Erdogan in den Fußstapfen des Islamischen Staats?

Am 31. Oktober 2015 stürzte ein Flugzeug mit mehr als 200 russischen Passagieren ab, das von Scharm sch-Scheich nach St. Petersburg fliegen sollte. Spätere Auswertungen des Flugschreibers ergaben, dass die Behauptung des IS (Islamischer Staat), der die Verantwortung für den Absturz übernahm, wohl doch zutrafen und eine Bombe an Bord geschmuggelt worden war.
Am 24. November 2015 wird über Syrien ein russisches Militärflugzeug abgeschossen, eine SU-24. Der Unterschied ist groß. Die Opfer waren in diesem Fall zwei russische Militärs, die dabei waren, Bomben über Syrien abzuwerfen. Die Begründung für den Abschuss auf türkischer Seite ist scheinheilig: Das Flugzeug habe die türkische Grenze verletzt und nicht auf Warnungen reagiert. Die russische Seite bestreitet, dass es Warnungen gegeben habe, und weist darauf hin, dass das Flugzeug und die Besatzung über Syrien abgeschossen wurden und dass das türkische Kampfflugzeug dazu in den syrischen Luftraum eingedrungen sei. Über die Details mögen sich Militärs und Geheimdienste streiten, die Zugriff zu den Daten haben – wir haben sie nicht.

Ein geplanter Abschuss
Die Behauptung der türkischen Regierung, man habe nicht gewusst, dass es sich um ein russisches Flugzeug handle, klingt lächerlich. Die Türkei war Jahrzehnte der Frontstaat und das Ohr der NATO im Süden der Sowjetunion, natürlich kennen die türkischen Militärs die sowjetischen Flugzeugtypen.
Deswegen ist es beachtlich, wenn der Oberkommandierende der russischen Luftstreitkräfte Viktor Bondaryew erklärt, dass das türkische Flugzeug, das Luft-Luft-Raketen auf das russische Flugzeug abfeuerte, vom Boden aus dirigiert worden sei. (http://ria.ru/world/20151127/1330013643.html). Auch standen auf syrischer Seite Leute mit Videokamera bereit, den Abschuss aufzunehmen und ihn über youtube und die türkischen Medien zu verbreiten. Auch dies erfordere Vorbereitung.
Die Verantwortung für die tödlichen Schüsse auf den Piloten, der sich mit Fallschirm aus dem abgeschossenen Kampfflugzeug katapultiert hatte, übernahm ein Kommandant der „Turkmenischen Division“ der „Freien Syrischen Armee“, ein gewisser Alpaslan Celik, der nach Angaben der russischen Zeitung Moskovskiy Komsomolets den türkischen „Grauen Wölfen“ angehört. Die der MHP nahe stehenden Grauen Wölfe stehen zwar eigentlich in Opposition zur AKP-Regierung, aber wo sich die Interessen decken, haben sie freie Hand. So überrascht es nicht, dass die türkische Regierung dann den Leichnam des beim Fallschirmabsprung erschossenen Piloten von ihren Verbündeten in Syrien ausgehändigt bekam und am 29. November an Russland überstellen konnte.
(http://www.mk.ru/politics/2015/11/29/turciya-vernet-rossii-telo-ubitogo-pilota-su24.html)


Das strittige Gebiet: Die blaue Linie von Nord nach Süd ist der Euphrat, dort ist Cerablus auf syrischer Seite eingezeichnet (auf türkischer Seite ist der Übergang Karkamis). Nördlich von Azez liegt auf türkischer Seite Kilis. Die nächstgelegene türkische Großstadt ist Gaziantep, die man im Norden der Karte noch im Ausschnitt erkennt

Der Abschuss gilt den Kurden
Am 13. Oktober 2015 berichtete die türkische Tageszeitung radikal, dass die türkischen Machthaber beunruhigt seien, dass die kurdischen Milizen der PYD, die als Schwesternorganisation der PKK betrachtet wird, im Rahmen des Kampfes gegen den „Islamischen Staat“ sowohl von den USA als auch von Russland unterstützt würden. Namentlich dank russischer Unterstützung bereite sich die PYD darauf vor, das Gebiet westlich des Euphrat zwischen Cerablus und Azez einzunehmen. Im Juni habe die PYD durch Einnahme von Tel Abyad die kurdischen Kantone Kobani und Cizre vereinen können, jetzt versuche sie, den nördlichen Grenzstreifen westlich des Euphrat bis zum kurdischen Kanton Afrin einzunehmen. Auf diese Art würde an der syrischen Nordgrenze zur Türkei ein kurdischer Korridor entstehen. Diese Aussicht beunruhigt die türkischen Regierenden offensichtlich mehr als die Machtausübung des Islamischen Staates in Syrien.
(http://www.radikal.com.tr/turkiye/pydnin-firatin-batisina-gecmesi-kabul-edilemez-1451221/)
Auch Dogan Durgun schreibt am 29. November 2015 in der Zeitung Özgür Gündem, dass die türkischen Regierung vor allem verhindern wolle, dass die Kurden das Gebiet zwischen Kobani und Farin unter ihre Kontrolle bringen. Denn zum einen wollte die Türkei dort eine Pufferzone einrichten, in der sie die Flüchtlinge unterbringt, zum anderen ist der türkische Geheimdienst MIT in der Region Bayburcak, wo das Flugzeug abgeschossen ist, aktiv und fördert dort einige – auch islamistische Gruppen wie El Nusra.

Die Schmuggelbrüder
Und so, wie im Iran die Pasdaran (Revolutionswächter) ein reges Interesse an der Aufrechterhaltung des Embargos haben, um ihren profitablen Grenzschmuggel in großem Ausmaß zu betreiben, hat auch der türkische Staatspräsident Erdogan etwas zu verlieren, wenn die Grenze in die Händen der syrischen Kurden fällt. Immerhin ist der „Islamische Staat“ auf offene Grenzen für seine Erdölexporte angewiesen, und Erdogans Sohn soll da mitverdienen. Es ist auch kein Zufall, dass der neue Energieminister der Türkei ein Schwiegersohn von Erdogan ist. Auch heimliche Waffenlieferung an Islamisten in Syrien dürften schwer fallen, wenn die Grenze von Einheiten der syrisch-kurdischen PYD kontrolliert wird. Zwei türkische Journalisten wurden unlängst verhaftet, weil sie über diese Lieferungen recherchieren wollten.

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