Parlamentswahlen in der Türkei vom 7. Juni 2015

Mit diesen Wahlen hat Erdogans Partei AKP die absolute Mehrheit im türkischen Parlament verloren. Als Verlierer kann man ihn deshalb noch lange nicht bezeichnen, höchstens als schlechten Verlierer. Denn mit 18,9 Millionen Wählerstimmen (von 46 Mio gültigen Stimmen) hat er etwas mehr Stimmen erhalten wie CDU und CSU zusammen bei der Bundestagswahl 2013 (ich beziehe mich auf die Zweitstimmen).

Zeichen der Veränderung
Warum der Sieger sauer ist, kann man verstehen, wenn man auf diese beiden Karten schaut.

Türkische Parlamentswahlen 2011


Türkische Parlamentswahlen 2015

Die obere zeigt die Wahlergebnisse von 2011, die untere die von 2015. Gelb ist die Farbe der Regierungspartei, ihr Anteil ist geschrumpft.
Viel spannender als die Prozente ist die absolute Zahl der Stimmen, die aus der folgenden Statistik hervorgeht.


Vergleich der Stimmzahlen – 2015 zu 2011

Im Vergleich zu den letzten Parlamentswahlen hat Erdogans Partei 2,6 Millionen Stimmen verloren, obwohl die Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen um 3,6 Millonen Stimmen zugenommen hat. Das ist die Ohrfeige der Wähler, die Erdogan auch verstanden hat. Gewinner sind eindeutig die HDP (die Kurden und inzwischen auch andere Minderheiten vertritt) mit 3,2 Millionen Stimmen Plus – bei den letzten Wahlen ist sie noch wegen der hohen Wahlhürde von 10 Prozent in Form von parteilosen Kandidaten aufgetreten, und die MHP (nationalistische Partei), die 1,9 Millionen Stimmen dazugewonnen hat. Jeder 6. hat für die MHP gestimmt, deutlich mehr als für die HDP. Das türkische Wahlsystem begünstigt aber regional konzentrierte Parteien, so dass beide Gewinner gleichviel Kandidaten ins Parlament bekommen haben – je 80.

Herbe Stimmenverluste in Kurdistan
Noch viel aufschlussreicher wird das Bild, wenn man sich die einzelnen Regionen genauer anschaut.

Stimmen in den Kurdengebieten – 2015/2011

Nehmen wir den Osten und Südosten, das traditionelle Siedlungsgebiet von Kurden, Armeniern und im Nordosten der Lasen. Ich habe einige Regionen im Osten der Türkei von Nord nach Süd und dann im Süden von Ost nach West aufgelistet, in denen die HDP stark ist, sowie noch Bingöl, Tunceli und Kahramanmaras. Wie man sieht, hatte die AKP in den kurdischen Gebieten sehr wohl ihre Anhängerschaft, sunnitische Kurden sind für die religiöse Rhetorik gepaart mit einer florierenden Wirtschaft durchaus offen. Aber der Krieg in Syrien, bei dem sich Erdogans Partei lieber mit den heimischen Kurden anlegte als die syrischen Kurden zu unterstützen, hat nicht nur die Sympathien unter den türkischen Kurden schrumpfen lassen, er hat auch den Handel mit Syrien lahmgelegt, der wirtschaftlich für die türkischen Kurden wichtig war. Stattdessen verübte das türkische Militär einen mörderischen Anschlag auf an möglicherweise vom Schmuggel lebende Kurden im türkisch-syrischen Grenzgebiet. So zeigt das Bild der Stimmanteile in den ausgewählten Gebieten deutlich, dass die AKP auch dort abgesackt ist, wo sie immer noch die relative Mehrheit hat. Das drückt sich nicht immer in der Zahl der Abgeordneten aus.

… und im konservativen Kernland der AKP

Stimmen in Zentralanatolien – 2015/2011
Auffällig ist, dass selbst im konservativ-religiösen Zentralanatolien, in Konya, Kayseri, Yozgat und Corum die AKP deutlich an Stimmen verloren hat, in der Regel zu Gunsten der MHP. Das dürfte für Erdogan die unerfreulichste Botschaft sein. Er verliert seine Stammwähler. Man darf gespannt sein, was sich dieser gewiefte Politiker, der den Vergleich mit Franz-Josef Strauß nicht zu scheuen braucht, einfallen lässt, um seine Macht noch länger zu erhalten.

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