Archiv für Mai 2014

Täglich werden im Südiran 75 Mio. m³ Erdgas sinnlos abgefackelt

Moschta Ali Gohari, Spitzenbeamter im iranischen Erdölministerium, hat am heutigen Dienstag, den 27.5.2014, der Nachrichtenagentur Mehr ein Interview gegeben. Dort erklärte er, dass im Südiran jeden Tag 75 Mio. m³ Erdgas ungenutzt verbrannt werden.


Erdgasabfackelung im Iran

Damit, so Gohari, würden nicht nur jede Menge Kapital vergeudet sondern auch das Klima geschädigt. Um diese Menge Gas einer sinnvollen Nutzung zuzuführen wäre eine Investitionssumme in Höhe von 11 Mrd. US Dollar erforderlich. Das Gas müsse nur verbrannt werden, weil die Technik ihrer Nutzung nicht zur Verfügung stünde. Der Erdölminister selber hatte erst letzten Monat in einem Interview gesagt, dass der Iran demnächst Erdgas importieren müsse, wenn die Erdölindustrie nicht entsprechend technologisch entwickelt würde.

Kommentar: Für ein reiches Land wie den Iran sind 11 Mrd. Dollar nicht so viel Geld, besonders wenn man daran denkt, dass in den letzten zwei Jahren der Amtszeit von Ahmadinedschad 12 Mrd. Dollar aus Öleinnahmen verschwunden sind und bis heute nicht klar geworden ist, in welchen Kanälen die Gelder versickert sind. Zudem wird Erdöl in Höhe von 5 Mrd. Dollar auf dem Schwarzmarkt an Länder wie China, Malaysia oder andere asiatische Länder verkauft. Die regelmäßige Hilfe für die Hisbollah, die Hamas oder für die syrische Regierung und radikale Organisationen in Ländern wie den Irak, etc., beläuft sich ebenfalls auf über 10 Mrd. Dollar pro Jahr. Selbst unter der gegenwärtigen Sanktionen hat der Iran jährliche Öleinnahmen von über 70 Mrd. Dollar. Das Problem ist allerdings hier, dass notwendige Direktinvestitionen aus dem Ausland (z.B. von Erdölgesellschaften) nicht fließen, weil die rechtliche und wirtschaftliche Situation im Iran insgesamt noch immer zu unsicher ist. Die iranische Wirtschaft leidet unter dem Phänomen der gleichzeitigen Depression und Inflation.

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Nicht mit der Peitsche ins Paradies!

Anlässlich einer Feier in Teheran anläßlich der Befreiung von Chorramschahr von der Besetzung durch Saddam Husseins Truppen im iranisch-irakischen Krieg hat sich der iranische Präsident Hassan Rouhani in der vergangenen Woche mit einer Klarheit geäußert, die ihn sehr von den fundamentalistischen Menschenquälern distanziert. Er sagte:
„Man darf die Menschen nicht grund- und ziellos beunruhigen. Wir müssen die Leute in Ruhe lassen. Ihr dürft euch nicht dermaßen in das Privatleben der Menschen einmischen, und sei es auch, weil ihr um sie besorgt seid. Lassen wir die Leute selber den Weg ins Paradies wählen, man kann die Menschen schließlich nicht mit der Peitsche ins Paradies treiben. Der Prophet (Mohammad) hatte auch keine Peitsche in der Hand. Wir müssen alle dafür sorgen, dass in der Gesellschaft Frieden herrscht.“
Es ist einerseits ein Eingeständnis von einem Anhänger der Islamischen Republik, dass die 36 Jahre anhaltende Zwangsislamisierung erfolglos war – denn sonst gäbe es keinen Anlass zur Einmischung, andererseits ist es eine mutige Äußerung, die vielen Herrschaften unter den Ajatollahs und Revolutionswächtern aufstoßen wird. Wir gratulieren zu diesen deutlichen Worten.

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Iran: 3000 Milliarden Tuman und eine Hinrichtung


Mah-Afarid Chosrawi

Am Samstag, den 24. Mai 2014, wurde Mah-Afarid Chosrawi, hingerichtet. Er und einige weitere Angeklagte sollen zum Tode verurteilt worden sein, weil sie 3000 Milliarden Tuman über das iranische Bankensystem veruntreut hätten. An der Veruntreuung und dem Verschwinden des Geldes besteht kein Zweifel. Angesichts einer Zahl von ursprünglich 500 Angeklagten und angesichts der Tatsache, dass die Ermittlungen vor den Regierungskreisen Halt machen, nährt die Hinrichtung aber den Verdacht, dass damit ein Zeuge beseigtigt wurde, der weiß, welche Herrschaften hier mitbeteiligt waren.
Wir wollen an dieser Stelle darauf hinweisen, dass wir in jedem Fall gegen die Todesstrafe sind. Es geht hier aber darum, deutlich zu machen, dass diese Strafe nichts damit zu tun hat, Gerechtigkeit herzustellen. Eine ungerechte Justiz kann auch kein gerechtes Urteil fällen.

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Iran: Religionskampf mit dem Bauch?

Im Iran leben nicht nur Schiiten, sondern auch Sunniten. Beide sind Muslime, aber die iranische Verfassung gewährt ihnen nicht die gleichen Rechte. Nicht nur das, der Religiöse Führer Ajatollah Chamene‘i redet immer wieder davon, dass die iranischen Frauen – die Schiitinnen, wohlgemeint! – mehr Kinder auf die Welt setzen sollen. Ins selbe Horn blies jüngst der Ajatollah Makarem Schirasi, der gar davor warne, die sunnitische Bevölkerung wachse schneller als die schiitische und betrage 25 Prozent der iranischen Bevölkerung. Hodschatoleslam Alam ol-Hoda, der Freitagsimam von Maschhad, fand es besonders besorgniserregend, dass Sunniten gar in Maschhad Häuser und Grundstücke kaufen!
Moulawi Abdulhamid, der Freitagsimam der Sunniten von Sahedan, wies die Behauptung, der Anteil betrage 25 Prozent, zurück und betonte, der Anteil der Sunniten betrage nur 20 Prozent. Er warnte auch davor, noch mehr Kinder in die Welt zu setzen, wenn die Menschen ohnehin mit dem Absinken in die Armut zu kämpfen hätten.

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Iran: Betrügerische Arbeitgeber

1200 Arbeiter der Firma „Nawarde Profail“ in Sawe (Zentral-Iran) haben den Streik erklärt, weil der Arbeitgeber nicht nur die ausstehenden Zahlungen seit Monaten verweigert, sondern auch noch die Abgaben für die iranische Sozialversicherung unterschlagen hat. Für die Arbeiter hat das die Folge, dass sie nicht versichert sind, obwohl ihnen das Geld vom Lohn abgezogen wird. Es ist bemerkenswert, dass die iranische Gesetzgebung für solche Fälle nicht etwa den Arbeitgeber bestraft, sondern an erster Stelle den Arbeitnehmer, dem dann die Sozialleistungen (ärztliche Behandlung u.a.) verweigert werden. Wer dann nicht privat bezahlt, kann nicht zum Arzt.

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Iran: Gewerkschafter an Ausreise gehindert


Dawud Rasawi

Dawud Rasawi ist langjähriger Gewerkschafter und Mitglied des Gewerkschaftsvorstand bei der Teheraner Busgesellschaft Wahed. Er war zu einem Gewerkschaftstreffen nach Frankreich eingeladen, wurde aber auf dem Flughafen Teheran vom Geheimdienst an der Ausreise gehindert. Er wurde aufgefordert, sich zwei Tage später beim Islamischen Revolutionstribunal zu melden.

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Isfahan: Menschenkette gegen Austrocknen eines Flusses

In Isfahan haben über 500 Menschen demonstriert und eine Menschenkette gebildet, um gegen die Austrocknung des Sajande-Rud-Flusses – infolge der übermäßigen Wasserentnahme durch ein Regierungsprojekt – zu protestieren. Die Polizei und Zivilbeamten gingen brutal gegen die Demonstranten vor, um die Kundgebung aufzulösen. Es wurden auch einige Verhaftungen vorgenommen.

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Iran: Stellvertretender Befehlshaber der Polizeikräfte abgesetzt


Ahmad Resa Radan, bisheriger stellvertretender Befehlshaber der Polizeikräfte des Irans

Wie jetzt bekannt wurde, wurde Ahmad Resa Radan, der stellvertretende Befehlshaber der iranischen Polizeikräfte, seines Amts enthoben. Radan war selbst einer der Folterer im Kahrisak-Gefängnis, er gehört zu den Verfechtern einer Unterdrückung aller Frauen, die sich keine Kleidung vorschreiben lassen wollen, er war einer der Betreiber der verstärkten Überwachung an den Universitäten (mit Video-Kameras), um auch dort den islamistischen Kulturkampf fortzuführen. Er hatte auch Bassidschis und Pasdaran organisiert, damit sie in Zivil gegen Politiker vorgehen, die sich kritisch an der Öffentlichkeit, namentlich an Universitäten, äußern. Da der vorige Präsident Ahmadineschad im ganzen Land seine Polizeichefs eingesetzt hatte, die die Unterstützung von Radan genossen, öffnet Radans Absetzung der neuen Regierung unter Hassan Rouhani möglicherweise den Weg, auch auf lokaler Ebene Polizeidirektoren abzusetzen, die Ahmadineschads Linie vor Ort fortführen.

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Iran: Wenn zwei das gleiche tun…


Jila Bani-Yaqub zeigt das Foto ihres Mannes Bahman Ahmadi Amu‘i

Jila Bani-Yaqub ist die Frau von Bahman Ahmadi Amu‘i. Bahman Ahmadi Amu‘i wurde vor ca. drei Jahren ins Gefängnis geworfen, weil er die katastrophale Wirtschaftspolitik der Regierung kritisiert hatte. Bahman Ahmadi Amu‘i ist noch immer im Gefängnis, seine Frau musste seinen Geburtstag in seiner Abwesenheit feiern. Heute fallen noch viel schärfere Worte über die katastrophale Wirtschaftspolitik der vorigen Regierung, aber sie kommt aus dem Mund der neuen Regierung. Ein Grund, ihn freizulassen, scheint das für die neue Regierung nicht zu sein.

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Iran: Proteste an der Universität Tabriz

Letzten Sonntag sollte der ehemalige Kultusminister aus dem Kabinett von Ahmadinejaded, Mohammad Hossein Safarharandi, an der Universität Tabriz eine Rede halten.


„Eine Universität ist keine Kaserne“

Sein Vortrag wurde durch eine Menge von StudentInnen unterbrochen, die Parolen riefen und Plakate in die Höhe hielten, auf denen stand: „Freiheit und Gleichheit“, „Freiheit für die Politischen Gefangenen“, „Rede- und Meinungsfreiheit sowie unabhängige Gewerkschaften“, „Eine Universität ist keine Kaserne“, „Wir unterstützen die Forderungen der Arbeiter“, „Wer den Weg der Freiheit geht, kann nur seine Ketten verlieren“. Dem Ex-Minister riefen sie zu: „Lügner, Lügner!“

Die Rede konnte wegen der Tumulte nicht beendet werden. Die StudentInnen wurden von Sicherheitskräften und Männern in Zivil angegriffen, die versuchten, ihnen die Plakate zu entreißen. Es kam auch zu körperlichen Auseinandersetzungen. Mehrere Personen wurden festgenommen.

Video der Proteste :

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Sportlerinnen im Iran

Trotz der im nun beginnenden Sommer hohen Temperaturen müssen die Frauen im Iran geschlossene Sportkleidung tragen, die jeden Flecken Haut abdeckt. Sonst dürfen sie nicht teilnehmen. Die Männer dürfen in der Zeit, in der die Frauen trainieren, das Stadion nicht betreten.

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Die Mütter von Chawaran – Preisverleihung in Südkorea


Parwane Milani und Ma’sume Daneschmand

Parwane Milani und Ma’sume Daneschmand nehmen im Namen der „Mütter von Chawaran“ in der südkoreanischen Stadt Gwangdschu den Menschenrechtspreis entgegen, der an ihre Organisation verliehen wurde. Nicht nur, dass das Regime früher ihre Grabsteine zerstörte, die sie auf dem Massengrab niederlegte, die Bäume und Pflanzen ausriss, die sie dort anpflanzten oder auch nur begossen, noch heute werden die Mütter von Beamten in Zivil verfolgt, wenn sie am Massengrab Blumen niederlegen wollen. So berichtet Parwane Milani, dass ein Beamter in Zivil ihr die Blumen entriss und mit den Füßen zertrat, die sie zum persischen Neujahrsfest am Grab niederlegen wollte.

Parwane Milani und Ma’sume Daneschmand

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Iran: Die Hunde haben das Verbrechen gewittert

1988 geht als das Jahr des großen Gefangenenmassakers in die iranische Geschichte ein. Damals wurde auf Geheiß von Ajatollah Chomeini eine Todeskommission gebildet, die zu entscheiden hatte, wer hingerichtet werden sollte. Es genügte, mit Nein auf die Frage zu antworten, ob man die Islamische Republik akzeptiere, um hingerichtet zu werden. Die Mitglieder der Todeskommission sind noch heute einflussreiche Personen im Iran. So wundert es nicht, dass das Gefangenenmassaker bis heute nicht aufgeklärt wurde.
Aber das heißt nicht, dass die Öffentlichkeit nichts erfahren hat. Nach dem großen Massaker in den Gefängnissen versuchte das Regime das zu tun, was alle Mörder tun: Spuren des Verbrechens zu beseitigen, und das heißt: die Leichen zu beseitigen. In einem abgelegenen Ort östlich von Teheran, wo ein wüstenhaftes Klima herrscht, ließ die Regierung mit Baggern eine tiefe Grube ausheben, in die die Leichen geworfen wurden. Den Angehörigen der Opfer, es waren Tausende, wurde nichts mitgeteilt.
Aber die Bauern in der Umgebung stellten fest, dass die Hunde sich an einem Ort in der Wüste versammelten und dort die Erde aufwühlten. Iranische Hunde sind keine gut gefütterten Tiere wie in Deutschland, wenn sie Fleisch wittern, lassen sie sich das nicht entgehen. Und so kamen die Leichen zum Vorschein. Keiner weiß genau, wer wo begraben ist, aber die Nachricht sprach sich rum, und so begannen die Mütter und Geschwister der Ermordeten, dort Blumen niederzulegen und Trauerfeier abzuhalten. Das Regime verbot es, dann duldete sie dies, aber es bemühte sich, die Sache unter Verschluss zu halten. Aber die Mütter schwiegen nicht und organisierten sich als die „Mütter von Chawaran“, so heißt die Gegend, wo die Leichen verscharrt wurden. Die Mütter von Chawaran schrieben an viele internationale Organisationen, um auf das Verbrechen aufmerksam zu machen und es nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
In Westeuropa hält sich die Begeisterung der Regierenden in Grenzen, die Mütter zu unterstützen, aber es gibt Länder, die vor nicht so langer Zeit eine Diktatur erlebt haben, wie Südkorea. Und dort gibt es die „May 18 Memorial Foundation“ (Stiftung zum Gedächtnis an den 18. Mai), die an das Massaker vom 18. Mai 1980 unter Diktator Chun Doo-hwan erinnert, der damals friedlich protestierende Bürger der Stadt Gwangju niedermetzeln ließ. Die Stiftung verleiht jährlich den „Gwangju Prize for Human Rights“ (Gwangdschu-Preis für Menschenrechte), z.B. 50.000 US-Dollar im Jahr 2011. Dieses Jahr hat die Stiftung den Preis an die Mütter von Chawaran sowie an einen Mann aus Bangladesch verliehen.
Ein ermutigendes Zeichen.

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Türkei: Kohlebergwerk Soma

Während das Foto von Yusuf Yerkel, einem Berater von Ministerpräsident Erdogan, durch die Welt gegangen ist, wie er einen am Boden liegenden Demonstranten trat, sind andere Meldungen, die weniger fotogen sind, noch nicht an die hiesige Öffentlichkeit gelangt. Wobei wir nicht verheimlichen wollen, dass diverse Funktionäre der türkischen Regierungspartei AKP den studierten Yusuf Yerkel, der sogar angefangen hatte, in England seine Doktorarbeit zu schreiben, in Schutz genommen haben. So hieß es rasch, er habe sich nur verteidigt, ein anderer wies darauf hin, dass der am Boden liegende Mann ein Provokatör der TGB gewesen sei (einer Organisation, die Atatürks Ideologie vertritt), und dann ist es wohl in Ordnung, wenn man einen Festgenommenen vor den Augen der Beamten tritt. Die Tritte waren so heftig, dass Yusuf Yerkel für sieben Tage krank geschrieben wurde!

787 Arbeiter in der Grube
Wie der ehemalige AKP-Minister Ertugrul Günay öffentlich machte, waren am Tag des Unglücks 787 Arbeiter in der Kohlegrube in Soma. Er forderte die Regierung auf, die Liste mit den 787 öffentlich zu machen. Dann bestünde die Möglichkeit, zu überprüfen, wer am Leben ist. Davor hat die Regierung anscheinend Angst, und so erklärt der Energieminister Taner Yildiz, 302 seien umgekommen, die übrigen 485 seien gerettet worden. Die Liste veröffentlicht er nicht. Dafür hat er gewiss gute Gründe.

Kinderarbeit im Bergwerk
So ist schon jetzt bekannt geworden, dass unter den Toten mindestens ein 15-jähriger war. Ein geretteter Arbeiter, der 19 Jahre alt ist, berichtete, dass er schon seit 3 Jahren in der Kohlegrube arbeitet, also mit einem Alter von 16 angefangen hat. Es gibt zwar eine zugelassene Gewerkschaft, aber die gehört zu der Sorte, die schon mit Journalisten schimpft, wenn die mit „den ignoranten Arbeitern“ sprechen wollen statt mit ihnen, den Funktionären.

Leiharbeiter
Und diese Gewerkschaft sagt auch nichts dazu, dass neben den fest eingestellten Arbeitern „taşeron işçiler“ (Puffer-Arbeiter) eingesetzt worden. Das ist das türkische Wort für Leiharbeiter, die wie ja auch in Deutschland nicht der Firma zugerechnet werden, wo sie tatsächlich arbeiten. Und die auch deutlich weniger verdienen als ihre fest angestellten Kollegen. Laut Berichten von Arbeitern, die gerettet wurden, waren nicht nur aus den verschiedenen Bergbaurevieren der Türkei Arbeiter in der Grube, sogar Arbeiter aus Syrien waren dort tätig. Man darf annehmen, dass sie auf diversen Listen nicht auftauchen. Und falls doch, könnte man die arabischen Namen leicht von türkischen unterscheiden. Auch das ein guter Grund für den Minister, die Namen unter Verschluss zu halten.

Einbetonieren und zumauern
Zur Brandbekämpfung, wie die türkischen Behörden sagen, wurde in die Grube in zwei Galerien mit Asche vermischtes Wasser gepumpt. Wenn das aushärtet, soll das betonartig werden. Was nicht die Behörden, aber Arbeiter sagen, ist, dass auch in den besagten zwei Galerien Menschen arbeiteten. Wenn sie nicht erstickt oder verbrannt sind, dann wurden sie möglicherweise zubetoniert. Kein Wunder, dass die türkische Regierung die Rettungsarbeiten für beendet erklärt. Und die Eingänge werden zugemauert, damit von außen keiner mehr rein kann. Sollen dereinst erst die Archäologen das Verbrechen aufklären?

Von Ex-Schutz-Trafos und Profit
Eine der frühen Versionen des Grubenunglücks war, dass ein Trafo einen Brand ausgelöst habe. Die Trafos in der Grube sollen übrigens in der Türkei hergestellt worden sein. Dazu meinte ein türkischer Spezialist aus der Branche, dass Trafos mit Explosionsschutz, wie es für solche Bereiche Pflicht wäre, in der Türkei nicht hergestellt werden. Sie müssten aus dem Ausland importiert werden und seien entsprechend teuer. Nur im Ausland gebe es aber auch Testlabors, die solche Trafos in einer brennbaren Gasatmosphäre auf ihre Sicherheit testen. Vermutlich hat der Betreiber der Kohlegrube hier gespart. Er hat sich früher immerhin damit gerühmt, dass er die Kohle zu einem Preis von 130 Dollar die Tonne an die Staatliche Firma für Kohleförderung (Türkiye Kömür İşletmeleri Kurumu) verkauft hat, während er ca. 24 Dollar Förderungskosten hatte. Bei so einer Gewinnspanne fiel natürlich auch was für die Regierungspartei ab…

Trafo oder Brand?
Es wird aber immer deutlicher, dass die Geschichte mit dem Trafo wohl dazu diente, die Verantwortung für das Unglück auf einen technischen Fehler abzuwälzen, wir kennen das ja von der Deutschen Bahn (Gleisvorfeld Hauptbahnhof Stuttgart, da wurden die Puffer für die Entgleisungen verantwortlich gemacht, nicht die rücksichtslose Sparpolitik der Bahn in Sachen Sicherheit). Denn Arbeiter berichteten, dass in dem großen Bergwerk (es sind etwa 10 Kilometer unter Tage!) vor Wochen ein Brand ausgebrochen ist, was viele Arbeiter aber nicht wussten. Vermutlich hat der Schwelbrand oder dabei entstandene brennbare Gase das Unglück ausgelöst.

Unternehmer als Bauernopfer für Erdogan?
Während die türkische Regierung am Anfang vehement den Grubenbetreiber verteidigte und die Firma als ein Musterunternehmen pries, die erst im März dieses Jahres erfolgreich aus einer Kontrolle hervorgegangen sei, scheint sie jetzt von ihrem Gönner abzurücken. Immerhin will Ministerpräsident Erdogan am 10. August 2014 zu den Präsidentschaftswahlen kandidieren, und da könnte eine zu enge Verbändelung mit dem Betreiber des Bergwerks für einen Wahlsieg abträglich sein. Und so beginnt allmählich, die staatliche Maschinerie auch gegen den Unternehmer und seine Ingenieure in Gang zu kommen. Sogar der Sohn des Unternehmers soll jetzt festgenommen worden sein. Ein AKP-Abgeordneter kritisierte, dass man so lange mit Verhaftungen gewartet habe, bei einem tödlichen Autounfall werde der Verursacher sofort von der Polizei verhaftet, und hier seien 300 Menschen ums Leben gekommen. Auch ist interessant, wie Energieminister Taner Yildiz die Wende einleitet. So hat er sich bei Beileidsbesuchen in den Dörfern um Soma nicht nur Kritik über die leeren Versprechen der Politiker anhören müssen, man werde künftig alles besser machen. Ein Arbeiter sagte ihm direkt ins Gesicht, dass in den letzten Wochen die Kohle heiß aus der Grube kam. Der Minister wurde hellhörig und meinte, das müsse man weiterleiten. Das klänge glaubwürdig, wenn es ein x-beliebiger Mensch wäre. Aber davon, dass Arbeiter von einem längeren Brand in der Grube berichteten, konnte er genauso wie wir aus türkischen Medien erfahren, zumal Minister ja auch ihren Beraterstab haben. Wahrscheinlicher ist es, dass Taner Yildiz den Vorwurf geschickt genutzt hat, den Überraschten zu mimen und damit für Erdogan einen Ausweg zu eröffnen, jetzt gegen den Firmenbetreiber vorzugehen.

In Deutschland kann das nicht passieren…
Das kann man öfter hören, und wenn man es auf Kohlegruben bezieht, stimmt das sicher, da diese ohnehin eine um die andere geschlossen wurden. Wer aber meint, hier mit dem Finger auf die Türkei zeigen zu müssen, sollte sich vorsehen. Was deutsche Minister und für die Sicherheit zuständigen Behörden in Zusammenhang mit dem Bahnhof S21 leisten und wie sie die Öffentlichkeit mit falschen Zahlen füttern, beweist, dass es hierzulande nicht viel besser aussieht. Auch hier gibt es genügend Zeitungen und andere Medien, die das wiederkäuen und nicht weiterforschen.

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Präsident Rouhani geht mit Fundamentalisten ins Gebet

Der iranische Präsident Hassan Rouhani hat heute in einer Reaktion auf Kritik an der Außenpolitik seiner Regierung erklärt, dass eine Gruppe von Personen (Anm.: gemeint sind die Fundamentalisten) mit der Losung „Kampf gegen die Supermächte“ die Taschen des Volkes geplündert hätten. Mit solchen Dichtereien und Losungen könne man die Unabhängigkeit und Würde ihres Landes nicht erlangen.

Seine Gegner widersprachen mit dem Argument, dass vielmehr die Atomverhandlungen zwischen dem Iran und den Weltmächten unvereinbar mit der Unabhängigkeit und Würde des Landes sei und dass sie ein Ende des nuklearen Irans bedeuteten. Die Gegner der Atomgespräche, inszenierten am vergangenen Freitag in Teheran auch eine Kundgebung, in der die Konfrontation mit Amerika und den Weltmächten betont wurde.

Rouhani kommentierte dies mit den Worten, dass das Volk aufpassen müsse dass (die Fundamentalisten) nicht von dem Weg, den die Nation im Juni letzten Jahres eingeschlagen hat, abweichen. Ein großer Teil der Bevölkerung würde unterhalb der Armutsgrenze leben und weiterhin müssten Grundnahrungsmittel wie Weizen importiert werden. Darauf könne man nicht stolz sein.

Nur einen Tag zuvor hatte der iranische Parlamentspräsident Ali Larijani eine Rede gehalten, in der er von einer schweren wirtschaftlichen Instabilität des Irans und einer Inflation in Höhe von 30 bis 40 Prozent sprach.

Rouhani warnte davor, den Iran damit kaputt zu machen, dass man sich in Nebenkriegsschauplätzen verzettelt, anstatt die wichtigen Probleme anzugehen.

Zuletzt meinte er, dass einige Leute (die Fundamentalisten) es wohl gut finden, etwas schlecht zu reden und es damit zu zerstören. Diese Leute bezeichnet er als Kranke, denen geholfen werden müsse.

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