Iran: Nachrichten aus der Pfefferdose

Die iranischen Machthaber kennen ihre Pappenheimer. Dass die große Mehrheit der Iraner endlich Arbeit und Ruhe haben will und nicht in ewiger Angst vor dem nächsten Krieg leben wollen, ist auch ihnen klar. Ein Abkommen mit dem Westen über einen Rückzug aus dem iranischen Atombombenprogramm wäre ein Schlusspunkt unter die ständige Angst vor dem Krieg. Ein Schluss, ein Grund zum Feiern. Und wenn man beim Feiern noch seine Freude darüber deutlich machen kann, dass „die da oben“ eins ausgewischt bekommen haben, kann die Zahl der Feiernden rasch in die Millionen auswachsen. Das durften die Machthaber schon erleben, als der Zorn über den Wahlbetrug soviele Menschen auf die Straßen trieb.

Was tun?
Selbst wenn also eine Einigung über das iranische Atomprogramm in Lausanne zustande käme, sollte die Bevölkerung nicht so rasch davon erfahren. Also hält man mit Informationen zurück, streut hier ein Körnchen Wahrheit in den Nachrichtensenf und verbreitet da einen mehrdeutigen Kommentar, so dass sich die Leserinnen und Leser selbst ihren Reim daraus machen müssen. Klar im Vorteil, wer ausländische Medien hören oder sehen kann. Dieser Kreis bekommt nämlich mehr mit. Aber eben nicht alle auf einen Schlag. Das war das Kalkül. Und die Rechnung ging auf.

Dosierte Freudenfeiern
So kam es zwar in allen iranischen Großstädten zu spontanen Äußerungen der Freude über die erzielte Grundvereinbarung, aber es waren immer nur kleine Grüppchen. Und damit konnten die überall patroullierenden Sicherheitskräfte allemal fertig werden, sie waren auch auf Größeres vorbereitet.

Wo die Extreme zusammentreffen
Ein Slogan der Jugendlichen auf den Straßen bei dieser Gelegenheit war:
„Isra‘il, delwaapassaan – tasliyat, tasliyat.“
Delwaapassaan ist eine Bezeichnung, die die Fundamentalisten und Hardliner der islamischen Republik sich selbst verliehen haben. Er bedeutet soviel wie „die Besorgten, die Beunruhigten“. So wie eine Mutter beunruhigt ist, wenn ihr Sohnemann das erste Mal mit dem Auto ausfährt, taten die Herrschaften (eine Damenriege ist da nicht zu finden!) in der Öffentlichkeit ihre Besorgnis kund, dass man dem Verhandlungspartner nicht trauen könne, die USA sei ein alter Fuchs, der einen über die Ohren hauen wolle, wie schon der verstorbene Ajatollah Chomeini gewarnt habe.
Israels Regierung unter Netanyahu auf der anderen Seite gehörte immer zu denen, die davor warnten, dass man dem Iran nicht trauen könne, er versuche den Westen zu betrügen.
Und tasliyat ist das persische Wort für „Beileid“, wenn jemand gestorben ist.
Diese Parole heißt also sinngemäß: „Unser Beileid an alle, die immer die Besorgten gespielt haben.“

Vom gesattelten Pferd nur noch die Zügel in der Hand

Immerhin mussten die Fundamentalisten, deren Sprachrohr Schariatmadari mit seiner Zeitung Keyhan (Teheraner Ausgabe) ist, einsehen, dass Ajatollah Chamene‘i, der Religiöse Führer und zugleich Herausgeber von Keyhan, in die Grundsatzvereinbarung von Lausanne eingewilligt hat. Sie konnten sich also für eine weitere Opposition nicht auf ihn berufen. Also blieb nur eins: Den Erfolg kleinzureden. Schariatmadari wählte dazu das Bild eines Pferdes, das fertig gesattelt war (also die fast fertige Atombombe), das man nun eingetauscht habe gegen einen zerrissenen Zügel.

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