Iran: Todesstrafe für eine anonyme e-mail

Mehdi Chas‘ali, ein Anhänger der Islamischen Republik und zugleich einer ihrer Kritiker, wird derzeit im Ewin-Gefängnis in Teheran in Haft gehalten. Aus Protest gegen die illegale Inhaftierung hat er einen Hungerstreik eröffnet. Kürzlich hat er einen Brief von Ahmad Montaseri, dem Sohn des verstorbenen Großajatollahs Montaseri erhalten. Jetzt ist seine Antwort auf diesen Brief im Internet veröffentlicht. Mehdi Chas‘ali schreibt darin, dass er erst jetzt allmählich versteht, was man den Gefangenen in den 1980-er Jahren alles angetan hat. Das, was er jetzt erleiden muss, ist nicht ein Hundertstel von dem, was andere Mitgefangene durchmachen müssen. Von Mithäftlingen, die die Folterungen der 1980-er und das Gefangenenmassaker von 1988 miterlebt und überlebt haben, hat er auch erfahren, dass die Zelle, in der Mehdi Chas‘ali anfänglich in Einzelhaft gehalten wurde, in jener Zeit nicht mit einer Person, sondern mit dreißig (!) belegt wurden. Damals wurden drei Betten übereinander aufgestellt, auf jeder Etage mussten 9 Gefangene kauernd Platz nehmen, und die restlichen drei kauernd im Abschnitt an der Tür. Es war so eng, dass sie nicht einmal ihre Knie auseinanderspreizen konnten, um aufzustehen und aufs Klo zu gehen. Mehdi Chas‘ali schreibt, es sei Ahmads Vater, dem inzwischen verstorbenen Großajatollah Montaseri, zu verdanken, dass wenigstens die schlimmsten Auswüchse des Systems etwas zurückgenommen wurden.
Mehdi Chas‘ali schreibt aber auch von der Willkür der Gegenwart. So wurden drei seiner Mitgefangenen von Richter Pir-Abbassi nach einer zweiminütigen Gerichtsverhandlung zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie haben sich jetzt seinem Hungerstreik angeschlossen. Ein anderer wurde wegen einer e-mail, die nur anderthalb Zeilen lang war und die er von einer anonymen Person erhalten hat, zum Tode verurteilt!
Am Vortag wurde ein Mitgefangener, der von Richter Salawati ohne Beweis und ohne Geständnis zu einer zweifachen Todesstrafe verurteilt wurde, in der Berufungsinstanz freigesprochen und aus der Haft entlassen.
Das war einer der glücklichsten Momente aller Gefangenen, wie Mehdi Chas‘ali schreibt.

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