Wie behalten die iranischen Machthaber in Zukunft die Kontrolle über Millionen unzufriedener Arbeiter?

Die staatliche Nachrichtenagentur ILNA hat berichtet, dass mehr als 20.000 Arbeiter einen Offenen Brief an das Arbeitsministerium geschrieben haben. In diesem Brief haben sie kritisch ihre Situation dargelegt.

Es geht ihnen um den monatlich oder täglich ausbezahlten Lohn, der unterhalb der Armutsgrenze liegt. Sie zeigen, wie die Preise für Lebensmittel und sonstige Waren des täglichen Bedarfs in unvorstellbare Höhen gestiegen sind. 1

Die Arbeiter, die den Brief unterschrieben haben, betonen, dass ein hochrangiger Rat des Arbeitsministeriums im letzten Jahr die Mindesteinkommensgrenze für Arbeiter auf 390.000 Toman festgesetzt hatte. Just zu diesem Zeitpunkt lag die Armutsgrenze aber bereits bei 1.000.000 Toman. 2

Außerdem seien in großen und kleinen Betrieben kostenlose Mittagessen und andere nichtmonetäre Lohnbestandteile gestrichen worden. Immer öfter würde lediglich der Basislohn bezahlt. Das sei der Grund dafür, dass die Arbeiter vom Ministerium nun verlangen, dass ihr Lohn dringend erhöht werden muss.

Ebenfalls wird im Brief das Problem der hohen Zahl von Entlassungen in die Arbeitslosigkeit und den mit über 80% hohen Anteil an befristeten Arbeitsverträgen, was zu insgesamt unsicheren Beschäftigungsverhältnissen führt, angesprochen.

Weiter schrieben sie: „Herr Minister, in dieser schlimmen Situation haben Sie überhaupt nicht reagiert und auch nicht auf unseren Brief vom 16. Juni 2012 geantwortet, der von mehr als 10.000 Arbeitern unterschrieben worden war. Man könnte meinen, dass Ihr Ministerium mit den Arbeitern und dem Leben nichts zu tun hat.“

Sie verlangen, dass ihre Löhne dem Anstieg der Inflation und dem Minimum für die Unterhaltung einer vierköpfigen Familie angepasst werden. Die Vertreter der Arbeiter im Parlament müssten sich hierfür einsetzen. Ferner verlangen sie, dass die Löhne immer rechtzeitig ausbezahlt werden. Die Arbeitgeber, die Arbeiter ohne Arbeitsvertrag oder mit nicht unterschriebenem Arbeitsvertrag in ihrem Betrieb beschäftigen, sollen bestraft werden.

Die 20.000 Arbeiter, die diesen Brief unterschrieben haben, stammen aus Betrieben in Isfahan, Teheran, Ghazvin, Kurdestan, Yazd, Khuzestan, Azerbeidschan, Mazendaran, Arak, usw.

Kommentar:

Die wirtschaftliche und politische Krise, die Sanktionen sowie die kriegerische Atmosphäre im Iran hat innerhalb der letzten Monate zu einem durchschnittlichen Anstieg der Preise um über 50% geführt. Das Phänomen der geringen Arbeitssicherheit und den damit einhergehend hohen Ausfällen unter den Belegschaften, bei anhaltend hohem Leistungsdruck, führten dazu, dass der allgemeine Druck der auf den Arbeitern lastet, immer weiter angestiegen ist.

Dieser Brief zeigt uns, dass bei Millionen iranischer Arbeiter Unzufriedenheit herrscht. Werden sie ihre Probleme allein mit Schreiben lösen können? Ein Vertreter des „Hauses der Arbeit“, der selbst Fabrikarbeiter ist, hat erklärt, dass der letzte Schritt für die Arbeiter darin bestünde, sich unabhängig zu organisieren. Sie müssten es schaffen, ihren Protest nicht nur isoliert jeweils in ihrer Fabrik auszuüben, sondern auf das ganze Land auszudehnen.

Können die Machthaber im Iran diese Probleme über Wirtschaftsmaßnahmen in den Griff bekommen? Nein, es bleibt ihnen nur ein Ausweg: Mit Hilfe bewaffneter Organisationen wie den Revolutionswächtern oder den Bassidschi zu verhindern, dass die Arbeiter ihren Protest auf die Straße tragen. Schon einmal hat dies im Iran jemand versucht, der Schah Mohammad Reza Pahlavi. Es ist ihm jedoch nicht gelungen.

Fußnoten

  1. Laut ILNA verdoppelte sich der Preis für den US-Dollar in einem Jahr und die Kaufkraft hat sich im selben Zeitraum halbiert. Die staatliche Nachrichtenagentur MEHR schreibt, dass aufgrund des Preisanstiegs bei Nahrungsmittel, Wohnkosten, Transportkosten, Kleidung, medizinische Versorgung und Schreibwaren, die Einkommen der normalen Arbeiter bereits nach 10 Tagen aufgebraucht sind. [zurück]
  2. Die staatlichen Institutionen, die islamischen Vereine in den Fabriken, das „Haus der Arbeiter“ (eine Art islamische Gewerkschaft) und einige Abgeordnete des iranischen Parlaments haben in den letzten sechs Monaten wiederholt vorgeschlagen, dass sich die Löhne der Arbeiter auf mindestens 1.300.000 Toman belaufen sollten. [zurück]
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