Sittenstreife in Teheran: Den Leuten platzt der Kragen

Am Mittwoch letzter Woche hielt die sogenannte Sittenstreife an der Kreuzung Chiaban-e Piruzi / Chahar-Rah-e Coca-Cola ein junges Mädchen an, weil es angeblich nicht ausreichend verschleiert sei.
Die Beamten benahmen sich dabei derart grob und wollten das Mädchen in ein bereitstehendes Polizeifahrzeug schleifen, dass die Bevölkerung vor Ort wütend wurde und gemeinschaftlich das Polizeiauto angriff.
Der Menge gelang es, das Mädchen zu befreien, ein Auto wurde umgekippt, bei einem zweiten Polizeifahrzeug der „Sitten“streife, einem Mercedes, die Scheiben eingeschlagen.
Die Beamten, die von der wütenden Reaktion überrascht waren, flohen. Etwas später wurden allerdings Sondereinheiten in der Gegend stationiert, auch wurde ein halbes Dutzend schwerer Motorräder gesichtet, mit denen die Regierung auch früher schon, bei den Protesten gegen die Wahlfälschung, die Bevölkerung attackiert hat.

Geänderte Atmosphäre

Beobachter aus dem Iran berichten, dass sich das Verhältnis zwischen Bevölkerung und „Sitten“streifen geändert hat. Wenn die Streifenbeamten merken, dass sie in der Minderheit sind, sprechen sie die Frauen, deren Outfit ihnen nicht passt, ziemlich höflich an. Früher waren sie grob und aggressiv. Umgekehrt, wenn die Umstehenden merken, dass jemand von der Sittenstreife verhaftet wird, achten sie auf das Kräfteverhältnis. Wenn nur zwei oder drei Menschen in der Nähe sind, mischen sie sich nicht ein, aber wenn es zehn Menschen und zwei Beamten sind, besteht die Möglichkeit, dass sie die Beamten angreifen und das Opfer befreien.

auch bei den Bassidschis
Auch das Verhalten der paramilitärischen Bassidschis hat sich geändert. Diese freiwilligen Unterstützer des Regimes waren früher stets zur Stelle, um die verhaftenden Streifenbeamten zu unterstützen, und sei es nur mit Parolen. Inzwischen verschwinden die Mehrheit der Bassidschis (vielleicht 60%) von der Szene, wenn sie solche Auseinandersetzungen beobachten, die anderen bleiben höchstens da, um als Zuschauer den Vorgang zu verfolgen, und nur wenige Prozent der Bassidschis mischen sich noch ein, um die Beamten zu unterstützen. Sie spüren, dass sich die Stimmung in der Bevölkerung geändert hat und haben Angst, dass sie eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden. Hier spielen auch die Ereignisse in Syrien eine Rolle, wo iranische Pasdaran und Bassidschis das Regime von Baschar al-Assad tatkräftig unterstützen und feststellen müssen, dass ihre Erfahrung in Sachen Unterdrückung hier nicht von Erfolg gekrönt ist. Die normalen Iraner schöpfen auch hiervon Auftrieb.

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