen zurück und es kam zu Verletzten unter den Angreifern.


Die Wohnung von Karroubi und seiner Hausnachbarn in Teheran

Der Chef der Wachmannschaft wurde bei Vermittlungsversuchen vor dem Haus zusammengeschlagen und so schwer verletzt, dass er bis heute im Krankenhaus liegt. Erst gegen Nachmittag des 3. Septembers (der Al Qods-Tag) verliefen sich die Angreifer langsam. Die Familie Karroubi haben der BBC, dem Radio Farda und dem Rasa-TV Interviews gegeben und diese haben als die Angriffe noch liefen bereits ausführlich über das Geschehen berichtet.


Teheran, Al-Qods-Tag

Ebenfalls seit mehreren Tagen wurde die Moschee des Großayatollahs Dastgheib in der Stadt Schiraz belagert. Dastgheib ist bekannt als Kritiker von Ahmadinejad (direkt) und Chamenei (indirekt). Am Donnerstag, den 2. September, griffen 150 bis 200 organisierte Personen die Moschee mit Steinen, Stöcken und Eisenstangen an. Mehrere Menschen wurden dadurch verletzt und die Moschee wurde beschädigt. Ein junger Geistlicher unter den Angreifern hatte im Vorfeld vor der Moschee eine Brandrede gehalten, in der er den Großayatollahs und seine Anhänger als Feinde beschimpfte und dazu aufrief, die Moschee von den Feinden zu reinigen.


Angriff auf die Moschee in Schiraz

Die zentrale Veranstaltung, das Freitagsgebet an der Universität Teheran, war nicht so gut besucht, wie das Regime es sich erhofft hatte. Zwar wurde ein Sternmarsch mit großen Lautsprecherwägen organisiert und laut Augenzeugen und den im Fernsehen meist auf Augenhöhe, manchmal aus Hubschraubern die über einer Stelle schwebten, aufgenommen, zeigen etwa 100.000 Menschen.

Doch Ansammlungen von mehreren Hunderttausend oder gar Millionen Menschen, wie man sie von vergangenen Jahren kennt, wurden nicht erreicht. Im Prinzip sind gerade mal die organisierten und bezahlten Leute gekommen. Die meisten Teheraner blieben zu Hause.


Ahmadinejad in Teheran, Al-Qods-Tag

Einige wenige Oppositionelle filmten in den Straßen oder spotteten über das Schauspiel der organisierten Anhänger, die teils mit Bussen aus der Umgebung von Teheran herbei gekarrt worden sind. Ihre Fotos, Videos und Augenzeugenberichte fanden sich später im Internet wieder.


Der Sprecher aus dem Off tituliert die Demonstranten und Sicherheitskräfte als Schafe und entgegnet den offiziellen Parolen vom Lautsprecherwagen wiederholt mit „Marg bar Chamenei“.

Alle Minister und wichtigen Personen waren verpflichtet teilzunehmen und sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Stets waren sie von zahlreichen Anhängern und Bewachern umgeben, so dass man sich unwillkürlich fragte, vor wem oder was sie eigentlich Angst haben.


Teheran, Al-Qods-Tag

Auch wenn es bei dem Al-Qods-Tag, dem Jerusalem-Tag, vordergründig um die Unterstützung der Sache der Palästinenser geht, ist daraus im Iran mittlerweile eine kleine Industrie geworden. Die Transporte, die Verpflegung, die Bekleidung, die Plakate, die Fahnen, etc. , alles muss bezahlt werden. Die Coupons, die zu diesem Zweck an die Menschen verteilt werden, können wiederum nur in bestimmten, bevorzugten Läden eingetauscht werden. Die Besitzer dieser Läden haben ein ökonomisches Interesse daran, auf der richtigen Seite – sprich der Regierungsseite – zu stehen. Ihnen stehen dadurch Zusatzgeschäfte, – aufträge oder Kreditmöglichkeiten offen. Sie sind deshalb bereit, sich auf der Straße, teilweise bewaffnet, einzumischen, Menschen zu schikanieren oder zu schlagen. Aber auch so etwas wird von Augenzeugen beobachtet und spricht sich herum.

Just an dem Tag, an dem in Washington die Friedensverhandlungen zwischen und Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde aufgenommen wurde, stellte Ahmadinejad deren Legitimität in Frage, kritisierte die Verhandlungen und forderte die Palästinenser auf, den bewaffneten Kampf gegen Israel fortzusetzen. Der Sprecher von Mahmud Abbas reagierte darauf mit den Worten: „Der, der nicht das iranische Volk repräsentiert, der Wahlergebnisse fälscht, das iranische Volk unterdrückt und sich Amtsgewalt angeeignet hat, hat nicht das Recht, über Palästina oder seinen Präsidenten zu sprechen“.

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