Türkei: Die Kosten des Städtekriegs

Die irakisch-kurdische Nachrichtenagentur Rudaw.net veröffentlichte am 26.08.2015 ein Gespräch mit dem nach 16 Jahren Dienst aus dem Militär ausgeschiedenen Metin Gürcan.

Hier die Fragen von Rudaw und die Antworten von Metin Gürcan in Zusammenfassung (Zitate sind als solche gekennzeichnet).

Rudaw: „Wieso verzichtet die PKK auf den Guerrilla-Krieg auf dem Land und führt jetzt Krieg in den Städten?

M. Gürcan: „Dafür gibt es meiner Meinung nach zwei Gründe: Der erste davon ist die Niederlage, die die PKK 2012 durch die türkischen Streitkräfte in Şemdinli erlitten hat. Im Jahr 2012 wollte die PKK Şemdinli mit annähernd 1000 Kämpfern belagern und dann von der Türkei abtrennen und unter ihre Kontrolle bringen (AdÜ: Semdinli liegt in der Provinz Hakkari an der Grenze zum Irak und zum Iran). Aber hier wurde sie zum ersten Mal mit einer Technologie-intensiven Kriegsführung der türkischen Armee konfrontiert.“ Gürcan zählt dann den Einsatz von Drohnen, von Luftunterstützung für die Bodentruppen, von Lenkwaffen u.a. Techniken auf, die dazu führten, dass die PKK eine Niederlage erlitt. Die PKK hat erkannt, dass die Entdeckung solcher Aktionen aus der Luft und die Bombardierung der Kämpfer aus der Luft für die türkische Armee weitgehend verlustfrei erfolgt, während sie ihre Kämpfer verliert. Deshalb hat sie auf den Städtekrieg umgestellt.

Gürcan sieht aber auch noch einen zweiten Grund für die Umstellung: „Die PKK, die an die 30 Jahre Kampferfahrung besitzt, ist auf militärischem Gebiet eine „lernende Organisation“. Sie kann die Kampftaktiken des Feindes gut kopieren. Nun, es war eine Taktik des „Islamischen Staats“ sowohl im Irak wie in Syrien, die Kämpfe ins Volk zu tragen und dann unter dem Volk Zuflucht zu suchen. Derzeit macht die PKK in der Türkei dasselbe.“

Dadurch, dass die PKK die Gewalt mit Hilfe von Jugendlichen auf die Straße trägt und im Rahmen von Kundgebungen verübt, ist auch nicht mehr leicht zu entscheiden, ob die Täter bewaffnet oder unbewaffnet, Zivilisten oder „Terroristen“ sind. „So war der PKK-Anhänger, der mit dem Einsatz eines handgefertigen Sprengkörpers in Hakkari den Tod von zwei Soldaten herbeigeführt hat, ein 1999 geborener Jugendlicher im Alter von 16 Jahren.“

Rudaw: „Hat die PKK diese Änderung vorgenommen, weil ihre alte Kampfstrategie nicht mehr wirksam war? Oder hat die Konjunktur sie zu einer solchen Änderung gezwungen?

M. Gürcan: Er betont noch einmal, dass die türkische Armee der PKK technologisch überlegen ist, wenn sie im ländlichen Gebiet kämpft. In der Stadt dagegen kann sich die PKK in der Bevölkerung verstecken und ist so sicherer. Außerdem hat sich das globale und regionale Umfeld geändert. „Wegen ihres Kampfes gegen den Islamischen Staat hat die PKK in den vergangenen zwei Jahren weltweit eine Legitimität erhalten, die sie bislang nie besessen hat. Die entscheidenden Personen der PKK sitzen sowohl im Irak wie in Syrien mit den Verantwortlichen der USA an einem Tisch, planen Militäroperationen und dann werden mit den PKK-Kämpfern gemeinsame Operationen gegen den IS durchgeführt. Man setzt Vertrauen in die PKK. In Tel Abyad hat der syrische Ableger der PKK, die YPG zum ersten Mal zusammen mit der amerikanischen Armeed ie Boden- und Luftbewegungen koordiniert und so gegen den IS einen Erfolg errungen. Der Erfolg von Tel Abyad hat die YPG zu einem wichtigen Verbündeten der USA im Kampf gegen den IS gemacht, und es ist deutlich, dass die USA dieses Bündnis in der nächsten Zeit nicht aufgeben möchte.“

(…)

Rudaw: „Die PKK hat 1994 sowohl auf militärischem, wie auch auf politischem und diplomatischem Gebiet die Initiative verloren. Kann die PKK die Initiative mit Hilfe der Strategie des Städtekriegs wiedererlangen?

M. Gürcan: „Die von der PKK gesteuerten Kämpfe in den Städten machen die PKK zwar unbesiegbar, die sozialen und menschlichen Kosten sind aber massiv. Wir wissen, dass die PKK speziell den in der Region lebenden kurdischstämmigen Mitbürgern zur Last fällt und sie nervt. So hat die PKK Mühe, das Geld für ihre Streitkräfte in Syrien und im Irak aufzutreiben. Den lokalen Kommandaten in der Türkei gibt sie Anweisung, sich aus lokalen Quellen zu finanzieren. Dies führt dazu, dass zur Finanzierung des Städtekriegs in der Türkei (…) durch die Jugendlichen Erpressungsgelder (in ihrer Darstellung: Revolutionäre Steuern) eingetrieben werden. Klar, dass dies die in der Region lebende Bevölkerung beunruhigt und belästigt.“

„Während die PKK mit dem Thema der Selbstverwaltung den Staat in die Zange nimmt, führt die Gewalt, die sie vor Ort verübt, dazu, ihr Ansehen und ihre Legitimität beim Volk in Frage zu stellen. Für die PKK ist das meiner Meinung nach ein Paradox. Die Stadtkämpfe vergiften allmählich das Klima, und wegen der Gewalt und Zerstörung, die die PKK mit im Volk anrichtet, werden die Menschen, die nicht zur Arbeit gehen können, die ihren Laden nicht öffnen können, oder die eine Dienstleistung nicht nutzen können, zunehmend unzufrieden. Zum Zerstören eignet sich der Städtekrieg als Strategie hervorragend, aber andererseits muss man den Menschen auch eine Ordnung in Aussicht stellen. Gut – die Jugendlichen der PKK in den Städten beseitigen die staatliche Autorität der Türkei im betroffenen Landkreis oder Bezirk, aber schlussendlich muss auch in diesem Landkreis oder Bezirk mal der Müll eingesammelt und Fragen der Kanalisation und der Infrastruktur gelöst werden.“

„Und da ist die Erfahrung mit der PKK mangelhaft. Die Qualität der Dienstleistungen von Rathäusern, die in den Händen der DBP (kurdische Partei auf Lokalebene) sind, ist in der Türkei bekannt. Das Mahmur Camp liegt seit über 20 Jahren in den Händen der PKK. Besuchen Sie einmal das Camp, das mit Mitteln der UNO unterstützt wird, und schauen Sie sich dort die Qualität der Verwaltung und der Dienstleistungen an. Für mich ist das die größte Schwäche der PKK. Wenn’s ums Verbrennen und Zerstören geht, ist sie 1 A, aber wenn es darum geht, Ordnung herzustellen, die Menschen mit Dienstleistungen guter Qualität zu versorgen oder die Lokalbevölkerung an politischen Prozessen der Verwaltung zu beteiligen, weist sie noch immer beträchtliche Mängel auf.“

(AdÜ: Dies ist der wichtigste Teil seiner Äußerungen, die Zusammenfassung endet hier).

Quelle:
http://rudaw.net/turkish/interview/26082015

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