Iran: Religiöser Führer hetzt seine Hunde auf Kritiker


„Erste Warnung“ an den Mostafa Tork-Hamedani, den Anwalt des Abgeordneten

Die reformistische Web-Zeitung „Kalame“ (Das Wort) schrieb am Sonntag, den 15.03.2015:
„Es scheint, als sei Schiras völlig außer Kontrolle der Zentralregierung geraten. Paramilitärs, die den Pasdaran und den Bassidschi-Milizen nahestehen, beherrschen die Stadt. Der Freitags-Imam verteidigt sie, und sie hören nicht einmal auf die Ermahnungen aus dem Hause der Religiösen Führers.“
Die Zeitung berichtet weiter, dass der einflussreiche iranische Parlamentsabgeordnete Ali Mottahari den Anwalt Mostafa Tork-Hamedani beauftragt hat, den Überfall auf ihn in Schiras, der vorletzte Woche erfolgte, zu verfolgen.

Vorgeschichte
Wie berichtet, sollte Ali Mottahari am Montag, den 9. März 2015 (im ersten Artikel ist fälschlich 7. März genannt), einen Vortrag zum Thema „Islam und die Freiheit“ an der Universität Schiras halten. Der Abgeordnete Mottahari wurde am Flughafen von Schiras von Hisbollahis und Bassidschis angegriffen, das Taxi, mit dem er vom Flughafen zur Uni fahren wollte, wurde beschädigt. Als das Taxi sich durch einen Druck aufs Gaspedal in Sicherheit bringen wollte, wurde es von rund 50 schweren Motorrädern verfolgt und eingeholt. Mottahari und das Taxi brachten sich auf einer Polizeiwache in Schiras in Sicherheit. Die Wache wurde von den Motorradfahrern so lange belagert, bis Mottahari einwilligte, ohne Vortrag wieder aus Schiras abzufliegen.

Überfall auf den Anwalt
Wie „Kalame“ gestern berichtete, erging es auch dem Anwalt Mostafa Tork-Hamedani in Schiras nicht besser. Die Bewaffneten überfielen ihn am Samstag, den 14.03.2015, in Schiras in seinem Auto, zerschlugen die Scheiben und sprühten auf das Auto: „Erste Warnung“ (Echtar-e awwal). Der Provinzgouverneur erklärt, er kenne die Täter nicht, aber der Staat werde eine Kommission entsenden, um den Vorfall zu untersuchen.

Pasdaran-Einheit Fadschr
Die Zeitung „Kalame“ schreibt weiter, dass die Täter der Pasdaran-Einheit Fadschr zuzurechnen seien, die in Schiras stationiert ist. Nur die besäßen so schwere Motorräder und verfügten über Pfeffergas – damit war Mottahari bei seinem Besuch in Schiras attackiert worden. „Kalame“ fährt fort: „Sie erteilten dem Anwalt des Abgeordneten Ali Mottahari eine „erste Warnung“, damit sowohl er wie auch sein Mandant wissen, dass Schiras und seine Sicherheitsbehörden nicht mehr der Kontrolle der Regierung unterstehen.“

Freitag-Prediger mit der Waffe in der Hand

„Kalame“ berichtet nicht nur, dass der Freitagsprediger von Schiras mit der Waffe in der Hand den Überfall auf den Abgeordneten mit den Worten gutgeheißen habe, wer Wind säe, werde Sturm ernten. Ha‘eri Schirasi, der vorige Freitags-Imam von Schiras, der jetzt in der Kanzlei des Religiösen Führers arbeitet (!), bezeichnete die Angreifer auf Ali Mottahari als junge Männer, die die Herrschaft des Rechtsgelehrten mit Leib und Seele verteidigen.

Mächtiger als die Polizei
Zum Ende des Artikels berichtet „Kalame“, dass diejenigen, die Ali Mottahari überfielen, die Polizeiwache, in der er mit dem Taxi-Fahrer Zuflucht gefunden hatte, für mehrere Stunden belagerten und sogar Kontrollen der dort passierenden Personen vornahmen. Was „Kalame“ nicht schreibt, aber dafür andere Webseiten, ist die Tatsache, dass diese mächtigen Belagerer Pasdar-Offiziere in Zivil waren.

Die Heuchelei der Reformisten
Diese Vorfälle machen nicht nur deutlich, dass die Pasdaran im Iran mehr zu sagen haben als die Regierung und das Parlament, sie zeigen noch etwas anderes. Aus der Berichterstattung der Reformisten-Webseite wird deutlich, dass die Angreifer die volle Unterstützung des Religiösen Führers Ajatollah Chamene‘i genießen. Denn sowohl der Freitags-Imam von Schiras als auch sein Vorgänger befürworten deren Vorgehen öffentlich, und beide wurden direkt vom Religiösen Führer in ihr Amt eingesetzt. Mehr noch, der Vorgänger des heutigen Amtsinhabers arbeitet jetzt sogar in der Kanzlei des Religiösen Führers. Unmöglich, dass er ohne dessen Einverständnis solche Worte äußert. Dies wissen die Reformisten auch. Wenn „Kalame“ also schreibt, dass die Pasdaran in Schiras sich nicht der Zentralregierung unterordnen, ist das kein lokales Problem von Schiras, sondern Ausdruck der Machtverhältnisse an der Spitze. Der gewählte Präsident hat nicht die Macht über die „Sicherheits“organe, sondern der Religiöse Führer. Und ihm gehorchen sie. Aber die Reformisten trauen sich nicht, das offen zu schreiben.
Es wird spannend, wie die Geschichte weitergeht. Denn auch Ali Mottahari hat mächtige Unterstützer, und es ist die Frage, wie diese – zum Beispiel Ajatollah Rafsandschani – auf die Attacken reagieren werden. Man schlägt den Sack und meint den Esel!

Quelle:
http://www.kaleme.com/1393/12/24/klm-212117/?theme=fast

Bookmark speichern oder einem Freund mailen
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email