Süßer die Bomben nie klingen – Erdogans Weihnachtsgeschenk

Wie berichtet, haben türkische Kampfflugzeuge am 24. November 2015 einen russischen Bomber über Syrien abgeschossen. Ziel der türkischen Regierung war wohl, einen Vormarsch der syrischen Kurden unter der Führung der PYD, einer Schwesterpartei der PKK, entlang der türkisch-syrischen Grenze zu verhindern. Ein der PKK nahe stehender kurdischer Staat, der die Türkei von Syrien abriegelt, ist in den Augen der türkischen Regierung offensichtlich schlimmer als wenn sich dort der „Islamische Staat“ ausbreitet. Die direkte Folge des Abschusses des russischen Militärflugzeugs und seines Piloten war allerdings die, dass Russland seine Militärpräsenz ausbaute, die Beziehungen zwischen beiden Staaten sich drastisch verschlechterten und die Türkei keine Flugzeuge mehr in Syrien einsetzen konnte, ohne Russlands Truppen in die Quere zu kommen. Die Folge: Erdogan hat die Kriegsfronten ins eigene Land verlegt. Wenn er die syrischen Kurden nicht schlagen kann, so doch die türkischen, vielleicht in der Hoffnung, so die Unterstützung für die PYD durch die PKK zu verhindern.

Kriegsvorbereitung mit SMS
Am 13. Dezember war es soweit. Die Tageszeitung radikal berichtete, dass die staatlichen Lehrkräfte in Cizre und in Silopi (Provinz Şırnak) am Vormittag des 13. Dezembers alle eine SMS des türkischen Kultusministeriums erhalten hätten, dass sie zu einer Lehrerausbildung einberufen würden und diese in ihrer Heimatregion absolvieren könnten. Die Folge 1298 Lehrer mit ihren Familien, die im Lehrbezirk Cizre an 104 Schulen 431.127 Schüler (so viel??) unterrichten, machten sich umgehend auf den Weg zum Busbahnhof. Diejenigen, die keinen Bus bekamen, gingen mit ihrem Gepäck zur Überlandstraße „Ipek Yolu“ und warteten, bis sie mit Autostop weiterkamen.
In Silopi erhielten 1701 Lehrer, die an 68 Schulen 39.128 Schüler unterrichten, eine SMS des Direktors der Bezirksbehörde des Kultusministeriums, dass sie vom 14.-16.12.2015 frei hätten.
Die einheimische Bevölkerung deutete dies als Signal, das bald eine Ausgangssperre über die Gegend verhängt wird, und versuchte, sich noch mit Mehl einzudecken.
Quelle:
http://www.radikal.com.tr/turkiye/meb-sms-atti-ogretmenler-akin-akin-cizreyi-terk-etti-1492002

Es kracht
Am 16. Dezember 2015 war es dann soweit. Der türkische Generalstab begann eine Militäroperation unter Einsatz von Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und Spezialeinheiten der Jandarma gegen die „Terroristen“. Nachts wurde zudem der Strom abgestellt und auch einige Telefonnetze funktionierten nicht mehr. Die Bevölkerung hörte die ganze Nacht lang (die Nacht auf den 17.12.) Schüsse und Bomben. Nach Beseitigung der Barrikaden nahmen die Streitkräfte die zugehörigen Straßenzüge ein und führten Hausdurchsuchungen durch. Angesichts der verhängten Ausgangssperre dürften die Betroffenen kaum Chancen haben, sich vor Übergriffen zu schützen. In Cizre hielt sich zu der Zeit der HDP-Parlamentsabgeordnete Faysal Sarıyıldız auf, in Silopi die HDP-Abgeordneten Ferhat Encü und Aycan İrmez, die ebenfalls ihr Haus nicht verlassen durften.

Quelle:
http://www.radikal.com.tr/turkiye/cizre-ve-silopide-catismalar-gece-boyunca-surdu-1494264/?scenario_id=ilgilihaberradikal&action=click&label=haberdetay4&widget_id=7123210314300265


Ausschnitt:
Landkarte: Cizre liegt an der türkisch-syrischen Grenze, Silopi etwas weiter östlich im Dreiländereck Syrien-Türkei-Irak, beide Orte liegen südlich der Cudi-Bergkette, die als Rückzugsgebiet der bewaffneten Einheiten der PKK gilt.

Pressemeldung der Türkischen Streitkräfte
Auf der Webseite des Türkischen Generalstabs ist unter der Überschrift 17. Dezember für den 16. Dezember zu lesen: „Bei der in Şırnak / Cizre andauernden Operation wurden sechs Bedienstete der Sicherheitskräfte verletzt, wobei ihr Leben nicht in Gefahr ist, 24 Terroristen, die einer separatistischen Terrororganisation angehören, wurden unschädlich gemacht.“
(Anmerkungen: 1. etkisiz hale getirmek – wirkungslos machen, unschädlich machen – ein euphemistischer staatlicher Ausdruck für töten. 2. Im Türkischen ist das Wort terörist geschlechtsneutral).
Sowie: „Bei der in Şırnak / Silopi andauernden Operation wurden zwei Bedienstete der Sicherheitskräfte verletzt, wobei ihr Leben nicht in Gefahr ist, 1 Terrorist, der einer separatistischen Terrororganisation angehört, wurde unschädlich gemacht.“
Nach Angaben des türkischen Generalstabs wurde die Militäroperation im Gebiet Cizre schon am 15. Dezember eingeleitet.
http://www.tsk.tr/4_olaylar/4_2_onemli_yurtici_olaylar/onemliyurticiolaylar.html

Was berichten die türkischen Kurden?
Yeni Özgür Politika berichtet am 17. Dezember aus der Region Mardin, wo in den Bezirken Dargeçit und Nusaybin ebenfalls die Ausgangssperre verhängt wurde, dass dort das Militär gezielt die Wasserreservoirs der Häuser und die Trafostationen zerstört habe, um den Widerstand der Bevölkerung zu brechen.
Die Zeitung berichtet am gleichen Tag, dass ein Spezialteam der Polizei wohl am 15. Dezember ein Studentenwohnheim der Uni Şırnak gestürmt und 9 Studentinnen festgenommen hat, die am Vortag, also am 16. Dezember, wieder auf freien Fuß gesetzt wurden.
http://www.yeniozgurpolitika.org/index.php?rupel=nuce&id=49417
http://www.yeniozgurpolitika.org/index.php?rupel=nuce&id=49420

Syrische Kurden stehen vor Cerablus
Am gleichen Tag, also am 16. Dezember, berichten türkische Medien, dass die YPG, die bewaffneten Einheiten der syrischen Kurdenpartei PYD, die (angeblich) von syrischen Turkmenen gehaltene Stadt Cerablus an der syrisch-türkischen Grenze umzingelt hätten und das Kommando zum Angriff der russischen Seite abwarteten, die sie dann mit der Luftwaffe unterstützen würden. Unabhängig davon, ob diese Nachricht zutrifft, dient sie jedenfalls in der Türkei dazu, die Angriffe auf die türkischen Kurden psychologisch zu rechtfertigen, denn die Türkei präsentiert sich gern als Schutzpatron der syrischen Turkmenen.
Quelle:
http://www.haberler.com/bomba-iddia-ypg-rusya-dan-talimat-bekliyor-7972542-haberi/

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