Iran: Biji Kürdistan

„Es lebe Kurdistan!“. Mit diesen Worten eröffnete der iranische Staatspräsident Hassan Rouhani laut einer von ‚radikal.com.tr‘ zitierten Meldung der türkischen Nachrichtenagentur DHA (Dogan Haber Ajansi) seine Rede an das Volk während seiner heutigen Reise in der iranischen Provinz Kurdistan. Diese Rede hat er vermutlich im „Unabhängigkeits-Stadion“ (Warseschgah-e Esteqlal) in der kurdischen Stadt Sanandadsch gehalten. Sicher ist dies nicht, denn in der sehr ausführlichen Meldung der iranischen Nachrichtenagentur IRNA ist nicht die Rede von diesem Detail, nur davon dass er in besagtem Stadion zum Volk gesprochen hat! Und er wird bestimmt nicht die türkische Aussprache Kürdistan verwendet haben…

Unterricht an der Uni über kurdische Sprache und Literatur
Dafür berichten IRNA und DHA übereinstimmend, dass Präsident Rouhani zum Abschluss seiner Reise in dieser Provinz erklärte, dass schon im kommenden Studienjahr zur Förderung der kurdischen Sprache und Literatur selbige an der Universität von Kurdistan (Daneschgah-e Kordistan) unterrichtet wird. Radio Farda berichtet hierzu, dass laut Angaben der heutigen Ausgabe der Zeitung „Sharq“ (Osten) die Universitäten der Provinz Kurdistan über 40 Studierende aufnehmen werden, die das Fach „Kurdische Sprache und Literatur“ studieren werden. Pläne für so einen Studiengang gab es schon früher, sie wurden aber auf Eis gelegt.

Kurdischer Dienst für IRNA
Auch soll die staatliche iranische Nachrichtenagentur IRNA demnächst mit einem kurdischen Dienst ausgestattet werden, ebenfalls als Maßnahme zur Förderung der kurdischen Kultur.

Investitionen
Der Schwerpunkt in der IRNA-Meldung liegt allerdings auf wirtschaftlichem Bereich: Investitionen in die Wasserversorgung, ins Abwassernetz, in den Straßenbau und den Bau von Wasserkraftwerken wurden in Aussicht gestellt. Das ist zweifellos wichtig, fraglich ist allerdings, ob bei den Wasserprojekten die Interessen der örtlichen Bevölkerung berücksichtigt werden. In verschiedenen Gegenden des Irans gab es schon heftige Demonstrationen, weil den Bauern durch Wasserleitungsprojekte soviel Wasser genommen wurde, dass ihre Ernte ruiniert wurde.

Rouhani – das richtige Wort zur richtigen Zeit
Rouhani ist ein Meister, sich mit dem richtigen Wort in Szene zu setzen. Nüchtern betrachtet sind die 40 Studenten der kurdischen Sprache und Literatur nichts Großes, bedenkt man, dass die Unterrichtssprache in den Schulen nach wie vor Persisch ist und bleibt. Da ist auch nichts anderes angekündigt. In Artikel 15 des iranischen Grundgesetzes heißt es: „Die amtliche und gemeinsame Sprache und Schrift der Bevölkerung des Irans ist das Persische. Amtliche Dokumente, Texte und Schriftverkehr sowie Schulbücher müssen in dieser Sprache und Schrift verfasst sein, während der Gebrauch verschiedener lokaler und Volkssprachen in der Presse, in den Massenmedien und beim Unterricht ihrer Literatur in der Schule, neben der persischen Sprache, frei ist.“
Und trotz dieser dürftigen Zugeständnisse ist es ein Signal ins Ausland, wenn der iranische Präsident seine Ansprache mit „Biji“ beginnt. Den meisten Türken dürfte das Wort bekannt sein, und sei es nur in Zusammenhang mit dem als „Terroristen“ verschrieenen PKK-Führer Öcalan, kurz „Apo“. „Biji Apo“ ist ein Slogan, für den schon viele Jugendliche ins Gefängnis kamen. Jetzt, wo die türkische Regierung den Krieg auf PKK-Stellungen im Nordirak eröffnet hat – und dort wesentlich mehr Bomben abwirft als auf Stelllungen des Islamischen Staats (IS) in Syrien, mögen solche Worte als Türöffner dienen. Kommt hinzu, dass auch die iranische Regierung ebenso wie die syrischen Kurden militärisch gegen den IS vorgehen, so dass Rouhani fast als Verfechter der kurdischen Sache erscheinen mag.

Der Schein trügt
Das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass der iranische Staat – in Form der Pasdaran und Polizei – mit aller Gewalt gegen eigenständige kurdische Organisationen vorgeht und immer wieder angebliche Kämpfer solcher Gruppen hinrichtet. Auch die Proteste in Mahabad und anderen kurdischen Städten angesichts des Selbstmords einer Kurdin, die ein „Sicherheitsbeamter“ an ihrem Arbeitsplatz – einem Hotel in Mahabad – vergewaltigen wollte, wurden mit Gewalt niedergeschlagen, während der Täter – der wohl in die oberen Etagen des Sicherheitsapparat gute Verbindungen hat, straffrei ausging. Das mag im Ausland nicht bekannt sein, den Kurden vor Ort gewiss. IRNA weist auf diese thematischen Lücken natürlich nicht hin, es ist immerhin die staatliche Presseagentur.

Es gibt auch noch andere Sprachen
Hinzu kommt, dass auch die Aseris (Aseri ist eine Turksprache), die fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, die Araber oder die Balutschen eine eigene Sprache haben, die genauso ihre Existenzrechte hat. Wäre Hassan Rouhani ernsthaft um eine bessere Integration der Minderheiten bemüht, würde er seine Vorschläge auf diese Sprachen ausweiten. Aber wenn es um harte Politik geht, liegt die Macht in den Händen von Ajatollah Chamene‘i und den Pasdaran. Rouhani weckt wieder einmal Hoffnungen, von denen er weiß, dass er sie nicht erfüllen kann und auch nicht will.

Quellen:
http://www.radikal.com.tr/dunya/ruhaniden_kurt_acilimi-1404790
http://www.radiofarda.com/content/f12-kurdish-language-to-be-taught-in-iran/27154650.html
http://www.irna.ir/fa/News/81697316/

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