Attentate in Paris: Was sagt die iranische Linke?

Kerzen vor der französischen Botschaft
Auch vor der französischen Botschaft in Teheran waren die Beileidsbotschaften und Zeichen der Verbundenheit mit den Opfern der Anschläge in Paris zu sehen, wir hatten darüber berichtet. Die iranische Regierung zögert auch nicht damit, die Anschläge zu verurteilen, ist doch die IS ohnehin ihr Waffengegner in Syrien. Insoweit steht der Iran – die Regierung wie die Bevölkerung – auf der Seite der Opfer des Attentats. Interessant ist, wie diverse linke Gruppen mit dem Ereignis umgehen.

Tudeh-Partei spricht von Inszenierung
Ein Beispiel ist die kommunistische Tudeh-Partei. Sie vergleicht in einem Kommentar unter dem Titel „Yasdah-e septambr schab-e gosaschte dar paris tekrar schod“ (Der 11. September wurde vergangene Nacht in Paris wiederholt“) die Anschläge in Paris mit dem 11. September. Nun, das ist nichts Besonderes, andere tun das auch. Aber die Tudeh-Partei sieht in dem ganzen eine Inszenierung, wie auch im Anschlag vom 11. September. Letzterer habe nur dazu gedient, eine Rechtfertigung für die Besetzung Afghanistans und des Iraks zu schaffen. Und so sei es auch eine Inszenierung („Sahnesasi“), dass der französische Präsident zum deutsch-französischen Freundschaftsspiel im Stadium anwesend gewesen sei, um sich dann evakuieren zu lassen.

Vom gesunden Menschenverstand
Der oder die Verfasser nehmen es den französischen Behörden nicht ab, dass es angesichts der Sicherheitsmaßnahmen in der Hauptstadt überhaupt möglich gewesen wäre, so einen Anschlag unbemerkt und für die Behörden überraschend zu verüben: „Der gesunde Menschenverstand kann es nicht akzeptieren, dass die französische Polizei und der französische Sicherheitsapparat derart unwissend und überrascht sein könnten, wie es vergangene Nacht während der terroristischen Anschläge in Paris zur Schau getragen wurde. Das, was sich ändern muss, ist eine Änderung der Strategie der größten und einflussreichsten europäischen Staaten neben den USA und Israel im Nahen Osten, in Afghanistan und zumindest in Ostafrika. Solange diese Politik, die Libyen, Syrien und Afghanistan in ein Trümmerfeld verwandelt hat, solange die heimliche Unterstützung der IS (Islamischer Staat) und anderer gleichgesinnter Gruppen und die Zusammenarbeit mit ihnen nicht aufgehoben wird, begegnet man (wörtlich: das Volk) jedem Vorfall von der Art der vergangenen Nacht in Paris mit Zweifel und Misstrauen.“
Quelle:
http://www.pyknet.net/1394/05aban/23/page/paris.php
Wie man sieht, können sich die Verfasser von ihren Verschwörungstheorien nicht lösen. Alles Übel kommt demnach immer von außen.
Anders geht der Verfasser einer Analyse in der Internet-Zeitung von Rah-e Kargar (Hey‘at-e edschra‘i) (Weg des Arbeiters – Exekutivkomitee) vor.

Menschen im Nahen Osten – Menschen zweiter Klasse?
Unter dem Titel „Dschang-e bi-rahmane dar paris, beyrut, baghdad, scharm osch-scheich“ (Unerbittlicher Krieg in Paris, Beirut, Baghdad, Scharm osch-scheich) weist er auf etwas anderes hin. Nämlich dass andere Attentate des IS, wie der in Beirut am Vortag des Attentats von Paris, keineswegs so viel weltweite Anteilnahme ausgelöst hätten wie die in Paris, obwohl auch sie viele zivile Menschenleben trafen. Er stellt die Frage, ob Menschenleben im Nahen Osten weniger wert seien als die in Paris, dass diese so wenig Beachtung fänden. Die Antwort auf diese Frage würde einen längeren Ausflug in das Funktionieren der heutigen Medien bedeuten, man darf aber annehmen, dass mehr Menschen im Nahen Osten sich diese Frage stellen werden, unabhängig von ihrer politischen Richtung.
http://www.rahekargar.net/browsf.php?cId=1075&Id=399&pgn=

Fragen, die bleiben
Hier wurde nur an zwei Beispielen beleuchtet, was linke Gruppen im Iran zu den Attentaten von Paris schreiben. Was dort kaum zur Sprache kommt, ist aber die Frage, was denn der IS damit bezweckt, nicht nur in der Hochburg der Hisbollah in Libanon – die zusammen mit dem Iran und den syrischen Truppen gegen die Truppen des IS kämpft – Zivilisten zu ermorden, sondern auch mit dem Bombenanschlag auf ein Flugzeug mit russischen Touristen und mit den Anschlägen in Paris die Regierungen in Moskau und Paris gegen sich aufzubringen. Viel Feind viel Ehr? Das wird wohl nicht der Grund sein. Eher ist politisches Kalkül zu vermuten. Es liegt nahe, dass die verschärften Kontrollen und Durchsuchungen in Frankreich vor allem zu Lasten der dort lebenden Muslime gehen. Das schafft ein Gefühl von Entrechtung und Ohnmacht, das der IS neue Anhänger zuführt. Und Russland hat mit Tschetschenien auch noch einen gärenden Konflikt, neben den Marionettenregierungen in Tadschikistan und Usbekistan, die ihre Diktatur mit der „islamistischen Bedrohung“ rechtfertigen. Soll die Explosion des Touristenflugzeugs auch da die Verfolgung der Muslime anheizen? Ob das das Ziel der Anschläge ist? Wir wissen es nicht.

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