Iran: Vom Trauermonat zur Narrenfreiheit?

Bekanntlich läutet die Fasnacht die Fastenzeit ein, und auch die schiitischen Trauerfeiern und Prozessionen in den zehn Tagen des Moharram bis zum Aschura-Fest – dem 10. Tag des Trauermonats – haben mit ihren bunten Verkleidungen und Aufführungen so manches mit Theater und Fasnacht gemeinsam. Wie es aussieht, schafft sich das Volk hier ein Ventil, um sich zu erleichtern und einen Ausgleich gegen den religiösen Druck zu finden.

Bislang war es üblich, dass sich die Menschen in langen Prozessionen zum Aschura-Tag selbst schlugen oder sogar geißelten, in Gedenken an den Märtyrertod von Imam Hussein. Üblich war und ist es auch, dass dabei von entsprechend geübten Personen Trauerlieder – Nouhe genannt – gesungen werden, deren Texte bislang im Rahmen der religiösen Traditionen blieben.


Trauerzeremonie in Jasd

In Jasd, einer Stadt in der Nähe von Isfahan, haben sich nun Tausende von Trauernden unter dem von dem islamischen Verein Besat Jasd1 per Lautsprecher verbreiteten Gesang eines Trauersängers aufs Haupt und auf die Brust geschlagen. Dieser Gesang war gegen die Tyrannei gerichtet. Nach offizieller Lesart ist damit das Schahregime gemeint, aber das Empfinden der Menschen bezieht den Text auf die heutige Lage.

Der Trauergesang der in Jasd zu hören war:

Hier die Übersetzung des Trauergesangs mit Anmerkungen zu einer alternativen und durchaus verbreiteten Interpretation in Klammern:

Redet hier nicht von Blume, (=Schönheit und Freude)
das ist ein Befehl des Schahs (=Chamene‘i).
Auge und Licht zu sein, (=Wahrheit zu wissen)
ist hellste Sünde.
Das Urteil gegen die Blüte
ist das gegen Ketzer, (=Hinrichtung)
die Strafe für das Veilchen (=Jugend)
ist die Kette,
das Schicksal der Morgenröte (=Protestierende)
die Verbannung.
Der Platz des Sterns (=Revolutionäre)
ist das Verließ,
dies hier ist die Stadt der Toten. (=Iran)
Eine frische Stimme – verboten
die Lippen einer Knospe (=die neue Generation)– geschlossen
eine unerlaubte Blume (=Schönheit und Freude) – verboten
das Haus des Chalifen (Chamene‘i) – blüht
Ignoranz und Aberglaube – frei
Unrecht folgt Unrecht
ein Wort mehr – verboten
eine unerlaubte Blume – verboten.

  1. Der islamische Verein hat eine lange Tradition. Unter dem Schah war er sehr aktiv und hat zu seinen Großveranstaltungen im Trauermonat Moharram stets Geistliche eingeladen und predigen lassen, die Gegner des Schahs waren. Nach der Islamischen Revolution haben sie Ajatollah Chomeini unterstützt, später Khatami, Rafsandschani und Mussawi. [zurück]
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