Demonstration, Aufstand und Revolution in der Arabischen Welt und ihre Wirkung im Iran

Es sieht so aus, als hätte der iranische Aufstand stattgefunden und nun blieben die Menschen wieder zu Hause. Wenn man jedoch den Vorhang beiseite zieht und die iranische Gesellschaft genauer betrachtet, stellt man fest, dass sowohl oben bei den Machthabern als auch unten bei der Bevölkerung viel in Bewegung ist.


Teheran nach den Wahlbetrug bei den Präsidentschaftswahlen 2009

Oben zieht sich ein tiefer Riß durch die verschiedenen Fraktionen der Herrschenden: Ahmadinejad kämpft gegen den Rat für das Staatsinteresse (Shoraye-Maslehate-Nezam) und umgekehrt. Das Parlament gegen Ahmadinejad und er wieder gegen das Parlament. Die Leute in unmittelbarer Nähe zu Chamenei gegen Ahmadinejad. Ahmadinejad versucht sich, gestützt auf die Revolutionswächter, gegen die anderen Fraktionen durchzusetzten. Wer die iranischen Medien genau liest, kann feststellen, wie diese Kämpfe an Intensität zunehmen. Seit etwa einem Monat bis zu einem Zeitpunkt kurz vor der tunesischen Revolution wurden sie sogar vermehrt in der Öffentlichkeit ausgetragen.


Massendemonstration in Tunesien

Die Bevölkerung trifft sich dagegen nicht mehr öffentlich um auf der Straße zu protestieren sondern bei vielfältigen Gelegenheiten in privatem Kontext, bei Familienfeiern, beim Abendessen, bei Gedichtabenden, Gebetsritualen, Hochzeiten, etc. und diskutiert darüber, wie man das Regime loswerden kann. Dazu gehören auch Treffen im Untergrund von Intellektuellen, Studentinnen und Studenten, politischen Gruppen etc. Auch früher sich feindselig gegenüber stehende Gruppen wie ehemalige Anhänger der Monarchisten, der Volksmujahedin, der Volksfedayin oder von anderen linken Gruppen sitzen heute an einem Tisch – eine völlig neue Qualität. Berichte über plötzliche Festnahmen von allen Teilnehmern eines Untergrund-Konzerts, eines privat organisierten Theaterstücks oder von ganzen Hochzeitsgesellschaften geben eine Ahnung davon.


Das Konterfei von Mubarak wird entfernt

Während oben geklagt wird, dass viel zu viele Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Fraktionen der Machthaber öffentlich ausgetragen werden und man vermehrt appelliert, zu internen Debatten zurückzukehren oder einfach nur still zu sein, ist es auf der Straße ganz und gar nicht ganz still, im Gegenteil. Überall, an jeder Straßenecke, im Bus, bei der Arbeit oder beim Bäcker hört man Gespräche über die tunesische Revolution und den Aufstand in Ägypten. Es wird gleich bei der Begrüßung nach den neuesten Informationen gefragt.


Massendemonstrationen in Ägypten im Januar 2011

Die Machthaber haben ebenfalls ein großes Interesse an Informationen über die aktuellen Vorgänge in der Arabischen Welt. Doch jede Fraktion interpretiert sie anders, ganz nach ihrem Geschmack und biegt sich die Wahrheit jeweils zurecht. Die Ahmadinejad nahe stehende Nachrichtenagentur IRNA berichtete z.B., dass die Menschen auf der Straße die Geschäfte anzündeten und plünderten und da Mubarak die Kontrolle nicht habe wiederherstellen können, israelische Spezialeinheiten angefordert werden mussten, die die Menschen auf der Straßen von Kairo und Alexandria schlügen und festnähmen. Folgerichtig mobilisierte Ahmadinejad gestern, den 30.01.2011, seine Anhänger vor die ägyptische Botschaft in Teheran und liess sie Sprüche wie „Mubarak, Mubarak, steig runter von deinem Thron“ rufen.

Sowohl Ahmadinejad und seine Anhänger als auch andere Fraktionen betonen in den Medien oder beim Freitagsgebet immer wieder, dass die Tunesier und die Ägypter von der Islamischen Revolution des Jahres 1979 gelernt hätten, wenngleich mit einer Verspätung von 30 Jahren. Es heisst dann im gleichen Atemzug, dass sich bald ein islamisches Modell in Tunesien, in Ägypten und in der gesamten Arabischen Welt durchsetzen würde, so wie das islamische Modell einst im Iran.

Verdächtig ist auch das Versprechen Ahmadinejads im Parlament und in Interviews über das derzeit in allen Medien berichtet wird. Es lautet, dass die derzeitige Phase der rasant steigenden Preise in Kürze, genauer gesagt am 21.03.2011 (Avale Farvardin), dem Tag des Neujahrsfestes, vorbei sei und dass danach die Preise wieder fallen würden. Es kann nur einen Grund für dieses unhaltbare Versprechen geben: die Machthaber im Iran fürchten sich vor einem Aufstand im Iran. Jeder Iraner und jede Iranerin im Iran weiss, ohne ein Experte für Ökonomie zu sein, dass das nicht der Fall sein wird, sondern die Preise weiter steigen werden. Es sei denn, die Subventionskürzungen werden wieder zurückgenommen.

Wie lange dauert es noch, bis der iranische Vulkan wieder ausbricht?

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