Iran in Bewegung: Straßenkinder

Eine Gruppe von 100 bis 150 iranischen Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren hat am Donnerstag, den 11.08.2011, für mehrere Stunden auf der Wali-Asr-Straße, einer der zentralen Verkehrsachsen Teherans, eine Aktion zur Unterstützung von Straßenkindern durchgeführt. Für ein paar Stunden teilten sie das Schicksal dieser Kinder, putzten Windschutzscheiben, verkauften Kaugummis und Orakel (entspricht hierzulande der Funktion der Horoskope). Das gesammelte Geld verteilten sie dann unter den Straßenkindern.


Bei dieser Aktion nutzten die Jugendlichen, die besser gestellten Gesellschaftsschichten entstammen, wie man an ihrer Kleidung sieht, die Gelegenheit, auf die Vorurteile der Autofahrer gegen die Straßenkinder einzuwirken. Die Jugendlichen, die diese Aktion spontan durchführten, ohne Kontakt zum Staat oder irgendwelchen nichtstaatlichen Organisationen, gaben eine Erklärung ab, die zuerst am Samstag (23.08.2011) in der Zeitung Ruzgor (Schicksal) veröffentlicht wurde und anschließend auch im Internet auf der Website von iran-emrooz.
Dort finden sich auch noch mehr Fotos.


Interessant ist auch die Reaktion der iranischen Leserschaft dieser Website. Während sicher über 90% des Lobes voll für diesen Akt der Solidarität waren, gab es auch kritische Stimmen unterschiedlicher Zielrichtung.
Manche dieser Argumente kommen einem vertraut vor, wenn man an die Bettler hierzulande denkt.


Person 1
Mit solchen gemeinsamen Aktionen und gemeinschaftlichen Aktivitäten kann man die Bevölkerung auf viele gesellschaftliche Probleme aufmerksam machen, unter der Bedingung, dass man sie nicht politisiert und diese wichtigen Botschaften friedlich und ohne Gewalt allen übermittelt. Es war eine Gruppenaktion, und sie war fabelhaft. Schön wäre es gewesen, wenn Ihr das gesammelte Geld auf ein staatliches Konto überwiesen hättet und dafür staatliche Unterstützung für diese Kinder gefordert hättet. Für eine gute Arbeit muss man auch immer eine gute Forderung einbringen.

Person 2
Ich bin gegen das, was sie da tun. Meiner Meinung nach bewirkt diese Hilfe für die Kinder auf der Straße nicht nur, dass ihnen nicht geholfen wird, sondern dass noch mehr Kinder das selbe Schicksal erleiden. Diese Kinder werden in der Regel von ihren Familien vermietet, und das Geld, das man ihnen gibt, wandert in die Taschen derer, die die Kinder gemietet haben. Je größer das Einkommen dieser Kinder, desto mehr werden die Organisationen, die die Kinder mieten, ermutigt, was dazu führt, dass das Schicksal von noch mehr Kindern ruiniert wird. Das Problem muss von der Wurzel her angegangen werden und man muss aufpassen, dass man dann, wenn man etwas Gutes tun will, es so anstellt, dass es den Betroffenen nützt und nicht schadet. Gewiss war die Absicht derer, die diese Aktion durchgeführt haben, sehr gut, aber ich bin völlig dagegen.

Person 3
Die Hände derer, die diese Aktion ausgeführt haben, mögen nicht schmerzen (eine iranische Redewendung, um seinen Dank für die Mühe anderer auszudrücken).
Ich bin sicher, dass ihre Absicht gut war. Aber in der Sache habe ich eine andere Auffassung. Meiner Meinung nach ist es viel besser, wenn niemand etwas von den Straßenkindern kauft. Derjenige, der diese Kinder ausnutzt, wenn der ein, zwei, drei Tage oder gar einen Monat sieht, wie sie mit leeren Händen zurückkommen, der wird sie am nächsten Tag nicht mehr auf die Straße schicken. In diesem Alter ist die Straße wahrlich nicht der Ort für diese Kinder! Die Kinder sind meist zu mehrköpfigen Gruppen zusammengefasst und werden am Morgen von jemandem gebracht und am Abend wieder eingesammelt. Ich war mal aus Neugier mehrere Stunden bei einem dieser Kinder geblieben. In diesen paar Stunden habe ich gesehen, wie einer mit einem Daewoo Cielo (koreanische Automarke) ankam, zur Kontrolle, und dann wieder wegfuhr. Sie können sich sicher sein, dass Sie den Kindern schlimmstes Unrecht antun, die diese Arbeit unter Zwang leisten, wenn Sie ihre Zeit oder ihre Ware mit Geld begleichen und so die Person ermutigen, die am Ende des Tages ihr Geld einsammelt, um sie am nächsten Tag wieder auf die Straße zu schicken. (…)

Person 4
und so kam es, dass diese Kinder glücklich wurden, nicht mehr arbeiteten und in die Schule gingen. Und davor waren sie sehr arm, denn mit der Bettelei und einem täglichen Einkommen von über 50.000 Tuman ist man auf alle Fälle ein armer Mensch.

Zu diesen verstreuten kritischen Bemerkungen tauchten auch Gegenstimmen auf:
Person 5
Hallo, mein Gruß an alle, die für sich und ihre Gemeinschaft etwas tun wollen. Ich habe die Diskussionen und Argumente von vielen von Euch nicht gelesen, aber man kann sie grob in zwei Gruppen einteilen, in Befürworter und Gegner. Das Wichtige an der Sache ist nicht, ob Eure Aktion nun den Kindern mehr genützt hat oder mehr geschadet, viel wichtiger ist, dass Ihr jungen Leute endlich etwas getan habt, was aus dem Alltag und der Gleichgültigkeit heraussticht. Dass Ihr Euch verpflichtet gefühlt habt und ausgeführt habt, was Ihr für richtig hieltet. Das ist es, was in diesem Staat selten zu sehen ist. Und wenn diejenigen Recht haben, die gegen Eure Aktion sind, sollen sie doch rauskommen und das ausführen, was sie für richtig halten. Wenn Ihr aber feststellt, dass niemand zu sehen ist, der aktiv würde, dann kann man nur sagen: Meine Hochachtung für Euch!

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