Die eingefärbte Krähe

Ein iranischer Kommentator beurteilt den Wahlausgang so: Der Sieger ist eine eingefärbte Krähe – diesmal mit lila Farbe, statt mit grün, und dem Volk wird sie als Hahn (der rote Kamm der Revolution!) oder als Pfau (die Monarchie lässt grüßen) verkauft.
Die Wahlingenieure haben das gut hingekriegt, meint er. So haben sie erst Ajatollah Rafsandschani ins Rennen geschickt, der gar zum Kritiker und Gegner von Ajatollah Chamene‘i mutierte, und ihn dann bei der Vorauswahl scheitern lassen. Dann kam die reduzierte Auswahl, und diesmal durfte Hassan Rouhani die Stafette von Rafsandschani übernehmen und mit dessen Segen als Träger der Reformhoffnungen ins Rennen gehen. Der Trick zog, und viele, die vorher gar nicht wählen gehen wollten, seien an die Urne gegangen. Die Iraner, die sich jetzt umarmten und den Sieg von Rouhani feierten, seien nur zu bedauern.
Denn es werde sich nichts bessern. Dazu müsste sich die Atompolitik des Landes ändern, und dazu sei Ajatollah Chamene‘i nicht bereit. Und ohne Änderung der Atompolitik blieben auch die Sanktionen in Kraft.
Auch in der Innenpolitik sehe es nicht besser aus. Wer auf die Öffnung der Gefängnisse und die Achtung der Menschenrechte hoffe, vergesse eins. Wenn das Regime die Tür auch nur einen Spalt weit öffne, könne sie die Flut nicht mehr eindämmen und das ganze System werde weggeschwemmt. Deshalb sei auch diese Hoffnung vergeblich.
Die Wahlen im Iran glichen immer mehr den Fußballweltmeisterschaften, die das Publikum am Fernseher verfolge. Alle vier Jahre wird gespielt, man zieht bunte Kleidung an, feiert und tanzt auf der Straße und geht dann wieder nach Hause. Bis vier Jahre später der nächste Gaukler in neuer Farbe auftritt.

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