Iran: Wir haben nicht fürs Huhn Revolution gemacht

Wie vergangene Woche berichtet, kam es in der iranischen Stadt Nischabur zu einer spontanen Demonstration gegen die Inflation, als die Menschen in Warteschlangen um verbilligte Hühner anstanden. „Marg bar gerani“ – Tod der Teuerung! – riefen die Menschen damals auf der Straße. Es waren erst einige Hundert, und als die Polizei eintraf, waren es mehrere Tausend. Die Polizei griff nicht ein. Dafür fand sich ein berüchtigter Staatsanwalt ein, der den Menschen damit drohte, sie seien alle gefilmt worden und müssten sich später vor Gericht verantworten. Er fuhr fort: „Wir haben doch nicht fürs Huhn die islamische Revolution gemacht.“
An anderer Stelle wird von sogar einem bewaffneten Überfall auf eine Geflügelzuchtanstalt berichtet.


Schlange stehen für Hühner, Bandarabas

Ausreiseverbot für Hühner
Nein, die Hühner werden nicht vom iranischen Geheimdienst beobachtet, aber da der Staat offensichtlich nicht in der Lage ist, eine ausreichende Produktion sicherzustellen, hat er jetzt den Export von Hühnern verboten. Und wenn viele Menschen Schlange stehen, fehlen natürlich auch die Witzbolde nicht. Auf die Frage, warum er hier seit Stunden stehe, meinte einer: „Ich warte, dass die Hühner noch Eier legen. Vielleicht bekommen wir wenigstens davon noch etwas ab.“

Wirtschaft im Widerstand
Nachdem Ajatollah Chamene‘i bislang immer großspurig verkündet hatte, die ganzen Sanktionen taugten eh nichts, das habe keine Auswirkungen aufs Land, hat ihn wohl die Reaktion der Bevölkerung eines Besseren belehrt. Am vergangenen Dienstag (24.7.2012) erklärte er öffentlich, was auch schon der Staatsanwalt in Nischabur gemeint hatte: „Wir haben doch nicht fürs Huhn die islamische Revolution gemacht.“
Nun ist nicht mehr von der Wirkungslosigkeit des Embargos die Rede, nein, der Feind steht hinter allen Berichten von Inflation, es ist der Feind, der die Bevölkerung aufhetzt, wer sich da mitreißen lässt, macht sich zum Werkzeug der Feinde. Die Antwort des Ajatollahs auf dieses Problem ist die Parole: „Wirtschaft im Widerstand. Die Bevölkerung muss durchhalten.“

Islamische Küche
Und weil er den Ernst der Lage erfasst hat, hat er gleich 6000 Geistliche ins ganze Land geschickt, um ihr das Hungern schmackhaft zu machen.
Ajatollah Makarem Schirasi hat sich da auch gleich eingeklingt, und begann, den zuhörenden Gläubigen zu erzählen, dass die Ärzte festgestellt hätten, dass Hühnerfleisch Krebs erzeuge.
Ajatollah Dschannati, der Freitagsprediger von Teheran und Vorsitzende des Wärterrats, hatte auch einen guten Ratschlag. Er sagte: „Unsere Väter hatten doch auch keine Hühner. Was hatten wir denn damals zu essen? Eschkane!“ Eschkane war eine Mahlzeit armer Leute, die sich vor fünfzig Jahren noch kein Fleisch leisten konnten. Es ist ein Gericht aus in Öl gebratenen Zwiebeln, das dann mit beliebig viel Wasser verdünnt wird, damit jeder genug bekommt, und dazu aß man Brot.
Schade, dass die Ajatollahs kein Deutsch können. Sonst fiele ihnen bestimmt noch der Spruch ein: Hunger ist der beste Koch.

Wenn der Geheimdienst für die Wirtschaft zuständig wird

Die Politik der Herrschenden im Iran angesichts der Wirtschaftskrise kann mit folgenden Worten beschrieben werden.
Nachdem die Leugnung der Krise nicht mehr zieht, weil jeder sich vom Gegenteil mit eigenen Augen überzeugen kann, greifen sie zu drei Mitteln:

  1. Preisaufspaltung: Für die eigenen Anhänger gibt’s Bezugskarten, die das Hühnerfleisch äußerst billig erhalten.
    Für die nicht so begüterten gibt es Verkaufsstellen, wo die Ware zu ermäßigten Preisen angeboten wird, dafür müssen die Leute in langen Schlangen anstehen.
    Und diejenigen, die es sich leisten können, sollen zu den Preisen auf dem freien Markt einkaufen.
    Der Gedanke, der hinter dieser Politik ist der: Wer auf diese Weise begünstigt wird, wird sich schon nicht zu Demonstrationen hinreißen lassen. Nischabur beweist das Gegenteil.
  2. Zensur: Nicht die Krise ist schlimm, die Berichte über die Krise sind es. Wer über Inflation und Warteschlangen berichtet, macht sich der Unterstützung des Feindes schuldig. Also werden die Medien zum Schweigen angewiesen, wie jüngst, als der zuständige Vertreter des Oberbefehlshabers der Revolutionswächter für kulturelle und soziale Angelegenheiten Resa Moqadamfar die staatlichen Medien ermahnte, nicht mehr über solche Themen zu berichten.
    Ins gleiche Horn stieß auch Mohammad Hosseini, Minister für „religiöse Aufklärung“, in einem Treffen mit Vertretern von Fernsehen und Presse. Auch er forderte sie auf, nicht mehr über die Inflation zu berichten.
  3. Sündenböcke suchen: Und natürlich sind die Händler beliebte Sündenböcke, sie würden Ware horten, um so mehr Gewinn zu machen. Und die Käufer würden auch mehr kaufen als sie benötigten, sprich die sind auch schuld.

So verwundert es nicht, dass auch das Geheimdienstministerium eine Erklärung zum Thema abgegeben hat:
„Dieses Ministerium wird in Zusammenhang mit der Teuerung seine Pflichten ausüben.“

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