Irans unendliche Geschichte: die Atombombe

Zu Beginn der iranischen Revolution von 1979 waren die religiösen Eiferer noch Feuer und Flamme für die Idee, die Welt zu islamisieren. Gehet hin in alle Welt, wenn’s sein muss, mit der Waffe. Dahinter standen die Pasdaran (Revolutionswächter), die Ajatollah Chomeini zur schlagkräftigen Waffe der Geistlichkeit gegenüber der Armee ausbaute, dahinter standen auch die anderen Fundamentalisten unter den Ajatollahs.
Diesem Ziel stand ein Hindernis im Weg. Es hieß Israel. Und Israel besitzt die Atombombe.
In der Logik der islamistischen Weltrevolution musste dieses Hindernis zerstört werden. Aber da war ein Problem.
Hinter Israel steht die USA und Westeuropa mit modernen Waffen, gegen die der Iran nicht ankommt.

Zwei neue Waffen
Daher hielten die Ideologen des neuen Regimes nach anderen Wegen Ausschau. Wenn man dem Westen mit herkömmlichen Mitteln nicht beikommt, gibt es doch andere Wege.
Erstens: die Atombombe. Ihr Einsatz gegen die erdölfördernden Gebiete im Nahen Osten würde den Westen wirtschaftlich vernichten, ohne Erdöl kein Transport, kein Handel, keine Produktion.
Zweitens: Selbstmordattentäter. Kriegsführung im Hinterhof der Macht. Das kostet nicht viel Geld. Man muss nur Menschen motivieren, im Namen des Islams den Krieg in den Westen zu tragen und sich selbst dafür zu opfern. Gegen Bomber helfen Radarsysteme, gegen Raketen Satelliten, aber was kann man gegen einen armen Schlucker ausrichten, der die Bombe in der Unterhose versteckt und ein Passagierflugzeug besteigt? Was kann man dagegen tun, wenn in diesem Papierkorb kein Müll steckt, sondern eine Bombe?

Der Weg nach Israel führt über Kerbela
„Rah-e Qods az Kerbela migozarad“ war die Parole unter Ajatollah Chomeini. Das heißt, zur Beseitigung von Israel muss man zuerst den Irak in der Hand halten. Dies war ein zentraler Grund, warum Ajatollah Chomeini den Irak-Krieg nicht beenden wollte, als der Angreifer, der irakische Präsident Saddam Hussein, nach seinen Niederlagen im Iran dazu bereit war, sondern den Krieg auf irakischem Boden fortsetzen wollte. Aber die Folgen des Kriegs im Iran, der eine Generation Jugendlicher als lebende Minensucher verpulverte und den Lebensstandard der Bevölkerung spürbar reduzierte – der Sturz des Schahs lag nicht mal zehn Jahre zurück – ließen die Unzufriedenheit steigen. Auf der anderen Seite fehlten Waffen und Ersatzteile, denn nach der Besetzung der US-Botschaft in Teheran und dem politischen Seitenwechsel zu den „Anti-Imperialisten“ konnte die Regierung die iranische Armee nicht mehr einfach mit US-Waffen versorgen. Und die immer deutlichere Sinnlosigkeit dieses Krieges führte auch zu massiver Desertion in der iranischen Armee, die nicht mehr ihr eigenes Land verteidigte, sondern nun in den benachbarten Irak eingedrungen war.
Ajatollah Chomeini wusste die Zeichen zu deuten und willigte schließlich in einen Waffenstillstand ein. Er bezeichnete die Unterzeichnung selbst als „Schierlingsbecher“, den er austrinken müsse. Denn sie brachte ihn vom langfristigen Ziel der Eroberung Israels ab. Er starb ein Jahr später.

Atombombe – die letzte Hoffnung
Nach dieser Niederlage war die Atombombe das wesentliche Ziel der Fundamentalisten, um ihrem Ziel der Weltrevolution näher zu kommen. Sie genossen hierbei technische Unterstützung aus Pakistan, Russland und China. Dieses Programm, das sich etwa 30 Jahre lang hinzog, kostete den Iran nach Schätzungen 200 bis 300 Milliarden Dollar – auch für einen Erdölstaat keine Kleinigkeit.
Als der sogenannte Reformer Chatami zum Präsidenten gewählt wurde, gab er dem Westen gegenüber zwar zu verstehen, dass er kein Atombombenprogramm verfolge, aber in Wirklichkeit wurde es heimlich weiter vorangetrieben. Das war die Zeit der Installation von Zentrifugen zur Anreicherung des Urans.

Ahmadineschad – der Mann mit dem losen Mundwerk
Als Ahmadineschad das Amt des Präsidenten übernahm, schlug er einen anderen Ton an. Er betrieb eine verbal aggressive Politik gegenüber Israel und den Westen: Einerseits verteidigte er die zivile Nutzung der Atomenergie, zwischen den Zeilen hieß er auch ihre militärische Nutzung gut. Das ging solange, bis Satellitenaufnahmen und Insider-Informationen belegten, dass der Iran die Internationalen Beobachter hinters Licht geführt und geheime, unterirdische Produktionsstätten aufgebaut hatte.
Der Religiöse Führer Ajatollah Chamene‘i, Chomeinis Nachfolger, verteidigte dieses Vorgehen.

Sanktionen als Antwort
Für den Westen, an erster Stelle für die USA, war das Fass voll.
Über den UN-Sicherheitsrat wurden Sanktionen beschlossen. Präsident Ahmadineschad hatte dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Er bezeichnete die UN-Resolutionen als Fetzen Papier. Und er hatte gute Grunde dafür, denn die Beziehungen zur russischen und chinesischen Firmen rissen nicht ab, auch in Europa fanden sich immer wieder Lieferanten…
Das ging solange, bis die Sanktionen auch diese Firmen trafen. Sie – und die dahinter stehenden Regierungen mussten sich nun entscheiden, was wichtiger war: der iranische Markt oder der westliche.

Krieg ohne Bomben
Das schlug ein. Die iranische Wirtschaft brach rasch zusammen. Es gab keine Investitionen mehr, keine Ersatzteile. Die Wirtschaftsproduktion fiel auf einen Stand von 30% dessen, was die iranische Wirtschaft vor den Sanktionen leistete. Die Arbeitslosigkeit und Aussichtslosigkeit, die sich ausweitende Korruption raubten den islamistischen Revolutionären jede Legitimität in den Augen der Bevölkerung, es kam zu einer gesellschaftlichen Krise. Die Geistlichkeit und ihre Anhänger spalteten sich in Reformisten und Fundamentalisten.

Wirtschaft des Widerstands
Vor diesem Hintergrund hielt Ajatollah Chamene‘i eine viel beachtete Rede, in der er von der „Wirtschaft des Widerstands“ (eqtesade moqawemati) sprach. Aber Heinrich Heine hat es in seinem Gedicht „Die Wanderratten“ gut getroffen:
Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ja, durch leere Worte von einer „Wirtschaft des Widerstands“ wird keiner satt. Die Politik des Religiösen Führers schaffte es, ein Wirtschaftswunder der besonderen Art hervorzuzaubern.
Während zu Zeiten der Rezession die Arbeitslosigkeit steigt, pflegen die Preise zu sinken. Nicht so im Iran.
Da war die Inflation mehrstellig, und die Arbeitslosigkeit kletterte rasant in die Höhe. Nur sind solche Wunder nicht so nahrhaft wie die, Brot vom Himmel regnen zu lassen oder Wasser in Wein zu verwandeln…

Heldenhaft Flexi
So blieb auch Chamene‘i nichts anderes übrig, als den Weg seines Vorgängers zu beschreiten. Wo war er doch noch, der Schierlingsbecher? Nur hatten sich die Zeiten inzwischen gewandelt. Ajatollah Chomeini genoss bis zu seinem Tod hohes Ansehen unter einer Mehrheit der Bevölkerung, trotz aller Barbareien, von Ajatollah Chamene‘i kann man das nicht behaupten. Als Chamene‘i in Verhandlungen einwilligte, tat er das nicht aus einer Position der innenpolitischen Stärke. Und so hatte er im Gegensatz zu Chomeini nicht den Mut, öffentlich vom Schierlingsbecher zu reden, nein, er redete auch nicht vom Rosenwasser aus Schiras, dass er nun austrinken werde, sein Modewort wurde die „Heldenhafte Flexibilität“ (Narmesch-e qahrmanane). Damit sollte sein Umkippen in der Öffentlichkeit verhüllt werden.

Um Kopf und Kragen
Bei den Präsidentschaftswahlen 2013 kamen Reformisten und gemäßigte Konservative zusammen und sorgten für die Wahl von Präsident Hassan Rouhani, wahrlich nicht der Wunschkandidat des Religiösen Führers. Nun begannen die Verhandlungsrunden in Wien, Genf und Lausanne, mit weiteren Geheimverhandlungen in Paris und weiß der Teufel wo. Die Krise im Iran hatte sich so vertieft, dass selbst die Pasdar-Generäle warnten:
„Bei den nächsten Protesten haben wir es nicht mehr mit Studenten und Reformisten zu tun, sondern mit den Barfüßern der Gesellschaft.“
Jetzt geht es nicht mehr um die Weltrevolution, sondern um Kopf und Kragen.
Und so begann die Politik der Zugeständnisse gegenüber dem Westen, der in den Verhandlungen auf seiner Position beharrte. Die Verhandlungspartner von iranischer Seite waren nunmehr von den Reformisten ausgewählt, die die Mentalität der Fundamentalisten gut kannten. Sie wussten, dass man nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen durfte, und wählten die Salamitaktik, immer in Rücksprache mit Ajatollah Chomeini, damit die Gegenspieler, die Fundamentalisten, sich daran gewöhnen konnten.

Das Scheitern
Und so kommt es, dass Schariatmadari, der Wortführer der Scharfmacher, der Chefredakteur der Teheraner Zeitung Keyhan (Die Welt), die von Ajatollah Chamene‘i herausgegeben wird, öffentlich das Scheitern der fundamentalisten Politik eingestand.
Er schrieb: Wir haben ein gesatteltes Pferd hergegeben, und dafür einen zerrissenen Zügel erhalten.
Das gesattelte Pferd ist die fast fertige Atombombe, die zerrissenen Zügel die Grundvereinbarung von Lausanne.
Es ist ein Scheitern auf der ganzen Linie. Denn statt eines Exports der Welt-Revolution kann man nun beobachten, dass die iranische Revolution in der ganzen Region zu einem Krieg der mehrheitlichen Sunniten gegen die Schiiten geführt hat, nun werden Muslime von Muslimen ermordet. Im Namen Allahs und seines Propheten. Und dass man überhaupt bereit war, mit dem Großen Teufel (USA) zu verhandeln, ist auch schwer als Erfolg auszugeben.

Ein Ausblick
Nicht die iranische Bevölkerung hat verloren, sondern die Fundamentalisten. Für die Bevölkerung eine Erleichterung. Die Kriegsgefahr vorerst gebannt. Sie war reell, denn militärische Drohungen der USA und Israels begleiteten die Verhandlungen und wurden von der Bevölkerung ernst genommen.
Aber die Aufhebung der Sanktionen bewirkt kurzfristig keine wirtschaftliche Besserung, dazu ist die iranische Wirtschaft zu massiv zerstört. Auch langfristig kann die Regierung kein modernes Wirtschaftssystem aufbauen – ideologische Hemmschwellen und wohl organisierte Gruppen wie die Pasdaran stehen im Weg.
Mit dem Bremsklotz der Scharia und ihrer konservativen Auslegung kommt die iranische Wirtschaft nicht in Gang.
So wird wohl die künftige Parole für das iranische Volk so lauten:
Rah-e refah az azadi migozarad.
Der Weg zum Wohlstand führt über die Freiheit.

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