Irans Religiöser Führer bekennt Farbe

Man sollte meinen, für einen religiösen Führer der Muslime gibt es eine Farbe – Grün, die Farbe des Propheten.
Ajatollah Chamene‘i, der Religiöse Führer der Islamischen Republik Iran, gibt einer anderen Farbe den Vorzug: Grau.
Nicht Schwarz, nicht Weiß!
Während der aktuellen Atomverhandlungen in Lausanne beriefen sich die iranischen Verantwortlichen – Präsident Hassan Rouhani, Außenminister Sarif, der Leiter der iranischen Atombehörde Salehi – stets darauf, dass alle Verhandlungspositionen mit Ajatollah Chamene‘i eng abgestimmt wurden. Das wussten auch die Fundamentalisten um Chamene‘i, und mussten es zähneknirschend akzeptieren.
Jetzt, nach der Erklärung von Lausanne, wonach der Iran im wesentlichen in die atomare Abrüstung eingewilligt hat und einen Rückzieher in der Frage der atomaren Aufrüstung gemacht hat, war natürlich auch eine klare Stellungnahme des Religiösen Führers gefragt. Was der zu sagen wusste, ist bemerkenswert:

Ich bin nicht dafür, und ich bin nicht dagegen!
Ja, genau das hat Chamene‘i zum Verhandlungsergebnis gesagt. Er betonte einerseits, dass er die Verhandlungen billigt und auch die Weiterführung der Verhandlungen gutheißt, aber zugleich meinte er zur Erklärung von Lausanne, dass es sich dabei um eine Erklärung handle und um kein Abkommen. Und somit sei er weder für die Erklärung, noch dagegen. So versucht er anscheinend, seinen Anhängern Sand in die Augen zu streuen. Es ist klar, dass er seine Niederlage nicht an die große Glocke hängen will. Das tun schon andere. Denn Rafsandschani, sein konservativer Gegner, hat vorgestern einen Giftpfeil gegen Chamene‘i und seine Unterstützer abgeschossen.

Freiheit von Ausbeutung, Freiheit von Tyrannei
Ajatollah Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, der Vorsitzende des Rats zur Wahrung der Interessen des Systems, hat auf einer Sitzung wichtiger Entscheidungsträger am gestrigen Sonntag (12.04.2015) folgende Worte geäußert:
„Freiheit von Ausbeutung, Freiheit von Tyrannei und die Gegenwart des Volks (ergänze: in der Bestimmung ihres Schicksals) sind drei wichtige Faktoren. Wenn sie gegeben sind, geht die Gesellschaft nie unter. (…) Aber es gibt Menschen, die sich an heilige Mumien klammern, es gibt Ignorante und Unwissende. Für diese Leute besteht die Katastrophe darin, dass ein paar nicht ausreichend verhüllte Frauen auf die Straße gehen. Genau, das ist eine Katastrophe, und diese Frauen sollten doch zumindest die islamische Verschleierung achten. Aber die Frage ist doch die, was mit den übrigen Problemen ist, zum Beispiel den Gefängnissen, dem Unrecht, der Unterdrückung, den Rechten des Volks, die mit Füßen getreten werden?“
Er sagte weiter: „Wenn man sieht, wie ein Teil der Anhänger der „heiligen Mumien“ und die „Besorgten“ heute wieder lästig werden – es sind dieselben, die auch schon den Imam (Ajatollah Chomeini) geplagt haben.“

Die Herrschaft der Mumien
Rafsandschani verwendet dabei knappe Wortprägungen wie choshk-moqaddas („trocken heilig“), die im Text nur in Umschreibung wie „Heilige Mumien“ wiedergegeben werden konnten, aber bei denen iranischen ZuhörerInnen klar ist, wer gemeint ist. Fundamentalisten wie Ajatollah Mesbah Jasdi, der Vorsitzende des Wächterrats Dschannati, der Keyhan-Chefredakteur Schariatmadari oder der Religiöse Führer Ajatollah Chamene‘i. Mit „Ignoranten“ (dschahel) und „Unwissenden“ (na-dan) meint er vor allem die Fundamentalisten im Parlament, in der Bassidschi-Miliz und bei den Pasdaran. Das sind diejenigen, die nicht an die Zukunft und den Erhalt der Islamischen Republik denken, sondern nur an ihre kurzsichtigen Eigeninteressen.
Mit dem Begriff der „Besorgten“ (delwapassan) greift Rafsandschani einen noch jungen Begriff auf, mit dem sich die Fundamentalisten gerne schmücken, wenn sie die iranischen Atomverhandlungen torpedieren wollen. Sie reden dann gern davon, wie besorgt sie seien, dass dabei die iranischen Interessen aus den Augen verloren werden und so weiter. Das ist kein kleiner Personenkreis: Er umfasst die Fundamentalisten wie auch ihren bewaffneten Arm, die Pasdar-Generäle und ihr Fußvolk.

Wer hat das Geld in den Sand gesetzt?
Schon davor hat Rafsandschani den Finger in die Wunde gelegt, als er darauf hinwies, dass die ganzen Verluste und wirtschaftlichen Folgen des iranischen Atomprogramms, bei dem 200-300 Milliarden Dollar rausgeworfen wurden, der radikalen Außenpolitik des vorigen Präsidenten Ahmadineschad zu verdanken sei. Man habe ja die Verantwortlichen darauf hingewiesen, dass der Mann ungeeignet sei, aber das sei leider nicht beachtet worden. Dieser Vorwurf geht direkt an die Adresse des Religiösen Führers. Denn er hat sich sogar dafür eingesetzt, dass Ahmadineschad durch eine Wahlfälschung in den Genuss einer zweiten Amtszeit kam.

Gegenfeuer
Dass man sich in ihren Kreisen nicht beliebt macht, wenn man die fundamentalistischen Scharfmacher angreift, war Rafsandschani sicher klar, und die Antwort ließ nicht auf sich warten. Der Oberbefehlshaber der Pasdaran General Asis Dscha‘fari reagierte noch heute: „Wenn wir diejenigen, deren Herzenssache die Revolution ist, diejenigen, die am meisten Tote für die Sache gegeben haben und an deren Körper und Seele die Wunden des Kriegsschauplatzes noch abzulesen sind, wenn wir sie als „heilige Mumien“ bezeichnen, als diejenigen, die den Imam geplagt haben, was bedeutet das dann? Da kommt ein gefährlicher Groll gegen die Wertvorstellungen der Islamischen Revolution und die hehren Ziele des Erlauchten Imams Chomeini zum Vorschein (…)“
Der heutige Justizsprecher Mohsen Eshe‘i bezeichnete die jüngsten Äußerungen Rafsandschanis als „gegen das Gesetz“ und warnte, wenn sie nicht durch Dokumente belegt seien, würden sie strafrechtlich verfolgt. Darf Rafsandschani also demnächst einen Haftbefehl erwarten? Die iranischen Zeitungen vom morgigen Dienstag haben es jedenfalls vorgezogen, sich hinsichtlich der Kritik Rafsandschanis und seinen Gegnern nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Frei nach dem Vorbild des Führers: „Ich bin nicht dafür, und ich bin nicht dagegen!“

Der König ist tot, es lebe der König!
Vor dem Hintergrund des ideologischen Machtverlusts steht Ajatollah Chamene‘i und seine Umgebung vor einem Problem. Sie können zwar die Einzelheiten der Atomverhandlungen unter den Tisch spielen, aber die Bevölkerung weiß davon. Damit ihre Unterstützung unter den eigenen Anhängern nicht zusammenbricht, müssen sie die ideologische Lücke füllen: Wenn man mit dem „Großen Teufel“ (=USA) am Verhandlungstisch sitzt, braucht man einen anderen Bösewicht, und den hat der Ajatollah gefunden: Saudi-Arabien.

Saudi-Arabien: der Teufel bekommt Ablösung
Der Religiöse Führer des Irans kritisierte die saudische Regierung scharf dafür, dass sie in Jemen militärisch gegen die schiitischen Huthi-Milizen vorgeht. Von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und dergleichen ist die Rede. Zusätzlich werden in den iranischen Medien noch weitere Meldungen aufgebauscht und erfunden, die die Saudis als Bösewichte darstellen. So seien zwei junge Iraner, die kürzlich nach Saudi-Arabien flogen, um nach Mekka zu pilgern, bei einem Verhör im Flughafen von der saudischen Polizei vergewaltigt worden. Empörung. Die Familie der beiden Männer dementierte später: Die Behandlung sei nicht in Ordnung gewesen, aber von Vergewaltigung könne nicht die Rede sein.
Interessanterweise wird der Ersatz des Großen Teufels durch „Saudi-Arabien“ auch von Rafsandschani als konservativem Gegenspieler des Religiösen Führers und von Hassan Rouhani, der den Reformisten zugerechnet wird, mitgetragen. Das verwundert, denn man sollte meinen, die sollten doch froh sein, wenn dem Religiösen Führer die Basis davonläuft. Aber die denken offenkundig weiter. Wenn die bewaffnete Basis davonläuft, ist es mit dem Islamischen Staat iranischer Machart zu Ende. Die Bevölkerung will ihn sowieso nicht. Und da sowohl die „gemäßigten Konservativen“ wie die „Reformisten“ nicht das Volk an der Macht sehen wollen, sondern sich selber, kommt hier ein übergeordnetes Interesse zum Ausdruck: Der Erhalt des islamistischen Staates. Und dafür arbeiten alle Interessierten eng zusammen!

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