Krise im iranischen Industriesektor

Viele ArbeiterInnen im Iran sorgen sich um ihren Arbeitsplatz aufgrund der jüngsten Preissteigerungen und Inflation.

Ausstehende Löhne

Schon heute haben sie ein großes Problem: sie erhalten den ihnen zustehenden Monatslohn oft nicht oder nicht regelmäßig. Das gilt sowohl für die normalen Arbeitszeiten als auch für die Überstunden. Der Mindestlohn liegt bei 303.000 Toman (Erläuterung: ein Liter Benzin kostet ca. 700 Toman, ein Kilo Fleisch ca. 20.000 Toman und ein Laib Brot 300 Toman). Laut den offiziellen Nachrichtenagenturen und den Websites der Arbeiterorganisationen wird der Mindestlohn in vielen Betrieben nicht regelmäßig ausbezahlt und somit ebenfalls unterschritten. Die Nachrichtenagentur ILNA berichtet, dass Araya Hosseini, der Sprecher eines Arbeitervereins im Röhrenbau-Unternehmen Karchaneye Lulesazi Chuzestan, darauf hingewiesen habe, dass 500 bis 600 Arbeiter 18 Monate lang ihren Lohn nicht erhalten hätten. Ein Arbeiter des Unternehmens ergänzt, dass sie ohne ihren Lohn noch nicht mal ein Stück Brot kaufen könnten und dass das Leben für sie sehr schwierig geworden sei. Aus Sicht der Islamischen Republik möge das Problem vielleicht einfach erscheinen, doch sie wüssten nicht, wem sie dieses Problem schildern sollten.

Streiks

Wenn man die Berichte im ganzen Iran aufmerksam verfolgt, kann man jeden Tag über Arbeitsniederlegungen, Versammlungen von Arbeitern vor den Fabriken oder lokalen Parlamentsgebäuden und sogar von Streiks lesen. 3500 Arbeiter der reifenproduzierenden Fabrik Karchaneye Lastike Bares in Kermanshah, Südwestiran, streiken seit letztem Samstag, dem 8.01.2011, weil die Jahressonderzahlungen um 50.000 bis 200.000 Toman reduziert worden sind. Die Verträge zwischen Arbeitern und Unternehmern haben hier eine Laufzeit von gerade mal vier Wochen. Die Forderung der Arbeiter ist, dass ihre Verträge auf mindestens ein Jahr befristet werden. Der Leiter der Sicherheitskräfte drohte allerdings bereits mit dem Einsatz von Spezialeinheiten, falls der Streik nicht beendet würde.

Bis dato haben noch keine staatliche Medien oder lokale Zeitschriften auch nur ein Wort über diese Arbeitskämpfe berichtet.

Industriesektor am Ende

Ali Karemi, Sprecher des Arbeitervereins von Ghazvin, betont, dass 70% der Unternehmen in einem großen Industriegebiet in unmittelbarer Nachbarschaft von Ghazvin große wirtschaftliche Probleme haben. Und Sharif Hosseini, stellvertretender Leiter der iranischen Industriekommission, hat letzte Woche im Parlament deutlich gemacht, dass 23 wichtige Industrieeinheiten in Khuzestan bald aufgrund ihrer wirtschaftlichen Probleme geschlossen würden.

Die Firmen Sherkate Iranmaye (ein Chemieunternehmen in der Stadt Shariya, 40 km von Teheran entfernt), Karchaneye Motorcyclet Sazi (eine Motorradfabrik im Verwaltungsbezirk Koh Kiluye Va Boyrahmad) und Karchaneye Zobefelezat (eine Metallgießerei in Khoramdare) sind im letzten Monat Bankrott gegangen und geschlossen worden. Siebentausend große und kleine Unternehmen, Textilfabriken, Keramikhersteller, Holz- und Papierverarbeitende Unternehmen, Kupfer-, Blei und Aluminiumfabriken, Kachelhersteller, die Zucker-, Heizöl- und Chemiefirmen, Pharmaunternehmen, Glashersteller, Hersteller von Milchprodukten, etc., die nicht mehr aus eigener Kraft existieren konnten, haben im vergangenen Jahr einen staatlichen Kredit bekommen und konnten diesen bis heute nicht zurückzahlen. Der Stellvertreter des Industriebeauftragten im Parlament hat daher verlangt, dass ein Gesetzentwurf verabschiedet wird, der diesen Unternehmen verbietet, zu schließen.

Asis Akbarian, Mitglied der Industriekommission im iranischen Parlament, wies vor dem Parlament darauf hin, dass viele Fabriken wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation ihre Waren nur noch in sehr geringer Qualität produzierten. Im Vergleich zu anderen Ländern seien die Preise zu hoch und damit nicht konkurrenzfähig. Wirtschaftsfachleute im Iran merkten an, dass viele Menschen, Anhänger der Regierung oder bestimmter Mullahs, sowie deren Kinder und Verwandte, von dieser Situation profitieren und versuchen, sie auszunutzen, indem sie Waren aus dem Ausland importieren. Neben diesen gesellschaftlichen Gruppen hätten nur noch die Revolutionswächter und die Geheimdienstmitglieder die Möglichkeit, ausländische Währungen zum offiziellen, staatlichen Kurs anzukaufen und damit aus dem Ausland importierte Waren zu realen Preisen im Inland zu verkaufen.

Die Website ‚Aftab‘, die Ali Akbar Hashemi Rafsanjani nahesteht, dem Vorsitzenden des Expertenrates und des Schlichtungsrates im Iran, schrieb, dass die jüngste Maßnahme von Ahmadinejad, die Subventionen zu kürzen, den Effekt habe, die Energiepreise im Verhältnis zum Rest der Welt dramatisch zu erhöhen. Der wichtige Industriesektor verbrauche 33% des im Iran hergestellten Stroms, 27% des geförderten Gases und 38% des Heizöls und würde aufgrund dieser Preissteigerung bald in eine große Krise geraten. Was, so fragt Aftab, wolle der Staat mit den ganzen Arbeitslosen machen, die dann auf der Straße stünden.

Entlassungen

Ein Kleinunternehmer aus Teheran hat letzte Woche geklagt, dass er vor den jüngsten Subventionskürzungen noch 20 Arbeiter zum Teil schon seit über 10 Jahren beschäftigt habe (die ihrerseits 110 Angehörige unterhalten!). Nun war er gezwungen, 15 von ihnen zu entlassen, und musste selbst wieder die Arbeitsmontur anzuziehen, um mit den verbliebenen 5 Arbeitern den Betrieb irgendwie am Laufen zu halten. Er sagt: „Herr Ahmadinejad, ich sage Ihnen, so ist die Situation in meinem Betrieb, und Leute wie mich finden Sie viele im Iran. Wir alle steuern auf einen Bankrott zu.“

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