Iran: Wir haben Erfahrung…

Nasser Scha‘bani ist der stellvertretende Rektor der Imam-Hossein-Universität in Teheran. Diese Universität wird von den Pasdaran betrieben. Nasser Scha‘bani ist nicht nur Dozent an dieser Uni, sondern an erster Stelle einer der obersten Befehlshaber der Pasdaran.
Am 13. Januar 2013 (25. Dey 1391) hat er der iranischen Zeitung „Qanun“ (Das Gesetz) ein Interview gegeben, das zeigt, was für eine Stimmung derzeit im Iran herrscht. Es zeigt auch, dass die Machthaber ahnen, was auf sie zukommt, und sich vorbereiten.

Im Jahr 2009 war vor allem die Mittelschicht an den Protesten gegen den Wahlbetrug beteiligt – das nächste Mal ist es die Unterschicht. Es werden viel mehr und sie werden gegen das gesamte System sein.


Wird man in den nächsten Monaten im Iran wieder solche Szenen sehen wie am 20. Juni 2009?

Hier einige Zitate aus dem Interview des Pasdar-Dozenten:

Die Unruhen werden in der Provinz beginnen
„“Unsere Vorstellung ist die, dass die Unruhen diesmal in den Kreisstädten und nicht in Teheran beginnen.“ Der Pasdar-Kommandant Nasser Scha‘bani führt dies auf die miserablen Lebensbedingungen zurück: „Es ist möglich, dass Probleme des Unterhalts einen großen Einflus haben und dass die arbeitende und am meisten beeinträchtigte Schicht an den künftigen Problemen teilnimmt.“
Er fährt fort: „Aber wir haben Erfahrung, wie wir damit umgehen. (…)“ Die Erfahrung bezieht sich auf die Niederschlagung der Proteste nach der Wahlfälschung von 2009. Er rühmt sich dann damit, wie elegant sie (die Pasdaran) anlässlich der Proteste im Basar während des Preisanstiegs des Dollars die Probleme des Basars angegangen seien. Gemeint ist damit der Angriff der Pasdaran auf den Basar, durch den die Proteste rasch niedergeschlagen wurde.

Neue Protestwelle zu erwarten
Der Pasdar-Dozent zeigt, dass sich die Waffenträger intensiv mit der politischen Entwicklung im Land auseinandersetzen: „Unsere heutige Analyse besagt, dass die Probleme der Lebenshaltung, die auf verschiedene Faktoren wie der schlechten Verwaltung des Landes, des Embargos u.a. zurückzuführen sind, auf die Zunahme der Unzufriedenheit Einfluss haben. Es ist nicht abwegig anzunehmen, dass die wirtschaftliche Basis ebenfalls bereit ist, so dass die Politischen dies bei den Wahlen ausnutzen wollen.“
Auch dieser Pasdar-Kommandant verbindet das Schicksal des Regimes mit der Lage in Syrien und im Irak, wie man aus folgenden Worten heraushören kann.
„Wenn die Lage im Iran, in Syrien und im Irak noch zwei Monate anhält, wird der Westen uns zur Zusammenarbeit auffordern.“

Die Pasdaran ziehen die rote Linie für die kommenden Wahlen
Welche Rolle die Pasdaran bei den kommenden Präsidentschaftswahlen spielen, zeigen seine Worte recht unverhüllt:
„Derzeit machen wir die Kandidaten mit den Roten Linien vertraut,“ (gemeint: die sie nicht übertreten dürfen)
„Das ist die Erfahrung, die wir aus der vorigen Verschwörung gezogen haben.“ (Verschwörung: die amtliche Bezeichnung für die Proteste gegen die Wahlfälschung von 2009).
„Inzwischen hat auch der unterlegene Gegner die Erfahrung gemacht, dass er es mit dem System zu tun kriegt, und wir haben ebenfalls unsere Erfahrung.“
Interessant ist, dass bis jetzt noch niemand offiziell erklärt hat, als Kandidat zu den nächsten Präsidentschaftswahlen antreten zu wollen. Offensichtlich wissen die Pasdaran schon, wer überhaupt in Frage kommt…

Mitten im Kampf tauscht man nicht den Sattel
Indirekt kritisiert der Pasdar-Kommandant Ahmadineschad, als er auf die Absetzung der Gesundheitsministerin durch den Präsidenten zu sprechen kommt. Er meint dazu: „Mitten im Kampf tauscht man nicht den Sattel.“

Chusestan: Die Zeichen stehen auf Sturm
Nasser Scha‘bani gehört zu denen, die bei einem erfolgreichen Sturz des Regimes viel zu verlieren haben, und er hört die Zeichen der Zeit. Die Stimmung brodelt, und selbst im handverlesenen Parlament ist der Protest nicht mehr zu überhören. So hat der Abgeordnete von Ahwas (Chusestan) in einer Rede vor dem Parlament die iranische Regierung in einer kämpferischen Rede direkt angegriffen. Er fragt, wieso die Wasserleitung noch immer nicht fertig ist, die der Bevölkerung von Chusestan Trinkwasser aus dem Karun-Fluss bringen soll? Er fragt, ob der Präsident bereit wäre, auch nur einen Schluck von dem „Trinkwasser“ zu trinken, mit dem die Bevölkerung von Ahwas derzeit leben muss. Er fragt die Minister, ob sie bereit wären, auch nur einen Augenblick unter den Bedingungen zu leben, unter denen die Bevölkerung in den vielen verarmten Städten der Region überleben muss. Er bezeichnet die Arbeitslosenstatistik für die Region direkt als verlogen und fragt, warum bei der Vergabe von Arbeitsplätzen die Einheimischen benachteiligt werden. Er fragt, wieso die ganzen Arbeitsplätze nur nach Beziehungen vergeben werden. Er bezeichnet das Erdöl als ein schwarzes Unglück, das der Bevölkerung dieser ölreichen Region nur Schaden gebracht hat. Man muss kein Persisch verstehen, um zu hören, dass dieser Abgeordnete eine Stimme des Protests ist – eine Stimme des Volkes in Chusestan, wie er selbst sagt. Das sind übrigens mehrheitlich Araber, die sich zunehmend organisieren und die sich das Regime mit seinen politischen Hinrichtungen gegen die Proteste zum Feind gemacht hat.

Auch die turksprachigen Aseris haben das Regime satt
Auch die Art, wie das Regime die Nöte der Erdbebenopfer im aserbaidschanischen Iran ignoriert hat und statt dessen lieber diejenigen vor Gericht stellt, die ehrenamtlich in die Region gegangen sind, um den Opfern zu helfen, führt zu einer Entfremdung von der Zentralregierung. Ähnlich steht es auch um die Austrocknung des Urumije-Sees. Außer der Niederschlagung der Proteste hat die Regierung nichts getan.
Wie diverse Pasdaran-Generäle bemerken, hat sich in Tabris eine Stimmung breit gemacht, in der bevorzugt diejenigen bedient werden, die Aseri sprechen, und in Teheran, wo ebenfalls ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Aseri spricht, wird der Gruß „Yashasin“ (Es lebe…) inzwischen mit „Yashasin Aserbaidschan“ beantwortet – es lebe der Aserbaidschan!

Krieg in Kurdistan

Die gleiche Politik der Gewalt ist auch gegenüber den Kurden zu beobachten. Das Regime hat keine Hemmungen, Menschen zu erschießen, die für ihren Unterhalt Gebrauchtwaren auf dem Rücken über die grüne Grenze zwischen Irak und Iran transportieren. Schmuggel ist schließlich ein Privileg der Pasdaran (die Schmuggel-Brüder, die Ahmadineschad sie einmal treffend öffentlich bezeichnet hat), und nichts für die notleidende Bevölkerung.

Krieg in Balutschistan
Gegenüber den Balutschen kennt das Regime auch nicht viel anderes als die Politik der Hinrichtung. Sie schickt Militär in die Region, das versucht, sich möglichst in den Kasernen zu verstecken, denn auf dem Land ist es für Vertreter des Regimes gefährlich.

Was bleibt da vom Iran noch übrig?
Der Dichter mit dem Pseudonym „Bidaad“ hat kürzlich auf einer Dichterlesung das treffende Bild von einem Regime geprägt, dessen Vertreter sich an ein aus Brettern zusammengezimmertes Boot klammern, das auf einem Strom aus Blut fließt. Sein eindrücklicher Vortrag ist unter diesem Link zu sehen und zu hören. Er beendete seinen Vortrag mit dem Aufruf ans Volk: „Erhebt euch!“

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email