Iran: Landesweiter Lehrerstreik – erstmals seit 35 Jahren


Kundgebung in Ahwas

Die Proteste von Lehrerinnen und Lehrern erstrecken sich inzwischen über das ganze Land. Gestern, am Sonntag, den 1. März 2015, kam es zu Kundgebungen in Chorassan, Lorestan, Hormosgan, Kurdistan, Chusistan, Fars, Qaswin und anderen Städten und Regionen. Gegen Mittag versammelten sich vor dem Parlament in Teheran über 600 Lehrkräfte. Was fordern sie?


Provinz Fars

Weg mit dem Zentralismus
In einer Erklärung der Lehrkräfte wird der zentralistische Aufbau des Lehrapparats kritisiert. Alles wird von der Zentrale entschieden und kommandiert, die Lehrkräfte vor Ort werden in die Entscheidungen im Bildungssektor nicht einbezogen.


Qaswin

Bildungsbudget für Kalaschnikow und Co?
Es wird kritisiert, dass unter der Bezeichnung Bildungsausgaben auch Institutionen finanziert werden, die mit Bildung nichts zu tun haben. Ohne, dass man zusätzlich Geld auftreiben müsse, reiche es, diese Ausgaben im Schulsektor einzusetzen. Dies ist eine verhüllte Anspielung darauf, dass auch die Bassidschi-Milizen und die Pasdaran ein Budget für Bildung haben, das noch höher ist als das Budget für den Schulsektor. Mit dieser Forderung bezieht die Lehrerbewegung indirekt Stellung gegen die bewaffneten Organe des islamistischen Staates.


Hormosgan

Parlament fürs Volk
Die Lehrer fordern zudem das Parlament auf, vor allem in Gesundheit und Bildung zu investieren, das sei es, was die Bevölkerung benötige. Auch hier wird deutlich, dass der Protest zu einer politischen Bewegung wird.


Chorassan

30% mehr Lohn
Eine weitere Forderung ist die jährliche Erhöhung des Lohns um 30 Prozent für die nächsten vier Jahre. Nach Zinseszinsrechnung ergibt das das 2,85-Fache des jetzigen Lohns. Das klänge in Deutschland vermessen, aber in einem Land, wo die Inflationsrate so hoch oder noch höher liegt, ist das der bescheidene Versuch, den jetzigen Zustand zu bewahren.


Lorestan

Beamte zweiter Klasse
Während staatliche Angestellte sonst im Iran mit allen möglichen Zuschüssen rechnen dürfen, namentlich mit Wohngeld, Fahrtgeld und Essensgeld, gehen die Lehrer leer aus. Gegen diese Diskriminierung protestieren sie.
Die Diskriminierung geht sogar noch in der Rente weiter. Nach 30 Berufsjahren erhalten staatliche Angestellte ihr höchstes Gehalt als Rente, Lehrer dagegen nur zwei Gehaltsstufen niedriger, so dass sie deutlich schlechter dastehen als ihre Kollegen aus der Bürokratie.


Pawe

Nicht mehr als 25 Schüler
Die Lehrkräfte fordern zudem eine maximale Klassenstärke von 25 Schülern. Zur Zeit können 45, selbst 50 Schüler in einer Klasse sein. Das beeinträchtigt den Lehrerfolg und erzeugt zudem Konflikte, deren Resultate täglich in den iranischen Zeitungen zu lesen sind, sagen die Lehrkräfte.

Freiheit für die Kollegen
Die Protestierenden haben ihre Kollegen nicht vergessen. Sie fordern auch die Freilassung von Rassul Bodaqi (seit 5 Jahren im Gefängnis) und von Seyyed Mahmud Baqeri.

Wird die Streikbewegung der Lehrerinnen und Lehrer zu einem Vorbild?

Wie man sieht, gehen diese Forderungen weit über eine einfache Lohnerhöhung hinaus. Es sind zwar keine radikalen Forderungen, die das gesamte System in Frage stellen, aber sie reichen weit über den Bildungssektor hinaus in die Gesellschaft hinein und sind dadurch politisch. Die Solidarität und Vernetzung der Lehrerinnen und Lehrer untereinander, ihre Mobilisierungsfähigkeit in vielen Städten über das ganze Land hinweg sowie die Gleichzeitigkeit der Streikbewegungen vor Ort ist etwas, was man bei den durchaus vorhandenen kleinen Streiks in einzelnen Industriebetrieben derzeit im Iran nicht findet. Dadurch erhält die Streikbewegung der Lehrerinnen und Lehrer Vorbildfunktion für weitere Sektoren der iranischen Gesellschaft.

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