Iran: Das Geheimnis des Schleiers

Die Verschleierung der Frau im Iran ist so offensichtlich, dass sie stets eines der Themen ist, mit dem sich ausländische Medien beschäftigen, wenn sie über den Iran berichten. Es ist genug darüber geschrieben und berichtet worden, könnte man meinen, und sich gelangweilt abwenden.
Ja, der westliche Medienkonsument kann sich abwenden, weil für viele die Nachrichten ein Konsumgut sind wie eine Banane oder ein Waffeleis.
Aber die Iranerinnen können sich nicht abwenden, sie müssen damit und darin leben.

Wie macht das Regime seine Gegner zu Komplizen?

Wenn man bedenkt, wie viele Millionen Menschen in den 1990-er Jahren Chatami die Stimme gaben, weil sie aufgrund seiner Reformversprechen hofften, dass er ihr Leben erleichtern werde, wenn man bedenkt, wieviele Millionen Menschen 2009 – nach der Fälschung der Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen – auf die Straße gingen und gegen das Regime protestierten und ihre Gesundheit und ihr Leben dabei aufs Spiel setzten, fragt man sich immer wieder, wieso die Menschen sich dann so „brav“ an die Kleidervorschriften des Regimes halten. Wie schafft es ein Regime, das nicht einmal 10 Prozent Rückhalt in der Bevölkerung hat, seine Regeln den anderen 90 Prozent aufzuzwingen. Dies ist das Geheimnis des Schleiers, das wir lüften wollen.

Die Kinder als Geiseln
Die ersten, die gegen den Kleidungszwang aufbegehren, sind die Kinder, wenn sie heranwachsen. Wer in eine Gesellschaft hineinwächst, stellt spätestens in der Pubertät die Frage, mit welchem Recht die Vorschriften gemacht werden, was gerecht ist, was ungerecht. In einer jungen, kinderreichen Gesellschaft wie dem Iran ist der Anteil dieser Rebellen potentiell sehr hoch. Da müsste es doch leicht sein, die Regeln über den Haufen zu werfen, denken wir. Aber dem ist nicht so. Die Eltern dieser Kinder, die mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent Gegner des Regimes sind, sind die ersten, ihre Töchter zu ermahnen, sich islamisch zu verschleiern. Auch Eltern, die einen religiösen Staat verabscheuen, auch Eltern, die Volksmudschahedin sind und das jetzige Regime hassen, auch Eltern, die selbst schon im iranischen Gefängnis gesessen haben, sie alle üben Druck auf ihre Töchter aus, die Regeln des Regimes einzuhalten. Warum?

Gebückt in die Freiheit
Darauf gibt es mehrere antworten. Nehmen wir an, die Tochter hat sich nicht so verschleiert, wie die Sittenstreifen es wünschen. Die Tochter wird also von der Straße weg verhaftet. Wo ist sie jetzt? Die Eltern wissen es nicht. Denn eine üble Praxis lateinamerikanischer Diktaturen, sei es die von Pinochet, sei es die von Videla, war es die Menschen zu verhaften und verschwinden zu lassen, die Angehörigen völlig im Ungewissen zu lassen. Das gleiche im heutigen Iran. Also müssen die Eltern – häufig die Mutter, die möglichen Haftorte absuchen. In Großstädten wie Teheran geht das nicht zu Fuß, man braucht ein Auto, das heißt meist – ein Taxi. Und das kostet Geld. Und jetzt gehe von einer Wache zur nächsten und frage nach und lasse dich beleidigen und demütigen, denn darin sind die Machthaber Meister. Schon einem unpolitischen Bürger kann da der Kragen platzen, wie viel mehr einem, der selbst schon die Kerker dieses Staates von innen kennen gelernt hat.
Jetzt nehmen wir an, dass die Eltern nach mehrwöchiger Suche herausgefunden haben, wo ihre Tochter ist. Damit ist sie noch nicht frei. Jetzt heißt es, jemanden zu finden, der sich für die Freilassung einsetzt. Den Geistlichen anflehen, diesen Pasdar, jenen Beamten. Jeder ist ein König für sich. Und wer fleht schon gerne jemanden an, den er von Herzen hasst? Nehmen wir an, auch diese Hürde ist überwunden, die Eltern haben einen einflussreichen Fürsprecher gefunden. Umsonst ist nichts. Die Tochter wird nicht einfach freigelassen, sie muss zumindest eine Strafe zahlen, eventuell auch eine Kaution. Kann sie das? Sie hat kein Geld. Können die Eltern das? Wahrscheinlich auch nicht, je nachdem, wie hoch der Betrag ist. Die Eltern müssen also bei Freunden und Bekannten Schulden machen, um die Tochter freizukaufen. Und das wie oft? Auch die Bekannten sind keine Goldesel. Einmal mag das gehen, aber nicht ständig.
Und damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Wenn ein Elternteil das Glück hat, einen festen Arbeitsplatz zu haben, bedeutet dies im Iran, dass er oder sie in einer Abhängigkeit vom Staat steht. Der Arbeitsplatz untersteht entweder direkt dem Staat oder der Staat kann über seine Kontrollmöglichkeiten Druck auf den Arbeitgeber ausüben. In diesem Punkt unterscheidet sich die Islamische Republik Iran nicht von der frühren Deutschen Demokratischen Republik. Dein Kind ist ein Regimefeind? Dann ist die Familie ein Regimefeind. Und Regimefeinden geben wir keine Arbeit. Kündigung!
Die Folge: Die Eltern sind die ersten, die Druck auf ihre Töchter ausüben, die Regeln der Verschleierung einzuhalten, obwohl sie entschiedene Gegner dieses Schleiers sind. Hinzu kommt, dass besonders hübsche Mädchen immer Gefahr laufen, dass die Pasdaran oder Bassidschis aus ihrer Umgebung auf einen Vorwand lauern, sie wegen unislamischer Kleidung zu verhaften, um sie dann in Haft zu vergewaltigen. Dagegen gibt es keinen Richter und keinen Gottt, der hilft, das wissen auch die Eltern. Und es ist nachempfindbar, dass die Mädchen, die solchen Vergewaltigungen ausgesetzt waren, Selbstmord begehen. Auch das wissen die Eltern. Was sollen sie tun?

Der Fluch des Islam – die schrumpfende Frau
Die Art, wie die Geistlichen die Scharia, die islamischen Regeln, auslegen, führt dazu, dass die Frau zusammenschrumpft. Ihr ganzer Körper wird nichts, löst sich in schwarzem Tuch auf, wird eine unsichtbare Masse, übrig bleibt das Gesicht. Die Frau wird zum Gesicht. Will sie in dieser Gesellschaft bestehen, ist sie dazu verurteilt, sich auf ihr Gesicht zu konzentrieren. Das Gesicht ist ihr Ausweis, ist ihre Persönlichkeit. Wenn’s hoch kommt, vielleicht noch die Farbe des Kopftuchs und des Mantels. Wir kennen die verheerende Wirkung von Schönheitsidealen im „freien Westen“, wo neben Fettleibigkeit auch Magersucht vielen Menschen das Leben vergällt. Wenn nur noch eine Handvoll Mensch – sein Gesicht – übrig bleibt, wirken sich solche Ideale noch viel konzentrierter aus. Um den iranischen Idealen zu entsprechen, wird jede Frau – egal ob im Haushalt eines Pasdaran, eines Hisbullahis oder einer reichen Familie im Norden Teherans – alles tun, um ihr Gesicht zu schminken, ihre Augenlider zu färben, ihre Augenbrauen zu stylen, ihre Augenfarbe mit Linsen zu verändern, ihre Haarfarbe zu ändern, und das Aussehen der Nase dem herrschenden Schönheitsideal anzupassen. Nasenoperationen gehören zu den wenigen boomenden Handwerken im Iran. Und obwohl solche Operationen teuer sind, wird sich auch eine ärmere Familie anstrengen, ihrer Tochter eine solche Operation zu ermöglichen, denn wenn ihre Tochter deswegen keinen Mann bekommt und zu Hause bleibt, wird das für die Familie noch teurer. Also verschuldet man sich lieber.

Schönheit macht krank
Es versteht sich, dass die Schminke, die Haarfärbemittel, die Lidstifte, die Tätowierungen, die Augenlinsen etc. Geld kosten. Und was für Ware gibt es günstig auf dem iranischen Markt? Das, was die Pasdaran über ihre illegalen Importhäfen gegen Gebühr ins Land lassen. Und das ist inzwischen meist Ware aus China. Dass es nicht zu den Stärken der chinesischen Industrie gehört, gesundheitliche einwandfreie Ware auf den Markt zu bringen, ist bekannt. Hinzu kommt, dass die chinesische Industrie ihre Waren je nach Absatzmarkt in verschiedene Kategorien einteilt, und der iranische Markt gehört nicht zu denen, die die beste Qualität bekommen. Und auch die anderen asiatischen Lieferanten zeichnen sich nicht durch eine hohe Qualitätskontrolle aus. Die Folge: Viele Iranerinnen, die solche Mittel benutzen, haben bald eine geschädigte Haut, die den Kauf zusätzlicher Mittel erfordert, um diese Schäden zu übertünchen. Hinzu kommt vor allem bei Städterinnen, dass die völlige Körperbekleidung zu einem Mangel an Vitamin D führt, das ja durch Sonneneinstrahlung in der Haut gebildet wird. Das hat weitere Gesundheitsschäden zur Folge.

Schleier sind Ketten
Wer sich an deutschen Arbeitsplätzen umschaut, sieht schnell, dass man für die verschiedensten Arbeiten eine gewisse Beweglichkeit benötigt. Bei Arbeiten an Maschinen mit sich bewegenden Teilen ist es erforderlich, dass man nichts am Körper habt, was an diesen bewegten Teilen festhaken könnte und zu Arbeitsunfällen führen könnte. Das mögen Halsketten sein, das mögen lange Ärmel sein, das mögen Tücher sein. Die Tuchverhüllung der Frau führt dazu, dass sie viele Arbeiten nicht ausführen kann, nicht, weil die Männer es besser können, sondern, weil die Kleidung der Männer mehr Bewegungsfreiheit gibt. Die jungen Frauen, die gerade eine Ausbildung abgeschlossen haben, sehen, dass ihre männlichen Kollegen, die nicht besser sind, einen Job bekommen, sie selber aber nicht. Wegen dieser Verschleierung. Klar, dass sie das als ungerecht empfinden.

Ketten für die einen, Stützen für die andern
Indem das iranische Regime die Frauen in Ketten fesselt und die Familien, aus denen diese Frauen kommen, in Geiselhaft nimmt, wenn die Frau die Regeln nicht einhält, hält es sich selbst am Leben. Die Mechanismen haben wir oben gesehen. Und dabei kennt die Schamlosigkeit der Machthaber keine Grenzen. Selbst wenn eine Frau am Friedhof als Zeichen der Trauer über den Tod des Nächsten ihr Kopftuch wegreißt, kann es ihr passieren, dass die sogenannten Ordnungshüter zur Stelle sind und sie verhaften: Wegen Verletzung der Regeln sittlicher Bekleidung.
Das Kopftuch, die Körperverhüllung, ist etwas Oberflächliches. Aber gerade, weil es oberflächlich ist, eignet es sich hervorragend zur Machtdemonstration. Mit dem Tuch kann die iranische Regierung mehr Terror ausüben als mit jeder Maschinenpistole.

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