Archiv für November 2013

Offener Brief zur Brutalisierung der iranischen Gesellschaft

Acht Schriftsteller, Dichter, Aktivisten und Menschenrechtler haben heute, Dienstag, den 26.11.2013, einen Offenen Brief verbreitet, der die wachsende Brutalisierung der iranischen Gesellschaft thematisiert.

Die Ausweitung der Gewalt in unserer Gesellschaft macht die Menschen psychisch kaputt. Wenn die Menschen von Geburt an und im Laufe des gesamten Lebens mit Brutalität in Berührung kommen, altern sie vorzeitig. Besonders schlimm ist es, wenn Brutalität zum Gesetz wird. Hierdurch wird die Erziehung der neuen Generationen eine Erziehung zur Gewalt. Wir denken, dass klar geworden ist, dass Brutalisierung, insbesondere Hinrichtung unserer Gesellschaft nicht helfen konnte. Wir sind sicher, dass Hinrichtungen auch in Zukunft kein positives Ergebnis haben werden.

Unsere Forderungen:

  1. Schritt für Schritt sollten die Verurteilten resozialisiert werden und die Hinrichtungen so schnell wie möglich abgeschafft werden.
  2. Kinder und Jugendliche, die Straftaten begangen haben, dürfen nicht weggesperrt werden, bis sie volljährig sind und dann wie Erwachsene bestraft werden. Bei ihnen muss das Jugendstrafrecht befolgt werden.
  3. Hinrichtungen oder Handabhacken in der Öffentlichkeit sind sehr brutale Maßnahmen und müssen schnellstens aus unseren Gesetzen verschwinden.
  4. Steinigungen müssen ebenfalls schnellstens abgeschafft werden
  5. Die Hinrichtungen von Politischen Gefangenen oder Menschen, die aufgrund ihrer Gesinnung verurteilt worden sind, müssen unbedingt beendet werden.

Wir bitten alle Iranerinnen und Iraner, die gegen Brutalität sind und unsere Forderungen akzeptieren, unsere Aktivitäten zu unterstützen um Hinrichtungen abzuschaffen.

Babak Ahmadi (Schriftsteller und Übersetzer)
Simin Behbahani (Schriftstellerin und Dichterin)
Ali Reza Jabari (Schriftsteller und Übersetzer)
Fariborz Raisdana (Wirtschaftswissenschaftler und politischer Aktivist)
Parwin Fahimi (Menschenrechtsaktivistin, Mutter von Sohrabe Arabi, der durch Folter umkam)
Esmail Moftizadeh (Menschenrechtsaktivist)
Mohammad Malleki (Politischer Aktivist und ehemaliger Rektor der Universiät Teheran)
Mohammad Nurizad (Schriftsteller und Filmemacher)

Alle leben im Iran.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

11 Hinrichtungen im Gheselhesar-Gefängnis, Iran

Gestern, Montag, den 25.11.2013, einen Tag nach der Einigung in den 5+1 Atomverhandlungen in Genf wurden 10 Männer und eine Frau im Gheselhesar-Gefängnis, 50 km westlich von Teheran, hingerichtet.

Kurz darauf sind 1800 Gefangene von insgesamt 3000 Insassen in Hungerstreik getreten. Von diesen 1800 Gefangenen sind die meisten ebenfalls zum Tode verurteilt. Ihre Forderung ist, dass ihre Akten ein weiteres Mal geprüft werden, weil sie zu Unrecht zum Tode verurteilt wurden.

Bislang waren die Abteilungen 2 und 3 an diesem Hungerstreik beteiligt. Nachdem sich die Informationen in den Abteilungen 1 und 4 ebenfalls verbreitet haben, wird damit gerechnet, dass dort auch in Hungerstreik getreten wird.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Teheran: 17-jähriger Arbeiter stürzt von Baugerüst

Am Sonntag, den 24.11.2013, stürzte der 17-jährige Erfan Mamisade vom 6. Stockwerk eines Baugerüsts des Abu-Reyhan-Gebäudes der Amir-Kabir-Ingenieurshochschule in Teheran. Der tödliche Unfall geschah um 11 Uhr morgens. Auf diese Nachricht hin versammelten sich 300 Studenten der Ingenieurhochschule vor dem Abu-Reyhan-Gebäude. Sie protestierten dagegen, dass auf der Baustelle Kinderarbeit ausgenutzt wird, obwohl dies gegen das geltende iranische Arbeitsrecht verstößt. Auch wiesen sie darauf hin, dass der abgestürzte 17-Jährige nicht einmal einen Sicherheitsgurt hatte, der ihn vor einem Absturz schützen könnte.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Iran: Das Feuer mit Feuer bekämpfen?


Selbstgeißelung beim Aschura-Trauerfest

Dieses Bild hier zeigt eine Neuigkeit. Es gehört zur Tradition der iranischen Schiiten, sich am Aschura-Tag im Trauermonat Moharram selbst zu geißeln. Und es ist eine Tradition, die ausschließlich von Männern gepflegt wird. Dieses Foto hier wurde am 22. November 2013 von
http://news.gooya.com/didaniha/archives/2013/11/170877.php
veröffentlicht, und zeigt eine junge Frau, die sich geißelt.
Das ist umso ungewöhnlicher, wenn man die Frau näher ansieht. Wenn es eine fundamentalistische Gläubige wäre, dann würden wir ihre Haare nicht sehen, ihre Arme wären vollständig bedeckt und ihr Körper mit weiter Kleidung verhüllt, so wie die Frau, die ausschnittsweise links von ihr zu sehen ist. Nichts davon ist der Fall. Die junge Frau trägt das Tuch über den Mund nicht wie eine islamische Verhüllung, sondern nach Art der Palästinenser-Tücher, wie es auch hierzulande der Fall ist, wenn die Polizei Tränengas gegen Demonstranten einsetzt oder man keinen Wert darauf setzt, auf Polizeifotos mit allen Details erkennbar zu sein. Und noch eine Kleinigkeit: Am rechten Handgelenk trägt sie ein grünes Band, das Symbol der „Grünen Bewegung“, die nicht nur die Reformisten umfasst, sondern auch alle Menschen, die die Islamistische Republik satt haben. Im Hintergrund sieht man weitere junge Frauen, deren Haare unter dem Kopftuch hervorschauen, möglicherweise handelt es sich um eine Gruppe, die nun ins Zentrum der Fundamentalisten vorstoßen. Falls die stark verhüllte Frau links eine Sittenwächterin sein sollte, hätte sie nicht einmal die Möglichkeit, gegen die sich selbst geißelnde Frau vorzugehen – die Anwesenden würden sie verteidigen.

Anmerkung: Sollte es sich hier um eine religiöse Frau handeln, so müsste man ihr sagen, dass es auch in der religösen Tradition laut schiitischen Quellen nicht vorgesehen ist, dass Menschen sich selbst Leid zufügen. Sollte sie jedoch nicht religiös sein und trotzdem diese Form des Protestes gewählt haben, sagen wir ihr, dass es der falsche Weg ist. Erstens schadet sie sich auf diese Weise selbst und kann bei dem iranischen Regime nichts bewirken. Es gibt im Iran viele mutige Frauen, die auf ihre Forderungen aufmerksam machen, durch selbst verfasste Texte, durch Interviews in den Medien, durch Plakate, durch Demonstrationen, durch Sitzstreiks vor Parlamenten etc. auf der Straße und selbst im Gefängnis. Zweitens kann dies kein gutes Modell sein, um gegen eine diktatorische Regierung zu kämpfen.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Arbeiterprotest in Isfahan (Iran)

Wie am 18. November berichtet, hatten die Arbeiter der Firma Polyacryl Isfahan gegen die Verkleinerung der Fabrik und die damit einhergehenden Entlassungen protestiert. Wie inzwischen bekannt wurde, hat die Staatsanwaltschaft gegen vier der Arbeiter – Kiyumars Rahimi, Ahmad Saberi, Dschawad Lotfi, Abbas Haqiqi – Haftbefehl erlassen. Der Staatsanwalt erklärte gegenüber den Angehörigen, sie blieben mindestens zwei Monate in Haft, ihnen werde „Störung der öffentlichen Ordnung“ vorgeworfen. Die Behörden teilten den Angehörigen nicht einmal das Aktenzeichen mit, so dass sie den Haftort nicht in Erfahrung bringen können. Dies hat dazu geführt, dass die Arbeiter erneut demonstrieren, um die Freilassung ihrer Kollegen zu fordern.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Irans Atomprogramm: Übergangsabkommen für sechs Monate

Bei der dritten Verhandlungsrunde über das iranische Atomprogramm ist es am Sonntag, den 24. November 2013, in Genf anscheinend zu einer Einigung gekommen. Die fünf UN-Veto-Mächte USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien sowie als weiterer Beteiligter die Bundesrepublik Deutschland sollen sich am 24. November 2013 mit dem Iran auf ein weiteres Vorgehen bezüglich des iranischen Atomprogramms und der westlichen Sanktionen geeinigt haben.

Für die kommenden sechs Monate muss der Iran unter anderem folgende Bedingungen erfüllen:

  • Er muss den Bau des Schwerwasser-Atomreaktors bei Arak stoppen, mit dem atomwaffenfähiges Plutonium produziert werden könnte.
  • Er muss seine Bestände an auf 20 Prozent angereichertem Uran entweder auf unter fünf Prozent verdünnen oder in eine Form bringen, die keine weitere Anreicherung mehr ermöglicht.

Die Liste der Bedingungen ist lang. Der Link auf NBC news (unten) gibt einen Einblick davon.
Im Gegenzug werden gesperrte Gelder aus iranischen Ölverkäufen im Wert von über 4,2 Milliarden Dollar freigegeben, zum Teil allerdings zweckbestimmt.
Erst, wenn der Iran sämtliche Bedingungen in den kommenden sechs Monaten erfüllt hat, wird über den Hauptteil der Sanktionen verhandelt.

Quellen
Hier zwei deutschsprachige Texte zum Übergangsabkommen:
Der Standard, Österreich,
http://derstandard.at/1385168576631/Einigung-bei-Atomgespraechen-mit-Iran
Durchbruch im Atomstreit mit dem Iran
24. November 2013, 08:15

http://derstandard.at/1385168578498/USA-veroeffentlichen-Details-zu-Iran-Abkommen
USA veröffentlichen Details zu Iran-Abkommen
24. November 2013, 08:40

Hier eine Kurzübersicht des BBC
http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-25080217
Iran nuclear deal: Key points
25 November 2013 Last updated at 10:31 GMT

Und hier der ausführlichste Text von NBC, es handelt sich um ein Fact Sheet der US-Regierung zum Atomabkommen mit dem Iran vom 24.11.2013
http://worldnews.nbcnews.com/_news/2013/11/23/21591576-read-the-white-house-fact-sheet-on-iran-nuclear-deal?lite
FACT SHEET ; THE WHITE HOUSE, Office of the Press Secretary, FOR IMMEDIATE RELEASE, November 23, 2013
(Das hier genannte Datum 23. November sollte nicht verwirren. Die USA liegt weiter westlich, da ist der Morgen 24. Novembers mitteleuropäischer Zeit noch der Abend des Vortags.)

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Schreit Chamene‘i weil er Angst hat? Vor wem hat er Angst?

Gestern Mittag, wenige Stunden vor dem erneuten Verhandlungsbeginn bei den 5+1 Atomverhandlungen in Genf, hielt Ali Chamene‘i vor 50.000 Bassidschis eine Rede, in der er scharf über die Verhandlungsgegner herzog. Frankreich würde vor den USA „in die Knie gehen“, Israel sei ein „tollwütiger Hund“, „manche Zionisten könne man nicht als Menschen bezeichnen, sie seien wie Tiere“, usw. Auf das Recht, Uran anzureichern würde man nicht verzichten.

Anmerkung: Im September, noch vor Beginn der Atomverhandlungen in Genf nahm Chamenei‘i das Wort der „Heldenhaften Flexibilität“, die jetzt in der Außenpolitik vonnöten sei, in den Mund. Der Westen und die Iraner interpretierten das als ernsthaften Willen, in den Verhandlungen Ergebnisse zu erzielen. In seiner gestrigen Rede wurde dieser Begriff erneut aufgegriffen, aber mehr als ein Austeilen und Zurückweichen, je nach Erfordernis der Situation. Mit seiner scharfen Rede zeigte er sich gestern kompromislos. Diese Rede ist wohl eher an iranische Zuhörer adressiert, weniger an den Westen. Vor der iranischen Bevölkerung muss Chamene‘i sich als starker unnachgiebiger Verhandlungsgegner zeigen, nicht als nachgiebiger Bittsteller, der unter den Sanktionen einknickt.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Angebliche Arbeitsmentalität im Iran

Ali Rabii, neuer Arbeitsminister im Iran, hat in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur MEHR gesagt, dass im Iran ca. 20 Millionen Beschäftigte jeden Tag acht Stunden, jeden Monat 30 Tage und jedes Jahr 10 Monate lang arbeiten, was einen ungeheuren Reichtum in Höhe von 48 Mrd. Stunden an geleisteter Arbeit darstellen könnte. Defacto würde aber in der Verwaltung bestenfalls eine halbe Stunde pro Tag gearbeitet. Wesentlich besser aber immer noch schlecht sei die Zahl in der Industrie, wo immerhin 2h 30 Min pro Tag gearbeitet würde.

Anmerkung: Das ist unglaublich. Das Problem ist, dass bei unzufriedenen und schlecht bezahlten Menschen die Quantität und die Qualität der Arbeit abnimmt. Wie kann der Staatspräsident Hassan Rouhani die Mentalität der Menschen ändern?

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Zuerst töten, dann entschuldigen – die Methode des islamischen Modells im Iran

Wir haben berichtet, wie am 14. November die 17-jährige Awin Osmani zusammen mit ihrem Verlobten grundlos von iranischen Beamten beschossen wurde.

Ein Vertreter der Polizei hat mittlerweile ihrenVerlobten, der überlebt hat, im Krankenhaus besucht. Dort überbrachte er eine Entschuldigung für das Erschießen der jungen Frau. Die beteiligten Beamten hätten einen Fehler gemacht und seien von falschen Annahmen ausgegangen, was den Tod von Awin Osmani zur Folge gehabt hätte. Sie hätten gedacht, die beiden seien Schmuggler.

Der Verlobte erzählt die Geschichte so: Er sei zusammen mit seiner Freundin in den Bergen spazieren gegangen. Auf einmal seien unbekannte Männer in einem Auto auf sie zugefahren und hätten angehalten. Das Auto war mit vier bewaffneten Männern in Zivil besetzt und es war kein Polizeiauto. Daraufhin seien er und seine Freundin aus Angst davongerannt. Die Männer hätten hinter ihnen hergeschossen.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Iran: Die große Niederlage


Frauen im Tschador

Die Revolution im Iran im Jahre 1979 brachte auch die Frauen auf die Straße. Aber eine der ersten Maßnahmen von Ajatollah Chomeini war es, die Frauen zum Tragen des schwarzen Tschadors zu zwingen. Wieder protestierten die Frauen, aber erfolglos. Die Ideologie der Mollas unterschied sich nicht wesentlichen von der der katholischen Kirche: Kinder, Küche, Kirche, das sollte der Platz der Frauen sein, statt der Kirche eben die Moschee.
Aber der Krieg mit dem Irak, der Mangel an Arbeitskräften in den Fabriken, führte dazu, dass das Regime den Druck auf die Frauen lockern musste, denn sie wurden als Arbeitskräfte in der Industrie benötigt. Es musste nicht unbedingt der Tschador sein, ein Kopftuch tat es auch, wenn es nur die Haare vollständig verdeckte.
35 Jahre lang versuchte das Regime in ständig wiederholten Razzien und Kampagnen, in der Schule und in der Öffentlichkeit, die Mädchen und Frauen zu „islamischer Kleidung“ zu erziehen. Das Resultat dieser Repressalien können wir jetzt sehen.


Die Haare offen und frisiert – freie Köpfe, freie Frauen

Aschura – der zehnte Tag des schiitischen Trauermonats Moharram
Vor wenigen Tagen war der Aschura-Tag, der höchste Feiertag unter den Schiiten und für diese so wichtig wie Ostern bei den Christen. Es ist ein Tag der Trauer, der an den Tod der Märtyrer in Kerbela erinnert, an den Tod von Imam Hossein, seines Sohns, seines Bruders und vieler anderer. Traditionell geißeln sich die Gläubigen an diesem Tag und schlagen sich mit Dolchen auf den Scheitel, bis das Blut fließt. Die einen schlagen sich auf die Brust, die anderen peitschen sich mit Ketten, manche tragen schwere Gerüste mit der imaginären Hochzeitssänfte („Hedschle“) für Ali Akbar, den in Kerbela gestorbenen Sohn von Hossein. Zu diesen Prozessionen erscheinen die Frauen gewöhnlich ganz in schwarz gehüllt, so dass man nichts sieht außer ihrem Gesicht.


Die Wende
Dieses Jahr war es anders. In den Tagen davor waren die Termine bei den meisten Friseuren ausgebucht. Die jungen Frauen ließen sich die Haare färben – oft blond, aufwändig frisieren, und schminkten sich nach allen Regeln der Kunst. Dazu setzten sie sich große Sonnenbrillen auf. Und so mischten sie sich unter die Menge der Trauernden. Auch die Burschen taten das Ihre – mit der Frisur, der Brille und der Gestik. So wurden auf diesen Umzügen, die in sämtlichen Städten und Dörfern des Irans mit schiitischer Bevölkerung stattfinden, nicht nur die üblichen Trauerlieder gesungen und gespielt, sondern Rap-Musik, und die Bewegungen, wie sich die Trauernden auf die Brust klopften, verwandelten sich in Rap-Tanz. Auch die Texte der Gedichte und Lieder waren an verschiedenen Orten so verfasst, dass sie sich auf die Tyrannen der Zeit bezogen, sprich auf das heutige Regime.

Und die Polizei?
Natürlich hätten die bewaffneten Organe des Staates eingreifen können, aber da ist ein Problem. Die Aschura-Feiern sind eine wichtige religiöse Feier, das Regime selbst hat ein großes Interesse daran, dass die Bevölkerung hierzu in die Öffentlichkeit geht. Und nach schiitischer Tradition hat der Feind von Imam Hossein, der berüchtigte Jasid, die Frauen aus der Familie des Imams geschlagen. Wenn die Polizei in dieser Situation einschreitet und die Frauen in der Trauermenge festnehmen will, weil sie das Haar nicht ausreichend mit dem Kopftuch verhüllen oder geschminkt sind, weckt ihr Verhalten den Widerstand der männlichen Teilnehmer. Sie werden den modernen Jasid in Gestalt der Staatsorgane entgegentreten und sie daran hindern, die Frauen zu verhaften. Und zwar gerade die traditionellen Gläubigen. Das setzt das Regime aufs Spiel, wenn es die Bewaffneten vorschickt. Also zogen die bewaffneten Beamten es vor, wegzuschauen. Aber natürlich war die Herausforderung sichtbar.


Die Antwort der Mollas
Überall wurde beklagt, dass die Frauen doch so nicht auf der Aschura-Feier erscheinen dürften, und mancherorts rieten die Mollas den Beamten gar, die „unislamische Bekleidung“ zu ignorieren, es sei doch ein gutes Zeichen, dass diese Frauen überhaupt zur Feier erschienen. Aber das kam mehr dem Eingeständnis einer Niederlage gleich. Also versuchte ein Teil der Geistlichen, den Hebel an anderer Stelle anzusetzen. An verschiedenen Orten traten die Freitagsprediger auf den Plan und erklärten, ein Mann, der zulasse, dass seine Frau oder seine Schwester in so einer Aufmachung an der Aschura teilnehme, habe keine Ehre – bi-gheyrat ist die Bezeichnung, und das trifft hart. Wer die Frau nicht daran hindere, komme selbst in die Hölle. So versucht das Regime also, die Männer zu seinen Hilfspolizisten zu machen, den Streit in die Familien zu tragen, um ihr eigenes Problem zu lösen. Ob ihr das noch gelingt?

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Iran: Chef der Sicherheitskräfte packt aus?

Kahrisak hat im Iran den Ruf, den die Haftlager von Guantanamo weltweit genießen. Es gibt einige Personen, die namentlich bekannt sind und für die Folterungen und Todesfälle in Kahrisak Verantwortung tragen. Dazu gehört unter anderem Sa‘id Mortasawi, damals Staatsanwalt. Präsident Ahmadineschad und seine Verbündeten hatten stets dafür gesorgt, dass Mortasawi straffrei blieb, das Verfahren gegen ihn stockt heute noch, weil seine Adresse angeblich nicht bekannt ist.
Jetzt hat Pasdar-General Esmail Ahmadi Moqaddam, der oberste Chef der iranischen Sicherheitskräfte, gegenüber der iranischen Nachrichtenagentur ISNA über Kahrisak gesprochen. Einmal abgesehen davon, dass er im Interview bemüht ist, die Schuld auf Mortasawi und auf General Radschabsade abzuschieben, während er sich selbst als Gegner der Vorgänge dort präsentiert, macht er doch auch Angaben, die man zumindest als amtliches Eingeständnis für Missstände, wenn auch nicht für die Folterungen ansehen kann.
Pasdar-General Esmail Ahmadi Moqaddam sagt, Kahrisak sei ursprünglich ein Lager und nicht mal ans Wasser- und Stromnetz angeschlossen gewesen. Es sei dann für Gewalttäter und Banditen eingerichtet worden, die sollten sich dort schließlich nicht zu wohl fühlen. Aber nach den „Vorfällen von 2009″ (Gemeint sind die Millionenproteste gegen die Wahlfälschung) habe man die Verhafteten dort eingesperrt. Er sei dagegen gewesen, die Anstalt sei dafür nicht angelegt, habe sich aber nicht durchsetzen können. Er habe aber darauf bestanden, dass seine Gegenstimme zu Protokoll genommen werde (das ist natürlich nicht veröffentlicht, wer will die Behauptung prüfen?), und außerdem Anweisung gegen, man solle die Verhafteten nicht zusammen mit den Banditen einsperren und sie nicht schlecht behandeln. Auch er verwendet das Wort Folter nicht. Wie man sieht – foltern ist im Iran nicht tabu unter den Herrschenden, das Wort aber schon.
Auch sei klar, dass Zellen, die für 50 Personen bestimmt gewesen und dann mit 170 Personen belegt worden seien, nicht sehr gesund seien, namentlich bei der sommerlichen Hitze. Damit gibt der Pasdar-General zumindest öffentlich und als wichtige Amtsperson zu, dass die Haftbedingungen unmenschlich sind, vermeidet aber jeglichen konkreten Hinweis auf die Foltermethoden und die Toten, die diese zur Folge hatten. Offensichtlich will er sich nachträglich ein Alibi ausstellen und gleichzeitig auch ein paar Personen als Schuldige opfern. Obwohl er selbst sagt, sie seien vom Gericht freigesprochen worden, nennt er sie ausdrücklich als Schuldige – entweder glaubt er, als General sei er auch befugt, als Richter zu entscheiden, oder aber – und das ist wahrscheinlicher – er hält von der iranischen Justiz so wenig wie wir. Auftragsjustiz eben, der man kein Wort glauben kann.
Immerhin beachtlich ist, dass der General die Zeit für gekommen hält, sich als Gegner des Folterzentrums darzustellen. Glaubt er schon nicht mehr an die Zukunft dieses Regimes?
Quelle: Veröffentlicht wurde diese Nachricht unter anderem auf der Webseite peykeiran am 27. Aban 1392 (=18. November 2013):
http://www.peykeiran.com/Content.aspx?ID=69451

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Sanandadsch (Iran): Demo gegen Todesstrafe


Auf dem Obst-Basar in Sanandadsch – Plakat gegen die Todesstrafe

In der kurdischen Stadt Sanandadsch fand vergangenen Samstag, den 16.11.2013, eine Demonstration gegen die jüngsten politischen Hinrichtungen von Kurden statt. Die Kundgebung zog sich durch den Basar. Es schlossen sich ihr eine beachtliche Zahl von Menschen an, aber dann griffen die staatlichen Organe ein und nahmen Verhaftungen vor. Näheres über die Verhafteten ist bislang nicht bekannt.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Bohrtürme aus China für den Iran

Amir Abbas Soltani, Mitglied des Energieausschusses des iranischen Parlaments, beklagte sich jüngst, dass der Iran in der Volksrepublik China Erdölbohrtürme für 170 Milliarden Tuman das Stück kaufe, während der Iran selbst Bohrtürme in besserer Qualität für 110 Milliarden Tuman das Stück herstellen könne. Noch im letzten Jahr sei ein Vertrag mit einheimischen Lieferanten über 14 Bohrtürme abgeschlossen worden, aber der sei wohl auf Eis gelegt. Der Grund sind laut den Worten des Abgeordneten die iranischen Vermittler, die sich bei diesem Geschäft eine goldene Nase verdienen. Amir Abbas Soltani spricht nur von den „Herren“, die davon profitieren, gemeint sind die Pasdaran, die sogenannten Revolutionswächter. Sämtliche Erdölfirmen im Iran sind nämlich in deren Hand.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Iran: Wasser aus dem Paradies


Aabe Samsam: So sieht das Wasser im islamischen Paradies von Ajatollah Chomeini aus

In einigen Dörfern des Gebiets Nuq im Stadtkreis Rafsandschan (Iran) kommt das Wasser aus der Leitung zwar nicht in Regenbogenfarben, aber doch recht bunt: Erst längere Zeit schwarz, dann braun, dann orange, dann gelb. Die Menschen bekommen Ausschläge und schwarze Fingernägel, die Ärzte im örtlichen Krankenhaus bezeichnen das örtliche Wasser als ungeeignet zum Trinken.
Die iranischen Behörden scheint das nicht zu kümmern.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email

Mord an Staatsanwalt von Sabol (Iran) aufgeklärt?

Ein Sprecher der Pasdaran hat gegenüber der iranischen Nachrichtenagentur ISNA bekannt gegeben, dass die Pasdaran-Einheit „Sepah-e Qods“ das vierköpfige Team verhaftet habe, das den Mordanschlag an Mussa Nuri Qal‘e-Nou, Staatsanwalt von Sabol (Sistan / Balutschestan) verübt haben soll. Während die iranischen Behörden unmittelbar nach dem Mord politische Gruppen wie „Dschaisch ul-Adl“ für den Anschlag verantwortlich machten, hat sich die amtliche Version nun deutlich geändert. Sowohl der Sprecher der Pasdaran wie auch Ebrahim Hamidi, der Justizchef der Provinz Sistan und Balutschestan, sprechen nun davon, es habe sich um bekannte Kriminelle gehandelt. Der Mord habe in Zusammenhang mit dem Schmuggelgeschäft gestanden.
Dagegen gab die Gruppe „Dschaisch ul-Adl“ an, sie habe den Anschlag verübt.
Was wirklich geschehen ist, lässt sich von außen schwer feststellen, da die Pasdaran aus psychologischen Gründen motiviert sein könnten, den Mordanschlag den Schmugglern zuzuschreiben, die auch in der Bevölkerung nicht unbedingt beliebt sind. Umgekehrt kann die Erklärung von Dschaisch ul-Adl in der Absicht erfolgt sein, das Prestige der Gruppe in der Bevölkerung zu erhöhen.

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email